Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte:
Was war wann und wo?

Sagen und erklären, was wann wie und wo war - das sind Basisfragen, mit denen wir an dokumentierte Geschichte herangehen.
Eingang zum Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte
Der Eingang zum Haus der Brandenburgisch-Preußischen
Geschichte auf dem ehemaligen Stallplatz
am Potsdamer Neuen Markt / Foto: -wn-
Dieses Annähern an historische Tatsachen ist diejenige Variante, der ein Auskunfts-Interesse zugrunde liegt. Eine Einrichtung wie das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte am Potsdamer Neuen Markt hat sich aber aus gutem Grund nicht nur dem Auskunftgeben verschrieben, sondern auch dem Fördern eines Interesses daran. Es gibt zu tun; zahlreiche Jugendgruppen gehen durch das Haus. Und es gilt gegebenenfalls das Motto: gefragt wurde erst einmal nicht, geantwortet wird trotzdem in der Hoffnung, Wissenwollen wachzurufen. Dabei müssen die musealen Erklärer gelegentlich Seelenstärke und Ruhe bewahren. Bei dem einen jungen Besucher zeigt sich erstaunlich gutes historisches Wissen, bei dem anderen fallen krasse Bildungslücken auf. Frühjahr 2012, ein Rundgang beginnt. Die Führerin stellt nach dem Herstellen leidlicher Ruhe unter den jungen Menschen eine Einstiegs-Frage, von der sie sich eine Interesse auslösende Wirkung verspricht. Da es an diesem Punkt der Ausstellung um frühere Völkerschaften im Brandenburger Raum geht, lautet die Frage: "Wer von euch kennt die Slawen?" Pause. "Häh - wen?" "Na, die Slawen!" "Die Sklaven?" Sie wieder: "Nein, die Slawen!" Zumindest dieser erste Versuch, in den brandenburgisch-preußisch-ostdeutschen Geschichtsverlauf einzusteigen, ist misslungen.

Unter dem Strich kommen an diesem Museumstag aber mancherlei Fragen zur
Sprache, die noch schlüssiger Antworten bedürfen. Zum Beispiel: Warum war der zwischen humanitären Ideen und Staatsräson pendelnde Monarch Friedrich II. (1712-1786) rechtsstaatlichem Denken - wenn auch in Ansätzen - immerhin näher als der an die Macht gebrachte Radikal-Plebejer Walter Ulbricht (1893-1973), dessen Ausspruch "Es muss alles demokratisch aussehen" überliefert ist? Warum wurde in der DDR ein anfänglich hoffnungsvoller Aufbruch durch ein flächendeckendes Misstrauen der Regierung gegen das Volk beendet? Wie kam es, dass der als "Soldatenkönig" berüchtigte Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) an nur einem kurzem Feldzug des 2. Großen Nordischen Krieges (1700-1721) gegen die Schweden teilnahm, während sein Sohn, der "Philosophen-König" Friedrich II. zwischen 1740 und 1756 gleich drei schlesische Kriege mit hohen Menschenverlusten vom Zaune brach? War die in der DDR SED genannte "führende Partei" tatsächlich eine Partei wie sie im 20. Jahrhundert in Europa entstanden, also ein "permanent organisierter Zusammenschluss von Bürgern mit gemeinsamen sozialen Interessen und politischen Vorstellungen" (Brockhaus). Oder war sie nicht, wofür so vieles spricht, eine straff gelenkte Organisation pseudoreligiösen Einschlags mit Führerkult, Heilsversprechen, einem strengen Straf-Katalog und einer Mitgliedschaft aus Idealisten, Karrieristen und mancherlei Mitläufern? Solche Fragen rührt die Ausstellung auf und versucht, beim Finden von Antworten zu helfen.

Besonders widmet sich das Haus aber der Frage, welchen Charakter der preußische Staat hat, der am Beginn des 17. Jahrhunderts erstmals in Erscheinung tritt und bis 1947 existiert. Der in Großbritannien lebende australische Historiker und Preußenkenner Christopher Munro Clark (geb. 1960) hat in seinem mit mehreren Wissenschafts-Preisen ausgezeichneten Standardwerk "Preußen - Aufstieg und Niedergang 1600-1947" die widersprüchlichen Charakterisierungen Preußens ins Verhältnis gesetzt. Danach herrschten dort einerseits "eine von Engstirnigkeit und Intoleranz geprägte politische Kultur, der Hang, Macht höher einzuschätzen als Recht und Gesetz, und eine ungebrochene militaristische Tradition". Zu den positiven Eigenschaften Preußens zählt Clark "die unbestechliche Beamtenschaft, die Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten, das von den anderen deutschen Staaten bewunderte und nachgeahmte preußische ‚Allgemeine Landrecht' von 1794, die im 19. Jahrhundert von keinem Staat übertroffene (hohe) Alphabetisierungsrate und die beispielhafte Effizienz der Bürokratie". Beim Landrecht ging es um den erstmaligen Versuch einer systematischen Zusammenfassung des Zivil-, Straf- sowie weiter Teile des öffentlichen Rechts in einem einzigen Gesetzbuch.

Das Museum verfügt - ein seltener Fall - über keine eigenen Bestände und ist auf Leihgaben angewiesen. Es wird am 17. Dezember 2003 - nach Fertigstellung eines Foyer-Neubaus auf dem Hof - mit der ständigen Ausstellung "Land und Leute. Geschichten aus Brandenburg-Preußen" eröffnet. Wenn schon der fehlende Fundus als Mangel betrachtet werden könnte, so befindet es sich doch auf einem Platz, der in Potsdam mit anderen prominenten historischen Orten mithalten kann: am Neuen Markt. Die Westseite des annähernd quadratischen Areals nimmt die erhalten gebliebene prächtige frühklassizistische Fassade des königlichen Kutsch- und Pferdestalls ein, in dessen südlichem Teil das Museum unterkam; die übrigen drei Seiten des Platzes werden von Bürgerhäusern gesäumt. Auf dem Weg zum Museumseingang muss man durch das Portal laufen, auf dem eine Quadriga (angeblich) des Leibkutschers Friedrichs II., ein gewisser Johann Georg Pfundt (1700-1784) die Blicke auf sich zieht. Es ist derjenige Wagenlenker, der - besagen Anekdoten - den Mut hatte, seinem schroffen Herrn mutig rotzig gegenüberzutreten. Flankiert wird die Quadriga von zwei Figurengruppen, die Stallburschen bei der Arbeit zeigen. Friedrich II. ließ erstaunlicherweise lange Zeit nicht von dem vorlauten Pfundt ab, da dieser die Gespanne auf den Rundreisen des Monarchen durchs preußische Land geschickt zu lenken wusste. Selbstredend war der König zu stolz zuzugeben, dass er sich den Gespannen Pfundts gern anvertraut. Nie aber ließ er einen guten Faden an dem Mann vorn auf dem Bock. In der Form einer Epistel, die Friedrich nach Laune auch als Brief benutzte, schreibt er am 5. Februar 1730 (noch als Kronprinz) an den preußischen Generalfeldmarschall Friedrich Wilhelm von Grumbkow (1678-1739) ein ziemlich langes postalisches Traktat, in dem der Kutscher (vermutlich ist es Pfundt) nicht gut wegkommt. Die Reimerei ist gleichzeitig ein frühes Beispiel für Friedrichs Hang sich vorteilhaft in Szene zu setzen: "Des Landes und des Königs treuer Diener, / Anwalt der Schwachen, des Gesetzes Hort, / Ihr wisst, ich ziehe mehr wie ein verschriener / Landstreicher, denn als Prinz von Ort zu Ort. // … Als ich hinauszog vor dem neuen Morgen, / War frostiges Erstarren mein Gewinn, / Und kaum lag hinter uns das alte Nest, / Da steckten wir in einem Sumpfe fest. / Der grobe Kutscher flucht wie'n Gottesstreiter, / Er fährt ins Haar sich, doch er fahrt nicht weiter, / Bis dann zuletzt mit Hilfe der Begleiter /
Der Karren aus dem Loch sich schieben lässt …"

Hat der Besucher auf dem Weg zum Museum das Tor mit der Quadriga passiert, steht er auf dem ehemaligen Potsdamer Stall- oder Anspannplatz. Hier hatte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620-1688) 1671 den Reitstall bauen lassen. Friedrich II. ließ ihn später vergrößern, und nach seinem Tode erhielt der Hofbaumeister Andreas Ludwig Krüger (1743-1822) den Auftrag, die gesamte Anlage im frühklassizistischen Stil umzubauen. Unmöglich, in diesem ehemaligen Stallhof nicht jenes hier eingestallt gewesenen gesprenkelten Fliegenschimmel-Wallachs zu gedenken - des Lieblingspferdes Friedrich II. mit dem Namen Condé (1769-1807). Neben seinen geliebten Windspiel-Hunden galt Friedrichs besondere Huld seinen Lieblingspferden, die Namen führten wie Cäsar, Brühl, Kaunitz, Choiseul oder Pitt.
Condé war ihm das vertrauteste Ross. Friedrich-Biograf Franz Theodor Kugler (1808-1858) schreibt, der Schimmel habe sich "durch ebenso große Schönheit wie durch Tüchtigkeit und munteres Wesen (ausgezeichnet)… Friedrich hatte für ihn zwei kostbare Reitzeuge von blauem Sammet mit reicher Silberstickerei machen lassen und brauchte ihn fast nur zu Spazierritten. Fast täglich ließ er sich ihn vorführen und fütterte ihn mit Zucker, Melonen und Feigen. Auch kannte der Condé ebenfalls seinen Wohltäter so gut, dass er, wenn man ihn frei gehen ließ, gerade auf ihn zulief, um sich die gewohnten Delikatessen zu holen; er verfolgte dabei den König oft bis an die Zimmer, selbst bis in den Saal des Schlosses von Sanssouci." Auch medizinisch war Condé bestens versorgt. Im Potsdamer Stall gab es ein Pferde-Lazarett, in dem sogar Pferde-Kopfschmerz behandelt wurde. Der Ulmer Scharfrichter Johannes Deigendesch hatte in seinem 1716 und in weiteren Auflagen erschienenen Buch "Kopffweh der Pferde - der lautere Stall", festgestellt, Pferde würden "mit Kopfweh geplaget, welches zwar schwerlich zu erkennen, doch sind einige Umstände die es etlichermaßen verrathen, … die Ohren hängen, den Kopf abwärts hängen, geschwollene und thränende Augen". Trotz seiner Hinwendung zu Pferden lässt sich der geizige Friedrich jedoch nicht zu nach seiner Meinung unnötigen Ausgaben für die Stallhaltung der Rösser verführen. Dem Geheimen Kämmerer Fredersdorf schickte er 1754 oder 1755 nach dem Erhalt einer zugestellten Abrechnung eine barsche Zahlungsverweigerung mit den Worten: "Die Stallrechnung ist zu grob; ich habe vier und zwanzig Pferde mehr wie sonsten, Ration à vier Thaler, macht sechs und neunzig Thaler; das übrige ist gestohlen."

Trotz guter Pflege lebten Friedrichs gehätschelte Lieblingspferde nicht ohne Risiko. Es gehört zu den Eigenarten des aufgeklärten Herrschers und Musensohnes,
Portal mit der Quadriga in  Potsdam
Das Portal mit der Quadriga, nach dessen
Passage man links zum Haus der
Brandenburgisch-Preußischen Geschichte kommt
Foto: -wn-
dass er nicht nur Leute aus seiner Umgebung in Ungnade fallen ließ. Nachdem der Siebenjährige Krieg (1756‒1763), in dem Preußen und Großbritannien gegen Österreich, Frankreich und Russland um Schlesien kämpften, fast verloren schien, hatte ihm der schottische Edelmann John Stuart, Earl of Bute (1713-1792) geraten, das umkämpfte Schlesien doch an Österreich zurückzugeben. Augenblicklich fiel Bute in Ungnade; und den nach Bute genannten Schimmel nahm er in eine ungewöhnliche Namenshaft. Fortan war das schuldlose Tier vom königlichen Reitdienst ausgeschlossen und hatte namenlos in einer Baumrücke-Kolonne Dienst zu tun. Der Earl of Bute und das Pferd Bute sahen die Kolonnaden von Sanssouci nie wieder.

Heute durchzieht neuer Stallgeruch die Räumlichkeiten am Neuen Markt: der Geist zurückkehrender friderizianischer Aufklärung, wissenschaftlichen Flairs und geschichtsbewußter Sicht. An diesem zentralen Standort Potsdams, den man zu den am besten erhaltenen Barockplätzen in Europa zählt, haben sich wissenschaftliche Institutionen angesiedelt: das Zentrum für Zeithistorische Forschung, das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien und das Einstein Forum. Diese Einrichtung macht für sich geltend: Wenn Friedrich der Große Voltaire nach Sanssouci holte, oder Albert Einstein seine Sommer in Caputh verbrachte, verbanden sich lokale und internationale intellektuelle Kräfte, um zentrale Fragen ihrer Zeit zu reflektieren. So soll es wieder sein. Auch wenn es im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte gelegentlich um recht einfache - niemals unwichtige! - Lernabfragen geht, so spricht vieles dafür, dass Potsdam auch am Neuen Markt mit großem Atem wieder eine traditionelle Rolle als Zentrum der Aufklärung spielen kann.

Anfahrt zum haus der Geschichte:


Das Museum erreicht man vom Potsdamer Hauptbahnhof auf einem etwa achtminütigen Fußweg über die Lange Brücke. Ebenso kann man alle Straßenbahnlinien Richtung Innenstadt benutzen und steigt an der Haltestelle Alter Markt aus.
Text: -wn-



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Besucheradresse:
Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG)
Kutschstall, Am Neuen Markt 9
14467 Potsdam

Öffnungszeiten Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte:


Dienstag bis Donnerstag 10 bis 17 Uhr
Freitag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr
Montag geschlossen
an Feiertagen 10 bis 18 Uhr

Eintrittspreise:


4,50 Euro, ermäßigt 3,50 Euro
freitags: 2 Euro
Sonderpreise für Gruppen, Familien und Schulklassen
Einzelbesucher bis 18 Jahre frei
Jahreskarte: 10 Euro (berechtigt auch zum ermäßigten Eintritt in die Sonderausstellungen)


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