Das "Lindenhotel": Der Stasiknast von Potsdam
Eigentlich ist es fast unvorstellbar, was mitten im heute malerischen Zentrum der Potsdamer Altstadt, nur wenige Schritte von der Fußgängerzone entfernt, an Leid in jenem Haus geschah, welches im Volksmund als "Lindenhotel" traurige Berühmtheit erlangte. Hinter den nach außen so harmlos wirkenden Backsteinmauern mussten hunderte Stasi-Opfer - größtenteils in Isolationshaft - jahrelange Folter über sich ergehen lassen.
Seit Februar 2007 kann man einen Blick ins Gruselkabinett des DDR-Unrechtsstaates werfen.
Eine Stiftung hat sich den maroden Mauern des "Lindenhotels" angenommen und eine Gedenkstätte daraus gemacht. Hauptaufgabe des Mahnmals, welches heute unter Denkmalschutz steht, ist es, in erster Linie Schüler über die Verbrechen der Stasi zu informieren. Rund zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer haben heute viele junge Menschen ein verklärtes Bild von der ehemaligen DDR. Nach einer Studien der Freien Universität Berlin sagt jeder zweite Jugendliche im Osten und jeder dritte im Westen: die DDR war keine Diktatur. Ein Besuch im ehemaligen Stasi-Knast soll nicht nur erschüttern, sondern vor allem aufklären.
In der Tat ist die repressive Atmosphäre der Gefängnistrakte sehr bedrückend. 100 Zellen, 3,5 Quadratmeter für jeden Inhaftierten, einige sind noch original eingerichtet: schmale Holzpritschen, WC rechts neben der Tür, Blechkannen und Plasteteller. Auch die Dunkel- und Stehzelle ist noch zu sehen. Bei Fluchtversuch drohte laut Hausordnung Waffengebrauch. Ein maßgebliches Prinzip der MfS-Haft bestand in der seelischen Zermürbung der Untersuchungshäftlinge durch Orientierungslosigkeit und Isolation. So wussten die meisten Gefangenen nicht, wohin man sie nach ihrer Verhaftung gebracht hatte. Ein direkter Kontakt zur Außenwelt war nicht möglich, und auch innerhalb der Haftanstalt war das Prinzip der Isolation beherrschend. Das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Ohnmacht gegenüber einem gleichsam allmächtigen Staatsapparat, bestimmte das Leben der Häftlinge.
Gedächtnisprotokolle ehemaliger Inhaftierter dokumentieren die alltäglichen Quälereien: Schlafen nur in Rückenlage bei brennendem Licht, Vernehmungen grundsätzlich mitten in der Nacht. Folterzellen gab es auch. Die soll es aber nur bis in die 60er Jahre gegeben haben. Danach wurden die Inhaftierten "nur" noch psychischem Druck ausgesetzt. Die Vorwürfe, die gegen sie erhoben wurden, erstrecken sich von Spionage und staatsgefährdender Propaganda bis hin zu landesverräterischer Nachrichtenübermittlung und geplanter Republikflucht.
Angesichts der vielen Schicksale, die in der Ausstellung der Gedenkstätte dokumentiert werden, tröstet es nur wenig, dass das Gebäude eigentlich zu ganz anderen Zwecken erbaut worden war. Der ursprünglich unter dem Soldatenkönig als barockes Stadtpalais und Domizil der Leibgarde errichtete Komplex diente unter napoleonischer Besatzung als Kleiderkammer und Pferdelazarett, später als Amtsgericht. Die düstere Biographie des Hauses setzte jedoch nicht erst mit der Stasi ein. Bereits die Nazis betrieben hier ihr Erbgesundheitsgericht, verurteilten Menschen zu Zwangssterilisationen zur "Reinerhaltung der Rasse", etwa bei Epilepsie, Alkoholismus oder vermeintlichem Schwachsinn. Auch über diese Zeit erhalten die Besucher der Gedenkstätte in eigenen Ausstellungsräumen einen bewegenden Einblick.