Hirschbrunft in Glambeck (Barnim)

Herbstwald in der Schorfheide
Herbstwald in der Schorfheide - Foto: © wn

In Glambecks Wald und Flur: Wenn der Rothirsch brunftet, knört und rülpst

In Memoriam eines Lustjägers
Hirsche hier und heute und deren Rudel-Harems aus schlanken sanften Rottier-Schönen, die mal zusammen mal einzeln durch Brandenburgs Wälder zu Holze ziehen - sie alle könnten gar nicht mitreden. Haben sie es doch nicht erlebt, waren zu Zeiten des Staatssozialismus noch nicht geboren oder - wie der Jäger sagt - gesetzt. In ihrer postsozialistischen Lebenszeit genießen sie stattdessen die Gnade der späten Geburt. Denn auch im Leben des Rotwildes ist die deutsche Einheit ein folgenreicher Einschnitt wie ihn ein Frühling mit seinen lau gewordenen Lüften bietet. Die Büchsen der Jäger freilich und die Flinten (für das Kleingetier) - die schwiegen ab dann natürlich nicht. Jedoch haben die Geweihten und Trophäenträger zumindest wieder die Chance, vor versuchten finalen Schüssen auf sie in hohen Fluchten abzuspringen. Die Rückkehr zum normalen Jagdmodus liegt nun (2015) 25 Jahre zurück. Die um 1990 und nachfolgend geborenen späteren männlichen Spießer und weiblichen Schmaltiere wurden erwachsen und gingen inzwischen auch den Weg alles Irdischen - kaum wegen Altersschwäche. Rund zwei Jahrzehnte wird Rotwild alt. In den Rudeln der Nachgeborenen vollzog sich damals der Übergang vom Freiwild für durchgeknallte "Arbeiter"-Funktionäre hin zu einem bejagten, aber freien Wild in Wald und Flur. Jedoch die Elterngenerationen dieser ersten freien Rotwild-Population - die hatten es wahrlich schwer. Sie könnten berichten wie sie in gesperrten und bewachten Forstbezirken um Berlin herum in engen Einständen lebten. Was ihnen drohte, das war der unerwartete Nahschuss an Futterstellen, in deren Raufentrögen und auf deren Futtertischen u.a. zuckrig angemachter Büchsenmais absichtsvoll verabreicht wurde. Dessen Witterung nahm das Rotwild mit seinen sensiblen Windfängen als verführerisch wahr, und das Odeur hat so manchen Hirsch die Eigensicherung vernachlässigen lassen, um die er sich sonst mit allen seinen scharfen Sinnen - Windfang, Lichter, Lauscher - kümmert. Viele bezahlten die erlahmende Achtsamkeit mit frühem Tod.

"Bau auf, bau auf!" - "Schieß drauf, schieß drauf!"

An diesen Hinrichtungsplätzen verbringt auch ein von Minderwertigkeitsgefühlen geplagter Lustjäger einen Gutteil seiner Freizeit. Es ist der Mann, der in seiner Jugendzeit gern das Lied "Bau auf, bau auf!" anstimmt, der jedoch diese menschenfreundliche Devise späterhin in "Schieß drauf, schieß drauf!" zu variieren schien. Es ist der Dachdecker ohne Berufsabschluss und Politiker aus bildungsfernem Elternhaus: Honecker, Vorname: Erich, geb. 1912 Neunkirchen/Saar, gest.1994 Santiago de Chile. Als Jagdfrevler, der jährlich Hirsche in dreistelliger Zahl niedermacht, steht er in einer Reihe mit dem preußischen Jagdfetischisten Friedrich Wilhelm I. (1688-1740); er kann sich messen mit Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) und dessen dokumentierten 2133 Hirsch-Bluttaten sowie mit dem gedunsenen Trophäen-Raffer Hermann Göring (1893-1946) - um nur einige zu nennen. Gerade von Göring und Honecker schreibt die Zeitung "Die Welt" im März 2015, es hätten sich beide am Ende "um den Verstand gejagt". Wie alle schonungslosen Jäger schert sich auch der Letztgenannte beim Tieretöten weder um Pirsch noch Hege. Es gibt Schießtage, an denen er, ausweislich der Abschussbücher, in kurzer Zeit sechs zusammengetriebene oder angelockte Tiere niedermacht.

Hirsch im Wildpark Schorfheide
Junger Hirsch mit nachwachsendem Bast-Geweih, eine Aufnahme aus dem Wildpark Schorfheide. - Foto: © wn
Jagdlakaien - wie sie schon der Kaiser kannte - mussten daran gehen, die Körper der gelegten Strecke zu öffnen, um den Aufbruch (innere Organe) zu entnehmen. Vermutlich hätte Nimrod E.H. die noch heute weithin anerkannten jagdlichen Schießregeln des Königlichen Oberförsters Gotthold Westermeier aus Falkenwalde bei Stettin (Czarne bei Szczecin) als reaktionäres Preußentum abgetan. In dem im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrfach aufgelegten Standardwerk "Westermeiers Leitfaden für die Försterprüfungen" schreibt der Autor im §298 "Von den Regeln beim Schießen": "Vierläufiges Hochwild soll man eine Handbreit hinter das Blatt (vorderer Teil des Rumpfes) schießen, weil dort die edleren Teile die größte Zielscheibe bieten; kann man hier keinen Schuss anbringen, so soll man lieber gar nicht schießen." Ach was - entgegen allen Geboten und Bräuchen knallt der saarländische Dutzendjäger an den Futterstellen von Halogenscheinwerfern geblendetes Wild ab. Dann aber kommt der Tag, an dem die "Staatsjagd" nun tatsächlich zu Ende geht, und zwar ohne ein traurig-träumerisches Jagd-vorbei-Halali. Am 8. November 1989 zielt er im Revier Kienhorst der Schorfheide auf sein letztes Opfer. Und auch dieses war sterblich und sank dahin. Sollten die Ewigen Jagdgründe, an die die nordamerikanischen Indianerstämme glaubten, vielleicht doch existieren, könnte es sich zutragen, dass er sich dort plötzlich 1000 knörenden Hirscherscheinungen gegenüber sieht und angesichts der vielen gemeuchelten Kreaturen seinen - wie es einmal hieß - kackbraunen Hut vom Kopfe nehmen muss.
Mit dem Begriff der Weidgerechtigkeit setzt sich am Beginn des 20. Jahrhunderts der Jagdschriftsteller Ludwig Ferdinand Hans Piekenbroik (1893-1959 / Pseudonym Odenwälder) auseinander. Im Buch "Der gerechte Jäger" hält er fest: "Mit dem Begriff waidgerecht ist gleichsam verwoben die Hege und Pflege des Wildes ... Was man hegt und pflegt, gewinnt man lieb, und was man liebt, das schützt man und quält es nie." Odenwälder denkt nach über einen Zusammenhang von regelfeindlicher "Vergnügungsjagd" und der Libido des Frevlers: "Auch wenn es Sprachgebrauch sein sollte, die Bezeichnung "Lustmord" nur dann anzuwenden, wenn durch das Morden eine Befriedigung des Geschlechtstriebes erstrebt wurde, so ist es erlaubt, (ebenso) die Vergnügungsjagd Lustmord zu nennen, da auch Jagdlust, wie alle Grausamkeit, mit dem Geschlechtstrieb im Zusammenhang steht." Der in Erregung gekommene Lustjäger erblickt angesichts des getroffenen und zusammenbrechenden Wildes weniger einen Jagderfolg, sondern er fühlt eine erotische Überlegenheit, und er ist dabei glücklich und heiter und entspannt wie selten im oft glücklosen Leben.

Ansitz in der Glambecker Flur: Wenn des Hirsches Brunft beginnt

Tierplastik im Großen Tiergarten Berlin
Liegender Wapiti-Hirsch, den der Bildhauer Rudolf Siemering (1835-1905) im Jahre 1893 schuf. Diese und weitere eindrucksvolle Tierplastiken sind im Großen Tiergarten Berlin zu sehen. - Foto: © wn

Wer heute - in friedlicher Absicht - in den ehemaligen Jagdgründen der Funktionäre Rotwild bei seinem Tun und Treiben erleben möchte - und das zu einer Zeit, in der Bewegung in die Bestände kommt - der muss den Herbst abwarten. Dann kann man Urkräfte der Natur hören, zum Beispiel einen "drohenden bestienhaften Ton, und doch wie von einem großen Schmerz durchzogen ... (einen) wilden, sehnsuchtsvollen Schrei nach Leben und Schaffen". So bezeichnet der Jagdschriftsteller Anton Alexander Albrecht Freiherr von Perfall (1853-1912) den Brunftschrei des Hirsches. Ohrenzeuge des martialischen Röhrens, Rülpsen und Rumorens wird man u.a. nahe der Siedlung Parlow-Glambeck im Landkreis Barnim, einem Ortsteil der Gemeinde Friedrichswalde. Von dort führt die Straße L239 nach Joachimsthal. Bevor sie in den Wald eintaucht, muss man rechterhand auf eine mehrere Hektar große Fläche mit Strauchwerk und Baumgruppen achten. An deren Rand erhebt sich ein ausschließlich für Naturfreunde gebauter geräumiger Hochsitz. Wer spätnachmittags die zwanzig Holzstufen hochsteigt, hat die Erwartung, dass vor dem Hochsitz bald brunftende Hirsche mit abgesenkten Geweihen aufeinander zurasen, was, wenn sie zusammentreffen, mit einem hellen, klanglosen Krachen verbunden ist. Warten ist angesagt, und es kann Abend werden, ohne dass sich auf der großen Fläche etwas rührt. Gegenüber dem Hochsitz zieht sich ein Waldsaum hin, auf den alle Aufmerksamkeit gerichtet ist. Von dort müssen die Matadore kommen. Man kann sich auf das Ereignis vorbereiten, indem man zu Hause selbst einmal zur Probe brunftet. Guten Erfolg verspricht die Gießkanne aus Metall. Nachdem das Brausemundstück entfernt ist, stößt man in die offene Tülle röhrende und rülpsende Laute, die im Kanneninnern zu einem kämpferischen Geschrei eskalieren. Es ist dies nur eine Methode, den Kunstschrei auszubringen, um den Hirsch zum Kommen und Kämpfen zu bewegen.

In die Lichtung kommt Bewegung. Das erste Rudel tritt zögernd aus dem Wald, dann etwas entfernt davon bald ein zweites. Beide Platzhirsche, die ihre Trupps unruhig umlaufen, sind in besorgter, aber noch in keiner kämpferischen Stimmung. Es ist wohl zu warm, als dass bei ihnen die nötigen Testosteron-Schübe kommen, um knörend und knochenhart kämpfen zu können. In dem einen Rudel knöpft sich der Platzhirsch inzwischen zwei Spießer vor, die versucht hatten, sich in den Feuchtblättern zweier Hirschkühe zu entspannen. Die Jungen tun das oft gerade dann, wenn der Platzhirsch selbst dabei ist, ein Rottier zu beschälen. Das geht schnell, und danach hat der Chef die Augen wieder überall und übernimmt das weitere Besteigen, Begatten und Beschlagen selbst. Und es kommt einem der Gedanke, dass die sonst so sinnreiche Evolution das Prozedere der Arterhaltung hier mit viel Tamtam beladen hat. Es geht vor dem großen Moment der Vereinigung nicht ohne Lärmen und Schreien unter den Beschälern ab. Statt die Dinge mit den Hirschkühen bequem in aller Ruhe abzuwickeln, brüllt der Hirsch in alle Richtungen. Sein volltönendes Brunften zieht den ebenfalls liebeshungrigen Einzelgänger erst an, als dass es ihn abschrecken würde.

Heidedichter Hermann Löns: Jagd und Jäger-Liebe

Hochsitz in Parlow-Glambeck
Hochsitz an der Straße von Parlow-Glambeck nach Joachimsthal, den der Naturschutzbund Deutschland (NABU) ausschließlich für Naturfreunde errichtet hat. - Foto: © wn

Man kann über das Brunften, Beobachten und Bejagen der Hirsche nichts sagen, ohne den Schriftsteller und meisterhaften Beschreiber der norddeutschen Heide Hermann Löns (1866-1914) zu erwähnen. In seinem "Buch für Jäger und Heger - Kraut und Lot" von 1911 bringt er sich - hört, hört! - als liebeshungrigen Weidmann ins Spiel. Wir lesen: "Welch ein sonniger, wonniger Morgen das ist! Überall singen die Rotkehlchen und die ganze Heide blitzt von auffliegenden Raubkäfern (Ocypus olens). Ein Küssetag ist es, ein Liebetag, ein Tag, an dem das Herz unter dem Hemde sich dehnt und ein anderes Herz ersehnt, an dem es klopfen möchte. Fahre hin, rosenroter, warmer, weicher Wunsch; ich habe die kalte Waffe in der Hand und gehe auf Mord aus, denn vor mir schreit mein Hirsch!" Und er zielt und drückt ab.
Doch welche Gedanken erfüllen ihn nach dem Schuss? "Traf ich oder schoss ich vorbei? Ich glaube, ich habe Kugelschlag gehört; aber ob der Hirsch zeichnete (getroffen ist), das weiß ich nicht. Ich schoss zu hastig, und als ich drückte, sah ich ein Gesicht, schmal, weiß, mit geröteten Wangen, von goldenem Haar umrahmt, zwei blaue Augen blickten mich freundlich an und ein edelgeschnittener Mund lächelte mir zu." Der liebestrunkene Heidejäger denkt in diesem Moment an ein "langes blondes Mädchen", das er auf einem Tanzabend in Berlin-Rixdorf kennengelernt hatte. Und wir sehen, dass das raue Handwerk des Jägers auch überaus zärtliche Momente hat.

Die Naturfreunde auf dem Hochsitz besitzen an diesem frühen Abend nicht die verführerische Stimmgewalt, weitere kampfbereite Hirsche der Umgebung provozierend anzulocken. Man hatte zwar in einer Anleitung über das Brunftvortäuschen gelesen, man solle den Ruf nicht allzu häufig ausstoßen. "Antwortet er", heißt es, "so gebe man genau Acht, ob der Hirsch auf seinem Standort geblieben oder ob er näher gerückt sei. Letzten Falls, besonders wenn man den Gang des Hirsches im Laube rauschend, oder dessen Anstreichen im Holze vernähme, setze man den Schreiruf aus (und) gehe, wenn nach geraumer Zeit alles still und ruhig geblieben ist, zum (verhalten) mahnenden (Schrei) über". Diesmal war alles Schreien und Mahnen umsonst. Einzig der Eichelhäher fliegt mit höhnischem Räätsch, Räätsch, Räätsch zum nächsten Baum - als ob er sich dort oben erst einmal kranklachen muss.

In Glambecks Wald und Flur wird es dunkel, ohne dass es ein lautes Brunftspektakel gegeben hätte. Die beiden Rudel sind nun nur noch schemenhaft zu erkennen. Man will wiederkommen nach Glambeck. Und da die Brunftschrei-Imitation zu keinem nennenswerten Ergebnis führte, soll beim nächsten Mal ein anderes Mittel erprobt werden, das eine alte bayerische Jagdfibel empfiehlt: Singen! Zu lesen ist dort:"Was aber das Bezaubern (des Hirsches) durch Gesang betrifft, so klingt das zwar sehr poetisch und (es) ist gewiss, dass besonders beim Birschfahren ein Hirsch besser aushält (anspricht), wenn man singt; auf den Gesang selbst oder die Art des Singens kommt es aber nicht an und die gewöhnlichen Schnaderhüpfeln (kurze lustige Lieder), wie sie die Holzbauern singen, reichen für die Bezauberung vollkommen aus." An einer Liedfolge wird gearbeitet ...

Will man sich vorstellen, welch innige Gefühle der Brunftschrei des Hirsches bei interessierten Menschen auslösen kann, so lese man, was der bayerische Schriftsteller Ludwig Thoma (1867-1921) im Gedicht "Der alte Jäger" mitteilt:

"A Herbst, so staad, so warm und klar,
So schö, wie's lang scho nimma war,
Und Hirschbrunft. O du liabste Zeit,
Bal's rund auf alle Alma schreit!
Vom Berg hallt's langaus übers Tal,
Hab's oft scho g'hört - und 's erste Mal,
Da hat's mi aa net bessa g'freut
Als wia mi alt'n Jaga heut. -"

Wie man ins Glambecker Revier kommt:
Auf der Autobahn A11 Richtung Prenzlau benutzt man die Abfahrt Joachimsthal. Von dort führt die etwa acht Kilometer lange Straße L239 rechts ab nach Parlow-Glambeck. Etwa 500 Meter vor Parlow-Glambeck achte man linkerhand auf einen Hochsitz direkt an der Straße. Kommt man aus Richtung Parlow-Glambeck, befindet er sich rechts.
Von ihm hat man zu jeder Jahreszeit einen guten Ausblick. Man kann auch Schwarz- und Rehwild beobachten oder auch den Fuchs beim Mausen beobachten. Ein nicht zu niedriger Sitz ist mitzubringen.
Text und Fotos: -wn-

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Stand: 19.02.2016