"… und es gibt Brandenbooorg" Der Brandenburger Dom St. Peter & Paul

Es stünden drei Nazis auf dem Hügel und fänden keinen zum Verprügeln - eine schräge,
Dom in Brandenburg
Der Brandenburger Dom
vom Domhof aus gesehen. Das Gotteshaus ist genau
so lang wie hoch: 58 Meter. (Teilaufnahme)
Foto: wn
aber nicht aus der Luft gegriffene Hergangsschilderung in einem "Brandenbooorg"-Song diesmal ohne Roten Aar, Buchenhain und Birkengrün - in einer Parodie nämlich, ersonnen und mit Häuptlingsfedern auf dem Kopf am Piano vorgetragen vom Kölner Kabarettisten Rainald Grebe (geb. 1971). Das ist derjenige Sänger, der mit harmlosester Miene ins Publikum guckt und dabei ernste Umstände in der Gesellschaft burlesk anzeigt, ohne dass man ihm Verharmlosen nachsagen müsste. Die ernsten Verläufe in 2014 - Kriege, Crashs und Katastrophen - bleiben oder werden einem beim Vortrag bewusst, und das Lachen steckt zunächst im Halse; aber dann entlädt es sich doch, zumindest dann und wann.
So ist das bei Rainald Grebes Botschaften einschließlich seines skurrilen Unsinns - etwa wenn er verlangt: "Lassen Sie mich durch, ich bin Chirurg.
Ich muss nach Brandenburg." Unklar bleibt, ob er die drei nach Prügelopfern Ausschau haltenden Dumpfbacken auf einem Hügel im Brandenburger Land oder in der Stadt gleichen Namens verortet. Sollte er die Stadt an der Havel im Auge haben, ist festzustellen: Schlecht möglich das; Hügel besetzt. Seit 849 Jahren (2014) steht dort (Bauzeit mitgerechnet) der Brandenburger Dom, ein frühes monumentales Bauwerk der nordeuropäischen Backsteingotik, das nach den beiden,
später in heftiges Streiten geratenen Apostel Simon Petrus (Peter) und Paulus von Tarsus (Paul) benannt ist. Das Gotteshaus steht auf der höchstgelegenen Stelle der von der Brandenburger Niederhavel umflossenen Dominsel nahe dem Herzen der Stadt. Verständlich, dass man mit einem Kirchenbau dem Herrgott so nah wie möglich sein will; indessen war der Dom zunächst keine allzu "feste Burg". Er besitzt zwar ein Fundament, das bis zu sieben Meter in die Tiefe geht. Aber es fußt auf keinem natürlich gewachsenen Grund, sondern auch auf Zuschüttungen, mit denen der Ringgraben der einstigen slawischen "Brennaburg" verfüllt wurde. Der schwankende Grundwasserspiegel der Havel führt zu einem sich verändernden Durchtränkungsgrad des Baugrundes. Nach der erfolgten Sanierung des Fundaments in unserer Zeit blickt das heutige Domstift beruhigt und erwartungsvoll auf das 2015 anstehende große Jubiläum; es rühmt den dann 850 Jahre alten Dom, auch "Wiege der Mark" genannt, mit den PR-gestützten Worten: "Bemerkenswert ist sein großer Reichtum an qualitätvoller, romanischer Bauplastik wie die Kapitelle in der Krypta. Über Jahrhunderte hinweg blieben die Markgrafen von Brandenburg und Könige von Preußen dem Dom auf das Engste verbunden. Sie statteten ihn mit Kunstwerken aus und ließen ihn immer wieder den Bedürfnissen und Gestaltungsformen der jeweiligen Zeit entsprechend umbauen."

Vorgängerbau "Brennaburg" wechselte dreizehnmal den Besitzer


Hört sich nach viel Frieden an. Ein Irrtum wäre es anzunehmen, der in der Reformationszeit protestantisch gewordene Dom
Brandenburger Dom
Das Innere vom Brandenburger Dom mit dem
abgetrennten erhöhten Priesterbereich im Hintergrund
Foto: wn
habe mit gewaltsamen Vorgängen in seinem nahen und ferneren Umfeld nichts zu tun. Im Gegenteil. 1912 gibt der Architekt und preußische Baubeamte Theodor Goecke (1850-1919) im Kommissionsverlag der Berliner Vossischen Buchhandlung ein Buch mit dem Titel "Die Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg" heraus. In einem Nebensatz beschreibt er die Mark und die Stadt Brandenburg als eine Gegend, "wohin das Christenthum erst neu mit den Waffen getragen wurde". Schon um die "Brennaburg" wurde heiß gekämpft. Ab 928 wechselte sie nach teils schweren Kämpfen dreizehnmal den Besitzer, bevor sie 1157 endgültig in deutsche Hand fiel. Im 12. Jahrhundert verließen die bekämpften slawischen Wenden das Brandenburgische - oder sie blieben und ließen sich bekehrten. Der spätere Begründer der Mark Brandenburg, Albrecht I. (1100-1170), der sich auch der Bär nannte, ist bei der Vertreibung oder "Bekehrung" der Wenden der große Sieger. Eine Chronik schreibt: "Mit rastloser Thätigkeit betrieb er die Germanisierung des seiner Verwaltung anvertraueten Landes und die Bekehrung der größtentheils noch dem Heidenthume und dem ruchlosesten Aberglauben ergebenen wendischen Bevölkerung." Die christliche Seite warf den Wenden vor, "in die allerschändlichste Abgötterey verfallen" zu sein. "Dahero hatten sie auch Feld-Götzen, Haus-Götzen, Wald-Götzen, Wasser-Götzen sowie Freuden- und Trauer-Götzen." Hauptgott war Trigla, "welcher in der Mittel-Marck zu Brandenburg auf dem Harlunger-Berge (im Nordwesten der Stadt) vorzeiten ist angebetet worden". Trigla sei zu allem Überdruss auch noch "eine nackte Frauen-Persohn mit dreyen Köpffen (gewesen), welche auff der Brust einen halben Mond mit beyden Händen gefasset hat". Damit musste aus christlicher Sicht Schluss gemacht werden. Auf wendischer Seite assimilierte man sich notgedrungen oder kämpfte anfangs gegen gewaltsame christliche Missionierungsversuche. Wenden wurden Christen und wendeten sich wieder ab. Wer sich nicht auf Dauer zum christlichen Gott und seinen Sohn Jesus Christus (4 v. Chr.-30 oder 31 n.Chr.) bekannte, wurde vertrieben. Die Bergpredigt (Matthäus 5-7) als Dokument christlicher Friedfertigkeit steht kaum im Mittelpunkt dieses religiösen Tuns, von "eiserner Zeit" ist vielmehr die Rede. Die altbekannte Frage "Was würde Jesus dazu sagen?" ließe sich hier stellen. Zwar erinnert dieser seine Jünger einmal mit leichtem Vorwurf daran: "Als ihr noch Ungläubige wart, seid ihr vor den stummen Götzen in Ekstase geraten." Aber ein Mann, der Gottesglauben mit Feuer und Schwert herbeiführen wollte - der war er nicht, und er kann in der heutigen Welt mit seinen Denkanstößen immer noch ein beredter Partner auch der Nichtgläubigen sein. "Die Religion der anderen war (jedoch) gerade das differenzierende, einander ausschließende, Feindschaft stiftende Moment", schreibt der (emeritierte)
Brandenburger Dom St. Peter & Paul
Blick auf den Eingang zum
Dom St. Peter & Paul auf der Westseite
Foto: wn
Professor für Mittelalterliche Geschichte Johannes Fried (geb. 1942) in seinem 2013 erschienenen Bestseller "Karl der Große - Gewalt und Glaube" über die damalige von Religionskämpfen erschütterte Welt.
Karl der Große (747-814), seit 768 König der Franken und ab 800 Kaiser, zählt zu den geschichtsbekannten und nicht zimperlichen Glaubensstreitern.

Ergänzend berichtet eine andere Chronik, die als Menschen zweiter Klasse eingestuften Wenden seien andererseits immerhin so zivilisiert gewesen, dass sie zum Beispiel "den Diebstal kaum den Namen nach (kannten), sie waren daher im geringsten nicht misstrauisch, hatten weder Schlüssel noch Schlösser". Es sei ihnen in ihrer Arglosigkeit lächerlich vorgekommen, dass "der Bischof, der sie zum Christentum bekehren wollte, seine neue Religion so sehr rühmte, und doch sein eigenes Gepäck und alle seine Geräthschaften vor seinen Reisegefährten verschloss". Auch Theodor Fontane (1819-1898) widerspricht der Behauptung, die Wenden seien ein wegen ihrer Religion ein unterentwickeltes Volk gewesen. Im Band Havelland der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" notiert er: "Die Frage ist oft aufgeworfen worden, ob die Wenden wirklich auf einer viel niedrigeren Stufe als die vordringenden Deutschen gestanden hätten, und diese Frage ist nicht immer mit einem bestimmten ‚Ja' beantwortet worden. Sehr wahrscheinlich war die Superiorität (Überlegenheit) der Deutschen, die man schließlich wird zugeben müssen, weniger groß, als deutscherseits vielfach behauptet worden ist."

Mönchsorden der Prämonstratenser legt 1165 den Grundstein für den Dom


Um 1165 wird für den Dom in heutiger Gestalt der Grundstein gelegt. Initiator ist der katholische Mönchsorden der Prämonstratenser,
Wagner-Orgel im Brandenburger Dom
Die Wagner-Orgel des Brandenburger Domsaus den Jahren
1723-1725. Die Orgel hat 33 Register (2010 Pfeifen) auf
zwei Manualen und Pedal. Foto: wn
deren Gründer Norbert von Xanten (1080 od.1085-1134), ein Wanderprediger war. Es entstand zunächst eine Pfeilerbasilika mit einer Krypta, die später aus- und umgebaut wurden. Der gotische Dombau ist ab 1377 mit dem Chor begonnen und in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit der Langhauswölbung abgeschlossen worden. Der Turm in heutiger Gestalt wurde 1836 gebaut. Die vorausgegangenen Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den slawischen Führern und dem christlichen Uradelsgeschlecht der Askanier, die mit Albrecht I. von Brandenburg einen prominenten Vertreter besaßen, hatten eine noch heute augenfällige Auswirkung auf die bauliche Gliederung des Dominneren. Bereits um das Jahr 1235 gab es - ähnlich wie in einer Russisch-Orthodoxen Kirche - eine von Sicherheitsdenken bestimmte Trennung von Priesterbereich und Laienraum. Beide Räume waren in vielen Kirchen von einem hohen Lettner (Wand) getrennt. Im Brandenburger Dom ist der Priesterbereich erhöht gebaut und über eine seitlicheTreppe erreichbar. Eine solche Trennung sei den Kanonikern des Domkapitels sehr willkommen gewesen, schreibt die Chronik; gerade in einer Stadt, "die noch nicht gar lange einem verachteten, abergläubigen Feind entrissen war, mussten sie sich um so mehr zu einer vorsichtigen Zurückhaltung vor der Volksmenge veranlasst fühlen". Die vier Mädels der russischen Punk-Band Pussy Riot, die am 21. Februar 2012 in die ebenerdige Ikonostase der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale vordrangen, um ein "Punk-Gebet" zu zelebrieren, wären hier gar nicht zum Zuge gekommen.

Trotz des geschichtlichen Ernstes, der sich mit dem Brandenburger Dom verbindet, ist Rainald Grebe nicht der erste Satiriker,
Bildhauerarbeit im Brandenburger Dom
Satirische Darstellung religiöser Blasphemie und
Scheinheiligkeit am westlichen Domeingang.
Ganz rechts predigt ein Fuchs mit Mönchskappe
drei Gänsen, links eine ähnliche Szene.
An anderer Stelle der Bildhauerarbeit werden
die Gänse von den Fuchs-"Priestern" gefressen.
Foto: wn
der das Brandenburgische Leben aufs Korn nimmt. Denn immer, wenn sich eine neue Elite etabliert, dauert es nicht sehr lange bis einzelne Vertreter aufhören, ans "Große und Ganze" zu denken und sich stattdessen sehr oft um das Eigene zu kümmern. In der Mark waren es im religiösen Bereich die Erzpriester oder Decani, von denen einige zur "Sittenverderbnis der Geistlichkeit" beitrugen. In Abbildungen werden diese Zeitgenossen meist als Füchse oder Wölfe dargestellt, die Messen lesen und Beichten abnehmen. Sie sollen auch ausgiebig dem Brandenburger Bier zugesprochen haben, welches - so die Überlieferung - schnell in den Kopf stieg, träge und schläfrig machte und - aus unbekanntem Grund - "Alter Claus" genannt wurde. Im Jahre 1795 kommt ein Maler, von dem nur der Name K.W. Meyer bekannt ist, am Dom vorbei - und er staunt. In der aufklärerischen "Berlinischen Monatsschrift" schreibt er später unter der Überschrift "Beschreibung einer alten satirischen Bildhauerarbeit": "Ich komme nach Brandenburg an der Havel, schleiche mit meiner Zeichenmappe um den dortigen Dom herum, und sehe an den Gothischen Säulenköpfen des (westlichen) Einganges zum Thurm eine Menge in Backstein abgeformter Figuren, worüber sich eine … satirische Schrift entwerfen ließe." Der Haupteingang unterhalb des Langhausgiebels wird von beeindruckenden Kalksteinkämpfern geziert - Säulen, die den Druck des aufsteigenden Bogens aufnehmen. Hier nun finden sich plastische Darstellungen von Füchsen, die Gänsen predigen. "Der eine Fuchs steht auf einer Kanzel, über die er sich mit ineinander geschlagenen Vorderpfoten lehnt, und die Gänse scheinen ihm mit einer stumpfen Achtsamkeit zuzuhören. Dann ein (weiterer) Fuchs in einer herabspringenden Stellung. Eine Gans liegt unter ihm todt; eine andere hat er sich über den Rücken geworfen; und eine dritte, die mit erhobenen Flügeln und umgewandtem Kopfe vor ihm steht, scheint er eben erwürgen zu wollen".

Im Brandenburger Dom scheiterte endgültig die Revolution von 1848


So wie am Domeingang diese beißende Kritik an der blasphemischen Scheinheiligkeit
Im Museum der Slawenburg Raddusch im Biosphärenreservat Spreewald
Darstellung einer wendischen Familie
aus dem 8. Jahrhundert im Museum der
Slawenburg Raddusch im
Biosphärenreservat Spreewald.
Im Vordergrund junge Museumsbesucher
Foto: wn
mancher Gottesmänner zu sehen ist, ist der Dom auch ein Ort, an dem sich im Dezember 1848 das Scheitern der Deutschen Revolution gleichen Jahres sinnfällig vollzog. Nachdem die auf Betreiben von König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) die Mitglieder der Preußischen Nationalversammlung am 9. November 1848 aus dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt vertrieben wurden, sollten die Abgeordneten fortan im Brandenburger Dom tagen. Überliefert ist ein Gespräch zwischen dem Kommandanten der Bürgerwehr, Major Otto Rimpler (1801-1882) und dem mit der Räumung des Schauspielhauses beauftragten Generalfeldmarschall Friedrich Heinrich Ernst Graf von Wrangel (1784-1877). Danach erklärte der Major: "Ich weiche nur der Gewalt, Herr General!" "Dann sollten Se jetzt weichen, Herr Major, die Jewalt is´da!" war Wrangels bündige Antwort. Wegen der Weigerung zahlreicher Abgeordneter, nach Brandenburg zu gehen, blieb das Gremium beschlussunfähig. Durch königliche Order wurde es am 5. Dezember 1848 aufgelöst.
Im Dom indessen sang man später das Kirchenlied, in dem es heißt:
"Verlasse Dich auf Fürsten nicht,
Sie sind wie eine Wiege.
Wer heute Hosianna spricht,
Ruft morgen crucifige."
(Crucifige: Ans Kreuz mit ihm! Das Wort stammt aus dem Markus-Evangelium des Neuen Testaments. Darin wird die Menschenmenge mit diesem angeblichen Aufruf zitiert, nachdem Pontius Pilatus fragte, ob er den gefangenen Jesus freilassen solle.)

Wie man zum Brandenburger Dom kommt:


Von Berlin aus benutzt die man Autobahn A10 bis zur Abfahrt Brandenburg. Die die Autobahn querende Bundesstraße B102 führt Richtung Norden ins Zentrum der Stadt. Dort ist der Weg auf die Dominsel ausgeschildert. Parkplätze gibt es nur in beschränktem Maße.

Adresse:
Domstift Brandenburg
Burghof 10
14776 Brandenburg
Tel. 03381 / 2112223

Öffnungszeiten vom Dom in Brandenburg


Ab 1. April:
Montag-Samstag: 10:00 Uhr - 17:00 Uhr
Sonntag: 11:30 Uhr (nach dem Gottesdienst) - 17:00 Uhr
Im Winter:
Montag-Samstag: 11.00 Uhr - 16.00 Uhr
Sontag: 11:30 Uhr (nach dem Gottesdienst) - 16:00 Uhr

Feststehende Veranstaltungen im Brandenburger Dom:


Do 18:00 Uhr: Vesper mit Abendmahl in der Petrikapelle Mo-Fr 12:00 Uhr: Mittagsgebet in der Petrikapelle So 10:30 Uhr: Gottesdienst

Mai-September
Sonntags, nach dem Gottesdienst, Orgelführung auf der Empore
Der Eintritt zum Dom in Brandenburg ist frei!
Um eine Spende wird gebeten.
Der Brandenburger Dom im Internet: www.dom-brandenburg.de
Text: -wn-

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