Das Schloss Schönhausen: Morgengabe eines Ehrenmannes : Kolossal für Berliner Verhältnisse: Lediglich ein einziger Krieg, der Siebenjährige, richtet im Schloss von Schönhausen, heute Pankow-Niederschönhausen, erklecklichen Schaden an.
Das Schloss Schönhausen in Berlin Pankow
Foto © -wn-
Marodierend ziehen im Oktober 1760 russische Truppen durch die preußische Hauptstadt und kommen auch nach Schönhausen, damals ein Nest mit "19 Feuerstellen und 187 Menschen". Bis zu dieser Zeit sind dem nahen Schloss an der Panke und dem angrenzenden Park mit mächtigen alten Eichen, Buchen, Kastanien und Platanen stille Zeiten beschieden gewesen - dafür lässt man es an Obhut fehlen. Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg hatte das ursprüngliche Rittergut mit Meierei 1690 von einer preußischen Kanzlerswitwe erworben und zum barocken Schloss gewandelt. Da der Bauherr bald starb und sein Sohn, der spätere Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., lieber die Potsdamer Riesengarde auf dem Exerzierplatz drillte als das Schicksal der teils leer stehenden teils vermieteten Immobilie im Auge zu behalten - ist die erste Blütezeit des Kastells im Berliner Norden vorbei.

Das Jahr 1740 bricht an, in dem Friedrich Wilhelm stirbt und die 46 Jahre lange Regierungszeit Friedrichs des Großen beginnt.
Der schon seit sieben Jahren verheiratete Erb-Monarch, wohnhaft noch in Rheinsberg, hat ein Problem: Er verweigert seiner Frau Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern ein gemeinsames Residieren im Berliner Schloss. "Ich habe keinen Widerwillen gegen sie, sie ist ein gutes Herz, ich wünsche ihr nichts Böses, aber ich werde sie nie lieben können" hatte Friedrich 1733 kurz vor der Trauung geäußert. "Ich werde mich (aber) als Galant homme (Ehrenmann) verheirathen" - "Guten Tag, Madame, und guten Weg!". Selbst sein Vater hatte ihm nach der Brautschau ehrlich geschrieben, Elisabeth sei "nit häßlich, auch nit schön" - geheiratet wurde trotzdem unter väterlichem Druck. Elisabeth Christine, nun preußische Königin, muss aber irgendwo bleiben und erhält das heruntergekommene Schloss Schönhausen, das sie später mit Geld aus Friedrichs Schatulle geschmackvoll wieder herrichten lässt. Friedrich nennt die Schenkung "seine Morgengabe unseres neuen Freundschaftsbundes", keine Rede also von Ehe im engeren Sinne. Die Begegnungen mit dem Gatten und "Philosophen von Sanssouci" halten sich in Grenzen. "Wenn der König nach Berlin kam, so war gewöhnlich seine Gemalin Tags vorher von Schönhausen auch in Berlin eingetroffen, und Beide speisten dann in Monbijou bei der Königin Mutter", schreibt Friedrichs Biograph Karl Heinrich Siegfried Roedenbeck. Lexika schwören heute Stein und Bein, Friedrich habe die Gattin im Schönhauser Schloss nie besucht. Stimmt nicht; Roedenbeck weiß es besser: "23. Juli 1744 - Der König in Schönhausen bei dem Fest, welches daselbst die Königin giebt." Es ist die Nachfeier der sechs Tage zurückliegenden Verheiratung von Friedrichs Schwester Luise Ulrike. Zu vermuten ist hingegen ein Besuch von Johann Wolfgang von Goethe bei der Königin. Am 20. Mai 1778 kommt der Geheimrat an der Seite seines Herzogs Karl August durchs Pankower Gebiet. "Von Berlin um 10 über Schönhausen auf Tegeln", vermerkt er im Tagebuch. Nach einem Besuch bei dem Maler Daniel Nikolaus Chodowiecki war er in der Behrenstraße aufgebrochen und reist von Schönhausen über Tegel Richtung Potsdam weiter. Nachweislich besucht Goethe Elisabeth Christines Königliche Seidenraupenzucht in der benachbarten Schönholzer Heide. - In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steht der Schönhauser Hof wieder leer oder ist Speicher für Möbel und Gemälde. "… die Eichen und Erinnerungen Schönhausens sind schön, und wäre nur dem Park mehr Pflege zu wünschen!" sinniert der Schriftsteller Karl Ferdinand Gutzkow 1871. Es kommt noch schlimmer: In der Nazizeit wird das Haus eines der beiden Berliner Depots für so genannte "Entartete Kunst".

Der nächste Dauerbewohner des Schlosses war schon tot, ehe er starb - so der Historiker Wolfgang Leonhard. Denn der "Arbeiterpräsident" Wilhelm Pieck, der hier von 1949 bis 1960 amtiert, dient als Feigenblatt für den diktatorisch herrschenden General- bzw. Ersten Sekretär des ZK der SED Walter Ulbricht. Pieck stirbt vereinsamt und ohne nennenswerten politischen Einfluss gehabt zu haben. Die Einrichtung seines im ersten Stock wieder original eingebauten, in Nussbaumtönen gehaltenen Arbeitsraumes stuft die Restauratorin Ulrike Eichner als "ein unmodernes großbürgerliches, ins Präsidiale gesteigertes" Interieur ein. Am 22. März 1956 erlebt Pieck seinen aufregendsten Tag im Schloss. Der Funktionär Karl Schirdewan liest den versammelten ZK-Mitgliedern seine Mitschrift der Geheimrede Nikita S. Chruschtschows
vor dem XX. Parteitag der KPdSU vor. Die Stalinschen Verbrechen sind den meisten zwar bekannt, haben sie sie doch überlebt; mancher bangt aber jetzt um seine Karriere. Nach Piecks Tod wird das Schloss ein Gästehaus. Es übernachten Fidel Castro, der mit leidenschaftlichen überlangen Reden ständig das Protokoll durcheinander bringt, Indira Gandhi, die man auf der Protokollstrecke versehentlich - und unter indischem Protest - mit roten Fahnen begrüßt, und Ho Chi Minh, dessen weltweites Ansehen ein bisschen in die kleine DDR-Welt hinein scheinen soll. Schließlich am 7. Oktober 1989 das letzte Gespräch zwischen Michail Gorbatschow und Erich Honecker: Wagemut trifft Unvernunft. Kurz darauf treten in den Nebengebäuden die Teilnehmer des viereckigen deutschen "Runden Tisches" (mit hohem IM-Anteil) zusammen. Nach den Sitzungen der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen, der letzten maßgeblichen politischen Schloss-Nutzung, und der 2009 beendeten fünfjährigen Sanierung von Fassaden, Innenräumen und Park tritt das Haus in seine museale Phase ein. Zu besichtigen sind zu ebener Erde die königlichen Wohnräume, oben Berlins letzter original erhaltener Rokokosaal und das Arbeitszimmer Wilhelm Piecks.

Wie man nach Niederschönhausen kommt:
Mit der S- oder U-Bahn zum Bahnhof Pankow. Von dort sind es rund 15 Minuten zu Fuß bis zum Schloss und Park. Schloss Schönhausen hat die Adresse:
Tschaikowskistraße 1 in 13156 Berlin

Öffnungszeiten:
Dezember bis März: Dienstag bis Sonntag, 10-17 Uhr
April bis Oktober: Dienstag bis Sonntag, 10-18 Uhr
November bis Dezember: Samstag, Sonntag und Feiertage, 10-17 Uhr
Text: © -wn-




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