Schloss Bellevue hat einen neuen Bewohner gefunden. Christian Wulff setzte sich gestern im dritten Wahlgang gegen seine Konkurrenten um das Amt des Bundespräsidenten durch. So wird nun ein Niedersachse von Berlin aus die Republik repräsentieren. Nach der Wahl trat Wulff denn auch von seinem Amt als Niedersächsischer Ministerpräsident zurück.
Die Wahl war mit neun Stunden Dauer die längste in der Geschichte der Bundespräsidentenwahl – und sie war eine Zitterpartie für die Regierungsparteien CDU und FDP: Im ersten Wahlgang kam Wulff nicht auf die absolute Mehrheit, auch im zweiten Wahlgang scheiterte er. 623 Stimmen hätte er gebraucht, die Regierungsparteien stellten 644 Wahlmänner – wären alle Parteikurs geblieben und hätten für Wulff gestimmt, hätte dies für die absolute Mehrheit also locker ausgereicht. Aber die Bundespräsidentenwahl ist frei und geheim, es geht nicht (nur) nach Parteibuch; so entschieden sich einige „Abtrünnige“ doch für Joachim Gauck, den Kandidaten von SPD und Grüne.
Einige Augenblicke lang schien der Schachzug der Opposition aufzugehen, mit Gauck einen Kandidaten aufzustellen, der auch für das konservative Lager wählbar ist. Für Gaucks absolute Mehrheit fehlten allerdings die Stimmen der Linken, die mit Luc Jochimsen eine eigene, wenn auch von Beginn an recht chancenlose, Kandidaten aufgestellt. Der Bürgerrechtler Gauck, ehemaliger Bundesbeamter für die Unterlagen der Stasi, erschien der Linken nicht wählbar. Im dritten Wahlgang zogen die Linken ihre Kandidatin zurück und enthielten sich der Stimme.
So hatte man sich das in der Koalition nicht vorgestellt. Und auch, wenn Wulff letzten Endes doch gewann: Als Erfolg können Angela Merkel und ihre Regierung diese Wahl nicht werten. Gerade nach Horst Köhlers überraschendem Rücktritt und nach den zahlreichen Schlagzeilen über koalitionsinterne Querelen wäre diese Wahl die Gelegenheit gewesen, Einigkeit zu präsentieren. Diese Chance haben CDU, CSU und FDP verpasst.