Das Hebewerk in Niederfinow: Wo Schiffe zu Berge und zu Tale fahren In den Mittsommernächten ging das Gespenst der Weißen Frau dort um und zerriss den Fischern die ausgeworfenen Netze. Jungfrauen, märkische Schwestern der Loreley, saßen im Mondlicht am Ufer des heute über 400 Jahre alten Finow-Kanals
Schiffshebewerk Niederfinow
Foto © wn
und suchten einsame Wanderer zu bezirzen. Solche Johanni-Legenden schrieb man dem Straßendorf Niederfinow und seiner Umgebung zu. Versteckt liegt der Flecken am Nordrand des Eberswalder Urstromtales zwischen Barnimhochfläche und Schorfheide. Eines Tages aber war Schluss mit dem mythischen Treiben. Denn als ab 1906 der neue, der Oder-Havel-Kanal zwischen Oranienburg und Hohensaaten ausgehoben und 1914 in Betrieb genommen worden war, stellte sich in Niederfinow etwas ganz anderes als Quelle allgemeiner Aufmerksamkeit heraus: eine Schleusentreppe aus vier Kammern, mit deren Hilfe die Lastkähne den beträchtlichen Höhenunterschied zwischen Odertal und Barnimhochfläche schrittweise überwinden konnten. Doch auch diese - aus damaliger Sicht - hochmoderne Anlage wurde schon 20 Jahre später verfahrenstechnisch noch einmal getoppt. Neben der Kammerschleuse ging 1934 das noch heute arbeitende und von nur vier Mitarbeitern bediente Gegengewichtshebewerk Niederfinow in Betrieb. Diese mit einem 84 Meter langen wassergefüllten Trog bestückte Großmaschine ermöglicht bis zu 1250 Tonnen schweren Schiffen das Überwinden einer 37 Meter hohen geologischen Vertikalverschiebung, eines Hanges also - und das in weniger als einer halben Stunde. Der einzigartige Elevator, ein Bindeglied der Wasserstraßen Oder, Havel und Elbe, ist heute das älteste noch funktionierende deutsche Hebewerk für Schiffe.

Es fragt sich dennoch, was täglich nahezu 1400 Menschen aus allen Teilen Deutschlands
und aus dem Ausland dazu bringt, nach Niederfinow zu pilgern, um gegen geringes Entgelt dem Hinein und Hinaus, dem Hinauf und Hinunter der Kähne und Schiffe zuzusehen. "Schön, interessant und beeindruckend" sind häufige Kommentare, nicht zuletzt auch weil man kaum einen Menschen sieht, der die Anlage in Bewegung setzt. Die Besucher aktivieren - sofern noch möglich - Gelerntes aus dem Physikunterricht. Echte "Wer-wird-Millionär"-Fragen stehen im Raum, darunter die: Warum behält der Trog auch mit einem eingelaufenen Lastkahn sein Gewicht von 4290 Tonnen? Antwort: Weil das verdrängte Wasser dem Schiffsgewicht entspricht. Oder: Warum werden bei der Abwärtsfahrt die 192 Betongegengewichte und ihre Aufhängungen nicht leichter, weil die auf den oberen Seilscheiben bereits hinweg gelaufenen 192 Drahtseile mit ihrer enormen Eigenlast nun das Troggewicht doch vergrößern müssten? Antwort: Die Erbauer, eine deutsche Firmengemeinschaft, haben an den Gegengewichten wiederum Seilausgleichketten angebracht, die alles im Gleichgewicht halten, so dass auch für die Trogbewegung relativ wenig Energie benötigt wird. Das ingenieurtechnische Kunststück und der augenfällige Sinnreichtum des Hebewerkes, dessen Schöpfer alles bedacht haben, was bei einem Schiffslift wichtig ist, fasziniert und fesselt die Besucher noch heute.

Wasser und Stahl scheinen hier ihr gegensätzliches Wesen zu verlieren, und auch die waldreiche Landschaft hat den 60 Meter hohen und 94 Meter langen, meisterhaft verstrebten Koloss in sich aufgenommen, ohne dass das Auge einen sonderlichen Bruch wahrnähme. Von der umlaufenden Galerie blickt man ostwärts zunächst auf die Lieper Schleuse, über die der alte Finow-Kanal in die Oder-Havel-Wasserstraße mündet, und weiter hinten öffnet sich das ausgedehnte Oderbruch. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hebewerkes, auf der Höhe der sogenannten Scheitelhaltung, dem am höchsten gelegenen Teilstück des Oder-Havel-Kanals, kam dem Lyriker Uwe Berger (geb. 1928) vor Jahren die Idee zu seinem von Fernweh durchhauchten Gedicht "Schiffe bei Niederfinow". Er beobachtete ein oderwärts einfahrendes Schiff. In einem Vers des Gedichtes heißt es: "Hinter dem Deckhaus mit weißer Gardine / schließt sich das Trogtor; all das muss sinken. / Durch die Kraft der bewährten Maschine / schwindet die Frau und ihr junges Winken." Doch bei aller Attraktivität ist das vielbesuchte, geschichtsträchtige Hebewerk hoffnungslos veraltet. Fahrzeugen mit bis zu 110 Metern Länge, wie sie heute üblich werden, ist die Passage wegen der zu kurzen Troglänge verwehrt. Deshalb entsteht zurzeit gleich nebenan, am selben Hang der neue Aufzug, 130 Meter lang und 60 Meter hoch. Der Trog wird 115 Meter messen. Auch das neue Hebewerk wird besucherfreundlich sein. Die Interessierten werden allerdings nicht mehr außen auf einer Galerie um das Bauwerk, sondern innen, durch die Neukonstruktion geführt, damit sie die Technik aus nächster Nähe sehen. Der publikumswirksame Mythos von Niederfinow bleibt: Jedes der ankommenden Flussschiffe wird für wenige Minuten ein "nassgefördertes" Luftschiff sein.

Der Weg zum Schiffshebewerk Niederfinow :
Aus Berlin kommend benutzt man die Bundesstraße 2, die über Bernau und durch Eberswalde führt. Ab Eberswalde bietet sich die Straße L291 Richtung Liepe an. Kurz vor dem Erreichen des Schiffshebewerkes ist eine scharfe Spitzkehre zu passieren.

Text: wn


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