Potsdam: Holländisches Viertel - Begnadet der Fürst, begnadigt der Schuster

Beide heißen Friedrich Wilhelm. Der eine ist Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688).
Mittelstraße im Holländischen Viertel
Blick in die Mittelstraße des Holländischen Viertels.
Im Haus Nr. 3 kauft Friedrich Wilhelm Voigt am 8. Oktober 1906
einen Hauptmanns-Mantel. Foto © -wn-
Der zweite Friedrich Wilhelm ist Schuster und ein vorbestrafter Kleinkrimineller mit einer plötzlich aufgekommenen landesweiten Bekanntheit und hochschnellenden Sympathiewerten; Näheres weiter unten. Im Schwedisch-Brandenburgischen Krieg erweist sich der Brandenburger als begnadeter Feldherr und wird am 28. Juni 1675 Sieger in der Schlacht von Fehrbellin. Nach seinem mit Kampfgeist und List errungenen (ersten) Triumph über die Schweden wird er als Großer Kurfürst verehrt. Die eintägige Schlacht ist für die Konsolidierung der kriegsgeschädigten Mark Brandenburg bedeutsam. Erst 27 Jahre zuvor war der verheerende Dreißigjährige Krieg (1618-1648) zu Ende gegangen. Viel gibt es in der Mark wieder aufzubauen, zahlreich die Ruinen, Wüstungen, grassierend die Armut der Überlebenden. Einen kleinen Eindruck davon vermittelt ein Reisebericht "eines (anonymen) Russen über Preußen und dessen Bewohner", den der Schriftsteller Gottfried Peter Rauschnick (1778-1835) in Mainz herausgab. Dort heißt es: "Preußen wird selten von Reisenden besucht ... es ist daher gewissermaßen noch eine terra incognita (unbekanntes Land) ... Beinahe alle (Besucher) stimmen darin überein, dass dieses Land eine öde, traurige Wildnis sey..."
Am Anfang der Linie der neun aufeinander folgenden preußischen Könige - gezählt ab seinem Sohn Friedrich I. (1657-1713) - steht der Kurfürst nach Meinung des Historikers Golo Mann (1909-1994) da als "ein freier Geist, der für seinen Staat und nur für ihn und für ihn direkt, nicht auf dem Umweg über die Religion, sich abarbeitete". Und tatsächlich: Mit dem Beginn der Regierungszeit des Großen Kurfürsten beginnt der Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht - wenn auch mit einem über dreihundertjährigen Auf und Ab und einem bitteren Ende am 25. Februar 1947 - weil der Staat Preußen den Alliierten inzwischen als "Hort des deutschen Militarismus" gilt. Friedrich Wilhelm und die Nachfolger fördern - mit unterschiedlichen Akzenten und Erfolgen - eine merkantilistische Wirtschaftspolitik und schaffen eine straffe Verwaltung. Beseelt ist Friedrich Wilhelm von der Idee, wirtschaftliche Erfahrungen der Nachbarländer zu nutzen, zu aller erst die der hoch entwickelten Niederlande, in denen er vier Studienjahre verbrachte. Außerdem ist er auf die gebildeten tatkräftigen Hugenotten aus; es sind calvinistische Protestanten, die aus ihrer französischen Heimat vertrieben werden. Vorerst aber sorgen die massenhaften "Hollandgeher" für eine unerwünschte ökonomische Entwicklung; es sind tausende deutsche Arbeiter, die sich im Sommer als Tagelöhner in Holland ihr Geld verdienen. "Die Hollandgeher müssen sich bei ihrer schweren Arbeit und mageren Kost ... fast aufreiben, und verkürzen dabei ihr Leben ... die großen Gutbesitzer (in der Mark Brandenburg) aber müssen der nöthigen fleißigen Arbeiter entbehren und können daher die wünschenswerthesten Geschäfte nicht vornehmen", heißt es in einem Bericht. So ist zunächst die Lage.

Holländisches Viertel
An der Kreuzung Mittel- und Benkertstraße Foto © -wn-

Luise Henriettes Schönheit "bedurfte keiner Nachhilfe"


Mit Blick auf seine märkischen Aufbau- und Sanierungziele holt sich der Kurfürst auch die passende Frau ins Haus. Die Ehe mit der holländischen Prinzessin Luise Henriette von Oranien (1627-1667) im Jahre 1646 ist wohl auch wegen der namhaften Mitgift der Braut in Höhe von 120000 Reichstalern (183600 Euro) in bar und Schmuck im Werte von 60000 Reichstalern (91800 Euro) zustande gekommen. Außerdem ist Luise Henriette eine ansehnliche neunzehnjährige Frau. Ihre "Schönheit bedurfte keiner Nachhilfe ... Ihr Gesicht war voller Anmut und Schönheit. Ihre Augen waren hell und erhaben". Selbst unter tausend Jungfrauen wäre sie angenehm aufgefallen, schreibt ein von ihr begeisterter Chronist. Die auch durch die Heirat bewirkte Annäherung von Holland und der Mark Brandenburg macht diese für holländische Künstler, Handwerker, Baumeister, Landwirte und Kaufleute interessant. Viele folgen der Prinzessin in die Mark. Und es sind keine Abenteurer, die zu Hause drittklassig und Versager sind. Sie bringen vielmehr moderne Techniken und anderes Knowhow ins Land. Und je mehr ihr Wirken sichtbar wird, spricht man bald von der segensreichen "Verholländerung" der Mark Brandenburg. Ein wenig Arroganz und herausgestellte Überlegenheit seitens der Migranten ist hier und da auch mit im Spiel. Heinrich Heine (1797 od. 1799-1856) schreibt in einem Aphorismus, "nach der Meinung der Holländer (sei) die deutsche Sprache ein verdorbenes Holländisch".

Das "treu-holländische Herz" des Soldatenkönigs


Die langsam sich verbessernden preußischen Zustände halten den Sohn des Kurfürsten, den ersten selbst ernannten Preußenkönig Friedrich I., nicht von seinem unangemessen aufwendigen Lebensstil ab - ein Gemenge aus Prunken, Prassen und Partymachen. Dessen Sohn wiederum - Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) - übernimmt einen erschreckend ruinierten Staatshaushalt und führt umgehend ein konsequentes Sparregime ein. Er wirft den halben Hofstaat raus, kürzt Apanagen drastisch und dringt auf einfaches Leben. Und er besinnt sich auf die holländische Affinität des Großvaters, erklärt selbst ein "treu-holländisches Herz" zu besitzen und lässt dem Taten folgen, darunter zwischen 1733 und 1742 den Bau des Holländischen Viertels mit seinen Häusern aus Ziegelsteinen mit weißen Steineinfassungen um Türen und Fenster. Ohne sein Faible fürs Holländische würde es heute in der Potsdamer Innenstadt vermutlich dieses Viertel nicht geben. Friedrich II. (1712-1786) führt das Projekt nach dem Tod des Vaters ab 1740 weiter. Dieser hatte also nicht nur "Lange Kerls" angeworben, sondern - wie schon der Großvater - auch zum Nutzen Preußens holländische Ingenieure und Bauleute in nennenswertem Umfang. Der ansonsten autokratisch-calvinistischen Mann, der seine Kinder schurigelt, der ein Vieltrinker ist und ein Jagdfetischist, erwirbt sich somit beim Aufbau Preußens unbestreitbare Verdienste. In einer Bauinstruktion "für das General-Ober-Finanz-, Krieges- und Domainen-Directorium" aus dem Jahre 1722 befiehlt er, die Behörde "muss sich besten Fleißes angelegen sein lassen, dass alle wüsten Stellen in Unseren Städten wohl verschlossen werden, um durch dieses letztere die Accise-Defraudationes (Steuerflucht) desto besser zu verhüten". "Unsere Städte in Preußen verfallen gar sehr, und die bebauten Stellen gehen ein", heißt es im "Articulus 15 - Städte-Sachen".

In seinen "Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg" wird Sohn und Nachfolger Friedrich II., den der Vater wegen eines Fluchtversuches 1730 allen Ernstes köpfen lassen wollte, nicht müde die Verdienste des rabiaten Vaters herauszustreichen. Dieser hätte "eine anmutige Residenz in Potsdam geschaffen, das ursprünglich nur ein Fischerdörfchen war. Daraus machte er eine schöne, große Stadt. In ihr erblühten Künste jeder Art, von den alltäglichen bis zu denen, die dem raffinierten Luxus dienen", heißt es in der Eloge. Seine Vorliebe für die holländische Kultur habe ihn bereits als Kronprinzen 1704/1705 auf eine Bildungsreise nach Amsterdam und Den Haag geführt. Das holländische Vorbild sei seitdem bis zu seinem Tode ein wichtiges Element seiner Vorstellungen von einem wirtschaftlich starken Staat und einer zweckmäßigen Architektur geblieben.

Die im Zuge der zweiten Stadterweiterung vom holländischen Baumeister Johann Boumann (1706-1776) erbauten Häuser des Holländischen Viertels werden durch die Mittel- und Benkertstraße in vier Karrees nach dem Konzept eines barocken Stadtgrundrisses aufgeteilt. Die Anlage gilt als größtes zusammenstehendes Bauensemble und Kulturdenkmal holländischen Stils außerhalb der Niederlande in Europa. Das Quartier soll im 18. Jahrhundert weitere holländische Handwerker nach Potsdam locken. Da diese aber letztlich nicht in gewünschter Anzahl kommen, ziehen französische und preußische Handelsvertreter, Künstler und Soldaten in die alleinstehenden und gereihten Traufenhäuser sowie in die besonders attraktiven Rundgiebelhäuser ein. Dass im Viertel letztendlich Menschen unterschiedlichster Klassen und Schichten wohnen, zeigt eine Meldung des "Teltower Kreisblattes" vom 24. November 1894. Man liest: "Potsdam. 22. November (1894). Die Dächer des holländischen Viertel wurden am Dienstagabend mit Hilfe von Berufs-Feuerwehr nach einem ‚Nachtwandler', der auch Fenster eingeworfen haben sollte, abgesucht, wodurch ein ungeheurer Menschenauflauf verursacht wurde ... die Verfolgung verlief resultatlos; die Schutzleute hatten große Mühe, die erregte Menge zu zerstreuen."

Skulptur Hauptmann von Köpenick
Bronzeplastik "Hauptmann von Köpenick" an der Haupttreppe
des Köpenicker Rathauses. Die Plastik entstand im Atelier
des armenischen Bildhauers und Malers Spartak Babajan
(geb. 1933). Foto © -wn-

Der andere Friedrich Wilhelm beherrscht das Feuilleton


Der auf andere Weise bekannt gewordene Namensvetter des Kurfürsten ist der über 200 Jahre später im litauischen Tilsit (heute Sowjetsk) geborene Flickschuster Friedrich Wilhelm Voigt (1849-1922) - bekannt als der "Hauptmann von Köpenick". Die Gleichheit der Namen ist nicht das einzig Gemeinsame. Tatsächlich sind beide verbunden mit den 134 Häusern des Holländischen Viertels. Allerdings hat weder der Kurfürst die schmuckarmen Backsteinhäuser bauen lassen - der Bau beginnt 45 Jahre nach seinem Tod - noch hat Schuster Voigt jemals in einem von ihnen gewohnt. Dennoch hat er das Viertel - und eben nicht nur das Köpenicker Rathaus - mit seinem Coup europaweit bekannt gemacht. Schuster Voigt kommt am 8. Oktober 1906 ins Viertel und versucht dort, mit dem Kauf einer Uniform seinem Lebensschicksal eine neue Richtung zu geben. Er deckt sich mit den nötigen Utensilien für seine Köpenickiade ein. In der Altuniformhandlung Berthold Remlinger in der Mittelstraße 3 ersteht er den bekannten grauen, zweireihigen Hauptmanns-Mantel des Potsdamer Ersten Garderegiments zu Fuß, das in umliegenden Bürgerquartieren untergebracht ist. Mit einem Satz Sporen, den er in der heutigen Benkertstraße kauft, sucht er die Ausstattung (unnötigerweise) zu komplettieren. Gleichen Tages verlässt er die Stadt in Richtung Berlin und Köpenick, das damals noch ein eigenständiger Ort war. Acht Tage später betritt er in nämlicher Kostümierung das Rathaus von Köpenick. Das nationale Echo auf sein Erscheinen und Handeln am 16. Oktober 1906 ist enorm. Die spektakuläre Inhaftnahme des Bürgermeister von Köpenick Dr. Georg Langerhans (1870-1918) sowie des Hauptkassierers von Wiltberg ist in aller Munde. Das hatte es im Rathaus mit seinen ehrfurchtsgebietenden Stilelementen der mittelmärkischen Backsteingotik noch nie gegeben. Wilhelm Voigt verschwindet mit dem Inhalt der Stadtkasse; in ihr sollen sich umgerechnet rund 22000 Euro befunden haben.

Schon während der zehn Tage, die der berühmte Mantelkäufer noch in Freiheit ist, beginnt sich die Presse - vor allem deutsche Humorzeitschriften - der Angelegenheit mit hämischer Begeisterung anzunehmen. Im Zentrum des Spottes steht der überrumpelte Dr. Georg Langerhans, der sich am Ende seiner politischen Karriere glaubt. Mehrfach nimmt sich das satirische Wochenblatt Kladderadatsch der journalistischen ergiebigen Thematik an. Einmal heißt es:

Und nachdem auch diese Tat geschehen,
Eilt er (Voigt) weiter mit verstocktem Sinn,
Kauft ein Billett sich zweiter Klasse,
Fährt hinweg und keiner weiß, wohin.

Und mit schmerzverzerrten Blicken schleichet
Die verwaiste (Köpenicker) Bürgerschaft einher:
Ihren Langerhans zwar kriegt sie wieder,
Doch die Gelder kriegt sie nimmermehr.


Friedrich Wilhelm Voigt wird am 1. Dezember 1906 vor dem Berliner Landgericht II "wegen unbefugten Tragens einer Uniform, Vergehens gegen die öffentliche Ordnung, Freiheitsberaubung, Betruges und schwerer Urkundenfälschung" zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt.

Zwischenzeitlich ist er der Zielpunkt einer augenzwinkernden Heldenverehrung. Wird er doch sogar an die Seite zweier (schon) berühmter Schuhmacher gestellt: an die von Hans Sachs (1494-1576) und an die des Görlitzer Philosophen Jakob Böhme (1575-1624), der in seiner Jugend das Handwerk eines Schumachers erlernte. In der Lobschrift des Kladderadatsch heißt es am Ende:

Ach, sie haben ihn gefangen
Windschief, krumm, mit hohlen Wangen
Sitzt er da in bitterm Leid.
Aber trotz moral'scher Flecken
Ewig wird sein Name wecken
Ungeheure Heiterkeit.


Da selbst der amtierende deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) erheitert gewesen sein soll, begnadigte er den Schuster mit Wirkung vom 16. August 1908 nach einer Haft von 20 Monaten. Friedrich Wilhelm Voigt verlässt an diesem Tag die Haftanstalt Tegel. Der Publizist Wilhelm Freiherr Speck von Sternburg (geb. 1939) schreibt in seinem Buch "Die Geschichte der Deutschen": "Das Beste an der Geschichte ist des Kaisers Begnadigung. Nichts kann den Untertanengeist und die Unterwerfung des wilhelminischen Bürgers unter die Macht der Uniform besser illustrieren als diese Komödie." Fazit: Man kann als Begnadeter oder als Begnadigter gleichermaßen Eingang in die Geschichte finden.

Verkehrshinweis:
Das Holländische Viertel ist von der bekannten Brandenburger Straße in wenigen Minuten zu erreichen. An deren östlichen Ende geht man links an der Kirche St. Peter und Paul vorbei und gelangt auf die Gutenbergstraße. Nördlich dieser Straße liegt das Holländische Viertel.

Text: -wn-

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