Die Zisterze Chorin - Vom Mustergut zur Eremitage der Klänge Da treibt heute Claude Debussys musikalischer Flirt eines liebestollen Fauns mit zwei dem Tete-a-tete nicht
Kloster Chorin im Land Brandenburg -Der Klosterhof
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abgeneigten Nymphen durch den Kreuzgang, Friedrich Händels heißblütige Feuerwerksmusik fängt sich oben im Querschiff, Modest Mussorgskys ausschweifende "Nacht auf dem Kahlen Berg" avisiert allerlei Geistergestalten - all diese klanglichen Events während der Choriner Sommerkonzerte haben ihre aktiven, umtriebigen und zupackenden Momente mit jenem wirkmächtigen Gebot gemein, das die Zisterzienser-Klöster am Beginn des letzten Jahrtausends zu Abteien neuen, erdverbundenen Charakters machte. Unter der Losung "Ora et labora" (Bete und arbeite) zogen ab dem Ende des 11. Jahrhunderts Mönche des Benediktinerordens - und erstmals Angeworbene ohne ausgeprägten religiösen Hintergrund - landwirtschaftliche Kommunen (Zisterzen) auf, bauten Obst, Gemüse und Wein an, betrieben Vieh- und Fischzucht, manche sogar Bergbau. Erfolg und Ansehen der Zisterzienser erklären sich aus der Verbindung von materieller Bescheidenheit, kreativer Weltabgeschiedenheit, vernünftiger Askese - und eben Arbeit.

Die neue Maxime wandelte bisherige eremitische Weltentsagung in einen religiös inspirierten hocheffektiven Landbau mit dem Ziel, spirituelle Ausstrahlung und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit als geistesverwandt zu betrachten und demgemäß ein neues Verhältnis zwischen Arbeit und Gebet zu pflegen. Das Ergebnis beeindruckt bis heute. Denn noch einen weiteren Grundsatz verfolgten die 80 brandenburgischen Klosterbrüder und 400 Arbeitsmönche (Konversen), die in der Choriner Einöde ab 1258 zugange waren: "De labore manuum" - von seiner Hände Arbeit leben. Anders als heute stand damals nichts dagegen, diesen menschengerechten Anspruch mit Leben zu erfüllen.

Mehr noch: Selten kam es in der Geschichte von Herrschern und Beherrschten vor, dass Machthaber Stand und Privilegien aufgaben, um selbst mit Hand anzulegen. Zum Klosterbau, liest man, strömten Männer und Frauen aller Stände zusammen, unter ihnen Fürsten, Ritter, ja selbst ihre Damen. Diese seltenen Quereinsteiger schleppten Steine herbei und rührten Mörtel. Aus dem Ritter Bernhard von Fontaines wurde der Mönch Bernhard von Clairvaux (1091-1153), später Abt des nach ihm benannten zisterziensischen Mutterklosters in der französische Region Champagne-Ardenne. Verworfen wurde die bisherige liturgische Prachtentfaltung und Routine des täglichen folgenlosen Herunterbetens von Psalmen, wie es in den Vorläuferklöstern der Cluniazenser Übung war. Diese dem Gebet und der Kontemplation verpflichteten Mönche waren an der eigenen gut gemeinten Wohltätigkeit wirtschaftlich gescheitert. Eine ausufernde Armenspeisung nach der Maßgabe, dass für jeden verstorbenen Klosterbruder eine Armenmahlzeit ausgegeben wird, führte nicht selten in den Ruin. Das Schicksal dieser Klöster sollte später der Staatssozialismus mit seinen nicht bilanzierten Sozialversprechen wiederholen und ebenso daran scheitern.

Während sich die Spuren der wirtschaftlichen Tätigkeit des Zisterzienserordens in der Geschichte weitgehend verlieren, haben sich die Zeugnisse seiner Baukunst noch so weit erhalten, dass wir heute deren aus Einfachheit und Strenge herrührende überzeitliche Schönheit erkennen können. Die Choriner Zisterze ist ein Meisterwerk der Backsteingotik. Die Basilika, die bewusst auf den Prunk eines Turms sowie auf Glasmalerei und Bauskulptur verzichtet, ist gestreckt und kreuzförmig; eindrucksvoll die filigrane Ziegelbauweise, mit der sich das Kloster an der Westfront einladend in Szene setzt. Für die handwerkliche Sorgfalt spricht eine auch nach 700 Jahren erhalten gebliebene "Korrektur" auf einem Ziegelstein. Im eingeritzten Wort amico (Freund) fehlt das i. Da der fehlende Buchstabe nicht mehr eingefügt werden konnte, ritzte ein Mönch zumindest die Korrektur darunter ein: "Schlecht geschrieben".

Heute, 750 Jahre nach der Choriner Klostergründung und nach - immerhin - über 40jähriger Konzerttradition, hat sich der Geist des Ortes ins Genußfrohe verlagert: Setz dich (ins Kirchenschiff oder auf den Rasen des Klosterhofes) - und höre! Der Hof mit seinem Brunnenhausfragment ist einer der wenigen Orte in der Mark Brandenburg, an denen man zu klassischer Musik Kaffee und Kuchen oder anderes zu sich nehmen kann, ohne dass einen empörte Blicke mithörender Musikfreunde träfen. Sowohl im Kirchschiff als auch im Klosterhof, der meist mit lagernden Hörern übervoll belegt ist, erklingt zur nachmittäglichen Brotzeit uneingeschränkt alles, was aus dem Bestand der musikalischen Weltliteratur verfügbar ist. Das Vergnügen ist belebend und ungeteilt - sofern man bereit ist, gelegentliche Kadenzen und andere Soloimprovisationen der Sperlinge im Mauer-Efeu hinzunehmen - und natürlich das immerwährende Rauschen von großartiger Geschichte in dieser heutigen Eremitage der Klänge.

Verkehrsverbindungen zum Kloster Chorin:
Kloster Chorin ist mit dem PKW über die A11, Abfahrt Britz (Ausschilderung in Richtung Chorin folgen) und die Bundesstraße 2 zu erreichen. In Klosternähe befindet sich ein Parkplatz für PKW und Busse.
Öffnungszeiten vom Kloster Chorin:
Sommerzeit von 9 Uhr bis 18 Uhr
Winterzeit von 10 Uhr bis 16 Uhr

Kartenverkauf für den Choriner Musiksommer: Berliner Theater- und Konzertkasse im Nikolaiviertel,Telefon: (030) 2 41 27 87
Theaterkasse Zehlendorf, Telefon: (030) 8 09 90 90
Theaterkasse Weißensee, Telefon: (030) 9 24 58 65

Text: wn


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