Kastanienallee 86 - Kolbergs Hauch und Hoffnung :

Annabelle lebt! Wer in der Kastanienallee im Prenzlauer Berg vom nördlichen Ende südwärts geht, dem könnte nach etwa 500 Schritten drastisch verbildlicht werden,
Kastanienalle 86 in Berlin Prenzlauer Berg
Foto © -wn-
dass er mit den deutschen Zuständen einen allzu konformistischen Frieden schloss - nur weil er vielleicht noch nicht die empörenden Harz-IV-Almosen braucht. Auf Höhe des 86. Quartiers (Foto) wird er jedenfalls mit einer Intensität wachgerüttelt, wie sie vor fast 40 Jahren jenes "herrlich intellektuelle, wunderbar negative und erfrischend destruktive" Mädchen an den Tag legte, die geistesdominante Annabelle, die der Chansonnier Reinhard Mey lernwillig anfleht: "Zerstör' mir meine rosa Brille / Und meine Gartenzwergidylle!" Von Idylle ist vor Ort nichts zu sehen: An der teils schon putzfreien Fassade des Gründerzeit-Hauses mit den Fenstersimsen in historisierender Formenvielfalt und den Dachkragsteinen über dem verwitterten Ornament-Stuckfries kommt jedoch der Passant nicht vorbei, ohne den denkrichtigen Spruch aus 80 Zentimeter hohen Buchstaben zu lesen: "Kapitalismus normiert, zerstört, tötet".

Die Kastanienallee 86


Ähnlich angriffig hatte eine ganze Epoche früher - um 1820 - der Frühkapitalist und Prenzlauer Ackerbauersohn Wilhelm Griebenow (1784-1865), seinem Herzen Luft gemacht.
Der umtriebige Mann ging als Makler, Bauherr und Namensgeber der Kastanienallee (auch der Pappelallee) in die Stadtgeschichte ein. An der nahen Zionskirche lautet ein 220 Meter langes Sträßchen auf seinen Namen. Auf seinem parzellierten Grund und Boden steht auch das Haus Nr. 86, das aus einer späteren Generation von Gebäuden stammt. Griebenows Protest ergab sich aus gravierenden Steuer- und Karrierenachteilen zu Lasten des damals noch so wunderbar unsaturierten Bürgertums. "Wohl niemand ist im gesamten Bürgerstande, der nicht schon einmal den Stolz und Uebermuth des Adels erfahren hätte", klagte der gelernte Büchsenmacher und ehemalige Soldat im preußischen Militärdienst über den Friderizianischen Adelsschutz, der dem Mittelstand das Geschäft verdarb. Griebenow, der eine 17jährige Frau heiratete, die - wie er im Selbstverlage mitteilt - "im erbeigenthümlichen Besitz eines im Berliner Weichbilde gelegenen Ländereien-Complexus von 300 Morgen war", ist letztlich wirtschaftlich erfolgreich gewesen; macht er doch stolz geltend, " daß ich es war, der die Schönhauser Vorstadt aus dem Erdboden hervorrief." Dieses Verdienst bleibt ihm.

Doch Häuser kommen in die Jahre. Die unansehnlich gedunkelte Fassade der Nr. 86 weist nicht nur fortgeschrittenes Alter aus. Für das Haus, das den Zweiten Weltkrieg überstand, beginnt ab 1945 die eigentliche Leidensgeschichte. Es trat - neben Zerstörung - das Schlimmste ein: das Haus verkam, und das in der hochgelobten Hochburg des staatssozialistischen Wohnungsbaues. Für Reparaturen hatte die Kommunale Wohnungsverwaltung wenig Mittel, Arbeitskräfte gar nicht. Das Abstoßen des nach allgemeinem Maßstab unbewohnbar gewordenen, leeren Hauses aus dem Wohnungsbestand des Stadtbezirkes - bei fortbestehender Wohnungsknappheit - geht auf die 70er Jahre zurück. Wilhelm Griebenows Anspruch "Berlin zu erweitern und dem großen Paris ähnlich zu machen" konnte hier
kaum verwirklicht werden. Im Mai 1990 bewegt sich was: Die Bewohner eines polizeilich geräumten Hauses in der Friedrichshainer Mainzer Straße verduften in die Kastanienallee Nr. 86. Da in solchen Problemgebäuden eine Inbesitznahme von Wohnraum durch Eintreten und Abstellen von Kiste und Tasche einschließlich eines später abgeschlossenen Mietvertrages schnellstens legalisiert war, wurden aus den Besetzern zwar keine Eigentümer, aber doch Mieter. Es war die Geburtsstunde eines alternativen Wohnprojektes im Vorderhaus, zu dem das hintere Tuntenhaus gehört, das seitdem Schwule und andere männliche Homosexuelle mit eher weiblicher Attitüde bewohnen. Ihr aller Credo: "Wir wollen mit selbstbestimmten Regeln (leben), geringen Mieten, ohne ständige Kontrolle, Gängelei oder Drohungen durch die Vermieter und gemeinsam mit Menschen, die ähnliche Ansichten zum Zusammenleben haben wie wir selbst." Im Souterrain präsentiert die Galerie Walden Ausstellungen der internationalen Berliner Kunstszene, aber auch so anregende Projekte wie "Anarchie ist machbar, Frau Nachbar". Im Hof befindet sich eine der Berliner Tafel ähnliche Lebensmittelverteilerstelle. Das Problem? Die Bewohner leben in einem mittlerweile rückübertragenen und schon mehrfach weiter verkauften Haus. Die derzeitigen Besitzer wollen die Dachböden ausbauen und vermieten, Kaminabrisse machen eine Zentralheizung notwendig - und einer der Eigentümer will selbst einziehen. Die Zeichen stehen schlecht; der Ruf nach Solidarität erschallt

Wilhelm Griebenow, der 1807 die Festung Kolberg (Kołobrzeg) unter dem Befehl des bedeutendsten militärischen Gegenspielers Napoleons I., Neidhardt von Gneisenau (1760-1831), gegen die Belagerer erfolgreich mit verteidigte und nach der Niederlage des Korsen bei Waterloo 1815 bis nach Paris kam, notierte einiges über das Soldatenleben, was trotz gewisser Idealisierung und Unterschiede auch für die Leute in der "Festung Nr. 86" gelten mag. Dieses Zusammenleben sei "seinem Geiste nach ein kameradschaftliches Leben, und die innere gemüthliche Tüchtigkeit einer Truppe wächst in dem Grade als ihren einzelnen Gliedern Gelegenheit wird, Strapazen, Gefahren und Entbehrungen mit einander zu teilen". Wie immer sich die Dinge in Nr. 86 entwickeln - der Hauch von Kolberg sollte nicht verfliegen.

Wie man zur Kastanienallee 86 kommt:
Tram: M1, 12 Schwedter Strasse
U2 Eberswalder Strasse
U8 Rosenthaler Platz
Text: © -wn-




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