Theodor-Fontane-Archiv in der Villa Quandt am Potsdamer Pfingstberg

Kaum zu glauben: Als Mittfünfziger hatte Theodor Fontane (1819-1898) offenbar kein rechtes Vertrauen in seine schon damals beachtliche literarische Klasse.
Villa Quandt in Potsdam
Das Theodor-Fontane-Archiv befindet sich in der Villa Quandt
Foto © wn
In nachdenklicher Gemütsverfassung gab er im Januar 1873 dem befreundeten Neuruppiner Sagensammler Wilhelm Schwartz brieflich zu erkennen, für wie wenig dauerhaft er den Anklang seiner bisherigen Herausgaben beim Lesepublikum veranschlagte. Seiner Erwägung "wenn nach 20 oder 30 Jahren von mir und meinen Arbeiten überhaupt noch die Rede ist" konnte der Adressat nicht folgen. Vermutlich aber gewann der märkische Schreibmeister im Verlauf der darauf folgenden 25 Jahre mehr Selbstvertrauen: Denn nun beginnt sein - zwar spätes - episches Schaffen. Voran der Roman "Vor dem Sturm" über die Natur des preußischen Adels; es folgen 16 Romane und Novellen, darunter seine berühmteste Dichtung "Effi Briest", die Geschichte einer in den Ehebruch getriebenen wie von Eigenschuld belasteten Frau, und das Alterswerk "Der Stechlin", ein monumentales, aufschlussreiches Bild der Gesellschaft gegen Ende des vorvorigen Jahrhunderts.

Die Reisebeschreibungen stehen den Romanen nicht nach. Im "skeptischen Jahr" 1873 waren - u.a. neben den fundierten Theaterkritiken - immerhin die ersten drei
Teile der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" in insgesamt zwölf Auflagen erschienen. Allein derentwegen galt er schon als bedeutender Autor, als jemand, der seine Arbeitsmaxime ernst nahm, nämlich "lesbar einerseits, erschöpfend andrerseits" zu schreiben. Überdies lassen die Schilderungen von Landschaften und der in ihnen lebenden Menschen auch heute noch erkennen, welch unentwegter, tiefgründiger und leutseliger Rechercheur er war. Auf Reisen ließ er sich weder von verrinnender Zeit und ungeplanten Geldausgaben noch von Ärgernissen abhalten - angefangen beim Übernachten auf zusammengestellten Wirthausstühlen bis zum eigenhändigen Ausgießen ungeleert gebliebener Nachttöpfe in den angemieteten Kemenaten. Bei der Materialsuche für den "Havelland"-Band kam er auch am Potsdamer Exerzierfeld in Pfingstbergnähe vorbei, dem heutigen Volkspark der Stadt. Als "interesselos" stuft er die Gegend ein. Wie sollte er auch wissen, dass hier in der heutigen Großen Weinmeisterstraße und rund 150 Jahre später ein Haus mit ockergelber Fassade und dunkelgrünen Fensterläden (Foto) eine weltbekannte Institution beherbergen würde, die sich Theodor-Fontane-Archiv Potsdam nennt: es ist die Villa Quandt, in deren Räumen Person und Werk Fontanes publikumsnah erforscht werden.

Das Anwesen erwarb 1833 die Kriegsrats-Witwe Ulrike Augusta von Quandt, geborene Baumgarten. Acht Jahre lang betrieb sie in dem Haus die "Baumgartnersche Stiftung" für "Augenleidende, unbemittelte Töchter, oder Wittwen der höheren Stände". 1841 verkaufte sie das Haus an König Friedrich Wilhelm IV. Der Hohenzollersche Besitz währte über 100 Jahre. 1945 ist der sowjetische Geheimdienst KGB neuer Besitzer. Im Haus an der ulica zentralnaja, so heißt die Straße jetzt, richtet sich die sowjetische Militärgerichtsbarkeit ein. Im Keller wird eine russische Banja (Sauna) installiert. Dort peitschen sich die Kämpfer der unsichtbaren Front nach dem zweiten Schwitzgang gegenseitig mit eingeweichten Birken-Bündeln und springen nach diesem sadomasochistischen Erweckungsritual ins eiskalte Tauchbecken. Das geht so bis 1993.

Die Tradition zweckdienlichen Sammelns und Bearbeitens personenbezogener Daten stirbt in diesem Quartier auch nach dem russischen Abzug nicht aus. Was Fontanes Sohn Friedrich 1939 an Nachlass-Teilen noch verwahrte, kaufte die Brandenburgische Provinzialverwaltung an und was davon später durch Kriegseinwirkung nicht verloren ging, gelangte nach Zwischenstationen 2007 in die Villa Quandt: 18000 beschriebene Blätter meist von Fontanes Hand. Wie auf vorher gezogenen Zeilen verläuft auf den Papieren seine akkurate kleingliedrige Kurrent-Handschrift mit elegant verschlauften Ober- und Unterlängen; gelegentlich finden sich auf zunächst frei gebliebenen Stellen der Blätter unterschiedlich schräg gestellte zusätzliche Textblöcke. Zum Archiv-Bestand gehören ferner 5000 Bände von und über den Dichter sowie 148 Bände aus dessen Bibliothek.

Was bisher zu Fontane erkannt oder ermittelt wurde - in der Präsenzbibliothek (keine Ausleihe außer Haus) kann jeder sein Interesse befriedigen, der Fontanes Witz, seine Klugheit, die meisterhafte Gesprächführung und die präzisen journalistischen Schilderungen schätzt. Aber auch gewisse Kehrseiten, die unehelichen Kinder, seine gelegentlich missverständliche politische Haltung oder antisemitische Anklänge sind Gegenstand ergebnisoffener Forschung. Und man erfährt auch, dass Fontane Haushaltsbücher führte. Ein solches gibt darüber Auskunft, dass die Familie Fontane z.B. am 17. November 1864 für den Einkauf von "Milch & Sahne, Brod, Petersilie und Bier" etwas mehr als einen halben Reichstaler ausgab. Es ist eben nicht nur der Meister, der die deutsche Literatur mit "lesensmöglichen" Texten bereicherte, sondern auch der penible Haushälter Fontane, der einem hier entgegentritt.

Wie man zum Fontane-Archiv kommt:


Man erreicht es ab Potsdam Hauptbahnhof mit der Tram 92 oder 96 Richtung Kirschallee bzw. Viereckremise, ab Haltestelle Puschkinallee ist ein Fußweg von 10 Minuten erforderlich. Besucher mit dem Auto benutzen die Parkplätze am benachbarten Volkspark (BUGA-Park). Die Internetseite www.fontanearchiv.de informiert über zahlreiche Veranstaltungen in der Villa Quandt. Text: wn

Adresse:
Theodor-Fontane-Archiv
Große Weinmeisterstr. 46/47
14469 Potsdam
Tel: 0331/ 20 13 96

Öffnungszeiten des Theodor-Fontane-Archiv:


Montag - Donnerstag 9 - 16 Uhr
Freitag 9 - 15 Uhr
Um Anmeldung wird gebeten!



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