Am Grab der "Süßen" - Big Helga: Clownesker Stolz vor Bonzenthron

Helga Hahnemann war eine beliebte Entertainerin der DDR. In diesem Artikel wird die Künstlerin kurz vorgestellt. Weiter unten finden Sie einige ihrer bekanntesten Lieder!

Das Grab von Helga Hahnemann


Ein niedergebranntes Paraffin-Licht auf dem oberen Grabsteinrand, daneben eine Henne aus Keramik mit wichtig-wachem Gluckenblick, flankiert vom einem träumenden Engelchen in Weiß,
Grab Helga Hahnemann auf dem Friedhof Wilhelmsruh
Das Grab von Helga Hahnemann
Foto: -wn-
und am Fuß des Marmorsteins mit der schlicht gehaltenen Aufschrift "Ruhestätte Familie Hahnemann" lehnt ein mit wetterfesten roten Rosen drapiertes Herz (Foto). Darauf: "HELGA, 08.09.1937 - 20.11.1991 - WIR VERGESSEN DICH NICHT". Wem würde es heute auch schwer fallen, dieses schöne Versprechen mitzutragen, allein schon weil sich der mediale Betrieb an ihren Couplets und Conferencen, an den Sketschen und Späßen aller Art unaufhörlich delektiert! Ihr systemübergreifendes künstlerisches Kaliber zeigte sich (erneut) im Jahre 2000, als die Auflage der Zeitschrift SuperIllu um zwölf Prozent hochschnellte, nachdem man die in der Wendezeit Klinken putzende "Schlagertante aus der DDR" versuchsweise auf den Titel genommen hatte. Seitdem wird sie von den meisten in Ost wie West geliebt - Henne hier und Henne da, so dass sich jetzt die Stadt Berlin entschloss, ihre letzte Ruhestätte auf dem entlegenen Wilhelmsruher Friedhof in den Rang eines Ehrengrabes zu erheben.

Helga Hahnemann privat


Die so post mortem geehrte Frau mit dem brachialen Hang zum Clownesken war eine begnadete Lustigmacherin, die das anfeuernde "Bravo Pour Le Clown" (Edith Piaf) nicht brauchte; sie löste ihren Beifall
ohne fremde Hilfe aus. Solche wegen ihres Witzes geschätzten Menschen konnten sich früher nur "reiche Privatpersonen halten, die ein Posse oder ein Zötlein gern mit einer Mahlzeit Essen bezahlten", wie der Kultur- und Literaturhistoriker Karl Friedrich Flögel (1729-1788) in seiner "Geschichte der Hofnarren" schreibt. Flögel lässt keinen Zweifel daran, dass sich diese lustigen Personen lediglich einen Anschein von Dummheit gaben, in Wirklichkeit meist superkluge Leuten waren. Auf Big Helga, eine der wenigen Entertainer, die weitgehend ohne Kalauer auskamen, trifft dieser hohe Intelligenzquotient zweifelsfrei zu - mehr noch: wenn man das Närrische an ihr wertschätzt, so kann aber von "Hof" im Sinne einer staatsnahen Vorzeigekünstlerin kaum die Rede sein, auch wenn sie Konfrontationen mit den Funktionären lieber mied. Als Beweis für ihren clownesken Stolz vor Bonzenthron mag ein im September 1988 an den SED-Chefideologen Kurt Hager (1912-1998) gerichtetes briefliches Verlangen gelten, in dem sie die Genehmigung eines Auftrittes in der RIAS-Schlager-Parade '88 einfordert. Und das mit dem begleitenden Vermerk: "Ich gestehe, dass ich es ein wenig Leid bin, vor jedem meiner Auftritte außerhalb unserer Grenzen so viele Hürden überspringen zu müssen - um im Olympischen Sprachgebrauch zu bleiben." Der Brief endet "Mit den besten Grüßen / Ihre ‚größte Quasselstrippe von Berlin' Helga Hahnemann" (zitiert nach "Einverstanden, E.H.", Hrsg. Henrik Eberle, Denise Wesenberg). Sie durfte zum RIAS-Konzert in die Deutschlandhalle fahren - mit dem von Kurt Hager vorsichtshalber eingeholten "Einverstanden" des großen Kunstverstehers an der Spitze der Partei. Auch von einer verspäteten und launigen Rückkehr aus Westberlin wird berichtet. Am geschlossenen Grenzübergang angekommen habe sie gerufen: "He, ihr Eierköppe, macht mal hier auf, ich will nach Hause." Nach Darstellung ihrer Freundin Angela "Gela" Gentzmer hätten sie die Grenzer nach kurzem Zögern rein gelassen.

Helga Hahnemann auf der Bühne und im TV


Auf der Bühne verströmte sie eine Sentimentalität, der sich kaum jemand entziehen konnte. ("Een kleenet Menschenkind" oder "100 Mal Berlin"). Als Diplomraumpflegerin Traudl Schulze interviewte sie den Reporter Oertel, den Sänger Süß und den Moderator Quermann, ohne daß einer von den dreien auch nur ein Wort hätte sagen können. Als sie in der Rolle der Sportlehrerin Ilse Gürtelschnalle das Publikum des Friedrichstadt-Palastes zu Rumpf- und Armbewegungen auffordert, erhebt sich Walter Ulbrichts Geist: "Jeden Tag an an jedem Ort - einmal in der Woche Sport". Das war die Pflicht, zur Kür gehörten jene Verausgabungen der "lustigen Person", von deren Lachanreizen der österreichische Nervenarzt Sigmund Freud (1856-1939) sagt, sie entstünden, weil Bewegungen und Gehabe der Clowns "uns übermäßig und unzweckmäßig erscheinen. Wir lachen über einen allzu großen Aufwand." Diesen Aufwand an Persiflagen, Pointen und Darbietungen zirzensischer Art trieb Helga Hahnemann bis zu ihrem Tod, sei es beim eingesprungenen Spagat in der Ballettnummer, beim Ritt auf dem breiten Rücken einer Milchkuh in der Manege oder - 1981 im 52. Kessel Buntes - als Gesangspartnerin der jamaikanischen Popsängerin Precious Wilson (geb. 1957), mit der sie das "Knäckebrotlied" zelebriert, eine fröhliche Adaption des bekannten Titels "Cry to me". Dann ist sie angeklagte Kleinkriminelle im bereits klassisch gewordenen Gerichtssketsch mit Alfred Müller (1926-2010), bei dem sie sich darüber beschwert, dass "das Ei des Damokles immer die falschen trifft". Kurios ist es schon, dass in einem Staat mit einer krankhaft ausgedehnten politischen Justiz ein solch dusseliger Richter auftreten konnte - war man doch sonst so sensibel, wenns um Komik ging. Hahnemanns im Sketsch zutage tretendes Pblebejertum setzt sich fort in ihren Berliner Gassenhauern, etwa wenn sie angetütert nach Hause kommt, "dein kleines Engelein, / der tut der Kopf weh vom Heiljenschein". Auch in drei Filmen der Olsenbanden-Filmreihe, in denen sie die Yvonne Jensen umwerfend synchronisierte - diese gespielt von der dänische Schauspielerin Kirsten Walther (1933-1987) - weiß die Hahnemann Yvonnes Rührseligkeit und ihr derbes Habenwollen witzig in Einklang zu bringen.

Gelegentlich prangert sie auch mit ihren Mitteln Verhaltensweisen an, die im staatssozialistischen Normensystem noch nicht das Attribut "des Fortschrittlichen" verdienten. Das war ein Feld, auf dem die Humoristen ohne Ende lustig sein konnten. Hier tritt die Hahnemann einmal als schlampige Kaufhallen-Chefin auf, die es den Kunden verübelt, dass "die Knalltüten" in ihrer "gut aussortierten Halle" ausgerechnet am Sonnabend einkaufen wollen. Ihn solchen Fällen war die DDR-Satire daran beteiligt, den neuen Menschen zu formen - leider kam es infolge eines allgemeinen Ausbruchs zum Abbruch dieses Bemühens. Schade auch, dass sich Helga Hahnemann und ihrer Texterin Angela Gentzmer gemeinsam keine Gedanken mehr darüber machen können, ob sich aus dem nach einer kabarettistischen Aufbereitung schreienden Guttenbergschen Promotionsverfahren nicht ein Posse machen ließe, vielleicht wieder eine Verhandlung vor Gericht. Man hört sie förmlich, die "Süße", wie sie sich dort als Zeugin und Ehefrau des Doktoranden hätte einlassen können:
"Und det eene kann ich Ihnen saren, Herr Ober-Professor: Meen Alter hat noch nie nich von jemand auch nur eene Zeile abjeschrieben, der selber keen Doktor war. Det weeß ich jenau, so wat macht mein Gatte einfach nicht. Wir kommen aus geordnete Verhältnisse."


Wie man zum Friedhof Wilhelmsruh kommt:
Mit der Straßenbahn M1 bis Rosenthal Nord und rund 400 Meter zu Fuß.
Das Grab der Familie Hahnemann liegt wenige Meter vom Eingang des Friedhofes entfernt.


Bekannte Lieder von Helga Hahnemann


Die meisten Lieder von Helga Hahnemann waren in der DDR sehr beliebt.
Fast jeder DDR Bürger kannte diese Lieder von Big Helga:
  • Jetzt kommt die Süße...
  • 100 Mal Berlin
  • Wo Is Mein Jeld
  • Dicke Da
  • Een Kleenet Menschenkind
  • und viele mehr!
  • Lesen Sie auch:
    Erneut am Grab der "Süßen" / Vernehmung der Bürgerin Hahnemann, Helga
    (Text: -wn- / 14.03.2011)


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