Naturparkstadt Biesenthal - Wilhelms Eiche, Friedrichs Turm

Fachwerk-Rathaus am Markt in Biesenthal
Das Fachwerk-Rathaus am Markt ist bereits das dritte Gebäude dieser Art an dieser Stelle. Am 3. Oktober 2003 wurde das rekonstruierte Gebäude feierlich übergeben. Es steht unter Denkmalschutz. Es beherbergt das Bürgermeisterbüro, die Tourist-Information sowie die Heimatstube der Stadt Biesenthal, die Galerie und das Standesamt. Foto © wn

Bremsen und rechts ran. Es lohnt sich, beim Durchfahren des Städtchens Biesenthal im Barnimer Landkreis einmal halt zu machen oder es gar mit Absicht aufzusuchen. Die Stadt, die man - wie bald zu sehen - nicht nur Naturparkstadt, sondern auch Zwei-Kaiser-Stadt nennen könnte, liegt an der Bundesstraße B2 zwischen Eberswalde und Bernau. Mit einem Alter von über 700 Jahren zählt sie zu den ältesten märkischen Städten. Das Stadtrecht geht auf das Jahr 1307 zurück. Am Beginn des 20. Jahrhunderts wandelt sich Biesenthal zu einem Kur- und Erholungsort. 1925 wird das Strandbad am nahen Wukensee eröffnet. Eine Broschüre für Touristen nennt das Bad heute "eine Perle für jeden Natur- und Badefreund". Im Ort fällt der Blick auf ältere Häuser im Villenstil mit kräftig getönten Farbfassaden. Alles kommt einem aufgeräumt und freundlich vor.

Biesenthal heute:

Einer der Blickpunkte ist ein ansehnlicher Baum auf dem Marktplatz der Stadt. Im Grunde ist dieses Geviert gar kein Marktplatz, sondern ein Areal, das zwei etwa im 120-Grad-Winkel aufeinander treffende Straßen zufällig bilden. An der Kreuzung begegnen sich die Breite, die Berliner und die August-Bebel-Straße sowie eine kurze Kirchgasse, die zum Hügel der evangelischen Stadtkirche führt. Auf diesem Kreuzungs-Platz steht eine Sommer- oder Stiel-Eiche (Quercus robur), die langsam in den Zustand ehrwürdiger Ansehnlichkeit aufwächst. Die Honoratioren des Städtchens wählten im 19. Jahrhundert ein Bäumchen der Gattung der Buchengewächse, die schon immer herhalten musste, wenn es Untertanen darum zu tun war, Eifer, Ernst und Ergebenheit gegenüber der politischen Elite zu bezeugen - dann pflanzte man öfters eine Eiche. Denn der nunmehr 130 Jahre alte und 25 Meter hohe Baum mit einem Stammumfang von 4,20 Metern (2015) verweist gleichermaßen auf die jüngere Stadtgeschichte wie auch auf die deutsche Politik früherer Jahre. Ein Rekord ist das erreichte Alter nicht; es gibt wesentlich ältere Eichen in Brandenburg. Der Baum hat eine persönliche, verehrende Widmung. Er nennt sich "Jubiläumseiche" und wurde unter diesem Namen am 3. Januar 1886, einem frostigen Sonntag, im Sprösslingsalter der brandenburgischen Erde anvertraut. Unter einem schräg bedachten grünen Naturdenkmal-Schild am Stamm wird heute mitgeteilt, dass es sich um eine Eiche höherer Weihe handelt. Gewürdigt werde der 25. Jahrestag des Regierungsantritts des hier noch ungekrönten Prinzen von Preußen mit dem Namen Wilhelm Friedrich Ludwig (1797-1888) am 2. Januar 1861 - es ist der spätere deutsche Kaiser Wilhelm I.

Kaiser Wilhelm I. will keine aufwendige Jubiläums-Feier

Was man von dem Biesenthaler Baum in der kalten Jahreszeit sieht, kommt dem Eindruck nahe, den der Naturlyriker Karl Friedrich Hartmann Mayer (1786-1870) einst von einer Sommereiche in Winterruhe hatte:

"Eiche, nach gefallnem Laub
Zeigst du Astwerk ohne Zahl
... Doch nun erst in ihrer Blöße
Macht mich staunen deine Größe!"
Auch die Biesenthaler Eiche streckt in der vegetationslosen Zeit das Geäst hilfesuchend dem Himmel zu und zeigt in diesem nackten Zustand wie triebreich sie sich in der oberen Etage entfaltet. Dass sie nicht nach Wilhelm benannt werden durfte, hat offensichtlich mit dem Wunsch des Jubilars zu tun, öffentliche Lobpreisungen und Verwendung seines Namens zu unterlassen. (Zu diesem Zeitpunkt konnten Majestät nicht ahnen, dass nach ihrem Tod zwei Jahre später halb Deutschland frenetisch skandiert: "Wir wolln unsern Kaiser Wilhelm wiederhaben.") Am 5. Januar 1886 schrieben die Berliner "Neuesten Mittheilungen" resümierend: "Obgleich der Kaiser keine öffentlichen Kundgebungen zu seinem 25jährigen Jubiläum ... gewünscht hatte, ließen es sich doch die ihrem König in Treue und Liebe ergebenen Berliner nicht nehmen, in festlich gehobener Stimmung ... den Tag zu begehen." Und das war im Brandenburgischen ebenso.

Man muss wissen, dass Wilhelm schrittweise an die Macht kam. Bereits seit 1857 vertrat er als Prinzregent den erkrankten Bruder Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861), der als lupenreiner Reaktionär dazu beigetragen hatte, dass die Revolution von 1848 letztlich im Sande verlief. Nach dem Tod dieses kinderlos gebliebenen Bruders, folgt ihm der Prinzregent auf den Thron. Am 18. Oktober 1861 setzte er sich dazu in der Königsberger Schlosskirche selbst die Krone aufs Haupt und nahm vom Altar die nötigen Utensilien an sich: Zepter, Reichsapfel und das Reichsschwert. Damit war aus dem Prinzregenten ein König geworden. Er gilt in der preußisch-deutschen Geschichte als politischer Akteur mit spät erworbenem Charisma. Denn bevor der Mann mit dem herkulischen Backenbart zu beiden Seiten des ausrasierten Kinns König und schließlich am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum Deutschen Kaiser Wilhelm I. ernannt wird, hatte er Jahre zuvor einen denkbar schlechten Leumund. Grund: Am 18. März 1848 rät er im Berliner Schloss Friedrich Wilhelm IV., die Barrikadenkämpfer mit Kartätschen zu bekämpfen. Verbürgt ist sein Statement: "Wir müssen die Aufrührer mit Kartätschen zusammenschießen." Das spricht sich herum, und fortan wird er zornig "Kartätschenprinz" genannt. Die Empörung der Berliner ist so groß, dass er auf Befehl des Bruders vorübergehend nach Großbritannien verschwindet. Der Berliner Volksmund höhnt ihm hinterher: "Schlächtermeister Prinz von Preußen / komm doch, komm doch nach Berlin! / Wir woll'n dir mit Steinen schmeißen / und auf die Barrikaden ziehn."

Als man in Biesenthal mit Lebehochs und Lobgesängen den Eichenschössling pflanzte, da war auch die satirische Zeitschrift "Kladderdatsch" mit einer salbungsvollen, also keineswegs ironisch gemeinten Eloge auf Kaiser Wilhelm I. dabei. Am 3. Januar war zu lesen:
"Und manches Auge, welches leuchtend schaut
Auf Dich, von feuchtem Schimmer ist's bethaut.

Du selber drängtest die Thräne nicht zurück,
Du fühlst es tief, Dir ward das schönste Glück.

Das Höchste, was der Himmel Herrschern gibt,
Ist Dir geworden, dass Dein Volk Dich liebt."
Eine solch verkitschte Gefühlslage gibt es heutzutage nur noch in Vorabendserien des deutschen Fernsehens. Der so überschwänglich Verehrte hatte eine beachtliche Metamorphose hingelegt. Aus dem "Kartätschen-Prinzen" war ein konservativer Monarch geworden, von dem der Historiker Christopher Clark (geb. 1960) schreibt, er sei später "ein ehrbarer und weithin bewunderter Mensch (und) eine Persönlichkeit mit der Würde eines biblischen Patriarchen" gewesen. Zu Ansehen in der Öffentlichkeit war er gekommen, nachdem er den extremen Positionen der politischen und kirchlichen Reaktion und des Junkertums kritisch begegnete. Von solchem Wohlwollen, solchen Wertschätzungen und Weihen können heutige gewählte Mandatsträger nur träumen - zumal in einer Zeit, in der es üblich wurde, jeden von ihnen notfalls zum medialen Abschuss freizugeben, was die Öffentlichkeit teils mit Schadenfreude teils mit wachsender Sorge verfolgt. Einige Politiker helfen nach und tun das Ihre, um eigene Popularität gar nicht erst aufkommen zu lassen, indem sie die verbriefte Freiheit ihres Gewissens Fraktions- und lobbyistischen Zwängen unterordnen. Nachgerade eine "anachronistische Idee" sei es, dass "von der Figur des Politikers eine Aura der Würde ausgeht", schrieb die ZEIT im Juli 2013. Deshalb erschiene es auch völlig undenkbar, dass den Mandatsträgern bei öffentlichem Auftreten Ovationen entgegenschallen oder ihnen an gut einsehbaren Orten ehrenhalber Bäume gepflanzt und zugedacht werden. Das alles war einmal. Die aktuellen Erfahrungen mit der stockenden repräsentativen Demokratie ließen eine Einsicht wachsen, die die Schriftstellerin Monika Maron (geb. 1941) im Roman "Stille Zeile sechs" mit dem etwas flapsigen Bemerken kennzeichnet, "Polizisten, Pförtner und Politiker (seien) Menschen, die gern Macht ausüben".

Schlossberg-Turm erhält den Namen Kaiser Friedrich III.

Nachdem die Biesenthaler ihre Eiche nicht mit dem Kaisernamen versehen durften, funktionierte es mit dem Amtsnachfolger besser. Dies war nun der sogenannte 99-Tage-Kaiser Friedrich III. (1831-1888), der wegen eines Kehlkopfkrebses die meiste Zeit seiner Amtsperiode bettlägerig oder auf Kur war und zum Kommunizieren Sprechzettel verwenden musste. In der Regierungszeit seines Sohnes Kaiser Wilhelm II. (1859-1941), der bei Ausbruch der Novemberrevolution am 9. November 1918 "abgedankt wurde", errichteten Biesenthaler Bauleute auf dem nahen Schlossberg im Jahre 1907 einen Aussichtsturm. Dieses Bauwerk wurde nach dem 57jährig verstorbenen Kaiser Friedrich benannt. Es sind dort auch Reste einer Burg des christlichen Uradelsgeschlechts der Askanier zu sehen, die mit Albrecht I. von Brandenburg (1100-1170) einen prominenten Vertreter besaßen. Wer die 81 Stufen zum überdachten Vierseit-Ausguck des Turmes nicht scheut, wird mit einer faszinierenden Aussicht auf Biesenthal und die Umgebung belohnt. Man blickt auf das langgestreckte Städtchen, das "wenig bekannt war und in den Geschichtsbüchern mit wenig Worten abgefertigt zu werden pflegte", wie der Berliner Geschichtsforscher Ernst Fidicin (1802-1883) in seinem Buch "Die Territorien der Mark Brandenburg" feststellt. 1863 kommt Theodor Fontane (1819-1898) - auf dem Weg nach Prenden - durch Biesenthal. Er recherchiert für den Band "Oderland" der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Und er weiß später lediglich zu sagen, Biesenthal läge "seinerseits wie eine holprige Idylle in der Talrinne des Finow-Flusses". Die Gemarkung kam ihm ansonsten recht trist vor. Seine Schilderung klingt so, als wäre ihm gerade hier der Gedanke gekommen, wonach die Mark Brandenburg, "so lieb ich sie habe - den alten (popeligen) Popelinski-Charakter noch immer nicht loswerden" kann. Die Hügelreihen von Ost nach West seien "von einer äußersten Sterilität, kaum eine Moosschicht hat sich darauf niedergelassen". "Zwischen den Hügeln aber dehnt sich jedes Mal ein grüner Streifen, aus dessen Mitte leise gekräuselte Wasserflächen, mal dunkel wie ein Teich, mal blau wie ein See, hervorblicken. Alles Lebendige scheint diese Öde zu meiden, keine Lerche wiegt sich in Lüften, kein Storch stolziert am Sumpf entlang, nur eine Krähe fliegt gleichgültig über die Landschaft hin, wie ein Bote zwischen dem vor uns liegenden Wald und dem Biesenthaler Kirchturm in unserm Rücken" heißt es gedrückten Tones bei Fontane. Inzwischen verfügt das eiszeitlich geprägte Biesenthaler Becken über zahlreiche Wander- und Radwege und bietet mit seinen Laubmischwäldern, Feuchtwiesen und Mooren nachhaltige Naturerlebnisse. Mit seinen 990 Hektar gehört es zum Naturpark Barnim. Die Grenzen des Beckens, das durch das Finow-Fließsystem zur Oder hin entwässert wird, werden im Osten und Süden durch die Barnim-Hochfläche, im Westen durch eine Endmoräne aus der Weichsel-Eiszeit und im Norden durch das Eberswalder Urstromtal bestimmt. Den eiszeitlichen Charakter der Landschaft erkennt man an den steilhängigen Hügeln aus Lockermaterial und an den durch Gletscherzungen eingetieften Becken, den so genannten Zungenbeckenseen.

Evangelische Stadtkirche in Biesenthal
Die Evangelische Stadtkirche. Ihr Innenraum wird vom schweren Kanzelaltar im Stil des Berliner Spätbarock aus dem Jahr 1770 und den doppelten Emporen bestimmt. 1859 schenkte der Orgelbauer Ferdinand Dinse (1811-1899) seiner Heimatstadt Biesenthal eine neue Große Orgel. Sie ist sein bedeutendstes Werk. Foto © wn

Bemerkenswerter Überlebenswille der Biesenthaler

Und noch einen dritten Namen hätte Biesenthal verdient: "Lazarus von Bethanien-Stadt"; benannt nach dem Bruder der Jesus-Vertrauten Maria und Martha von Bethanien. Der Bruder Lazarus wird von Jesus von den Toten auferweckt (Johannes 11, 1-44). Ähnliches ereignete sich in Biesenthal. Aus weitgehend eigener Kraft und mit beeindruckendem Überlebenswillen stieg die Stadt immer wieder wie ein Phönix aus der Asche. Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) hatten 150 Söldner in der Stadt "längere Zeit bei (den Bürgern) Quartier genommen und sie völlig ausgesogen und so gewaltig gehaust, dass mancher Einwohner sein Eigenthum verließ und in die Fremde zog", schreibt Ernst Fidicin. Bald nach deren Abzug "wurde die Stadt mit dem Rathaus durch eine große Feuersbrunst fast gänzlich eingeäschert, und zu der Noth, in welche die Einwohner hierdurch versetzt wurden, kam gleich hierauf noch die Pest, welche einen großen Teile von ihnen dahin raffte". Doch nicht genug: Am 14. September 1756 werden an allen vier Ecken der Stadt Brände gelegt. "Durch sie wurden die Einwohner fast alle zu Bettlern", berichtet Fidicin. Die nächste Feuersbrunst brach am 26. Februar 1764 aus. Große Teile der Stadt liegen wieder in Asche. Fidicins Katastrophen-Chronik endet: "Hierzu kam, wenige Jahre darauf, 1776 ein Viehsterben, in welchem die Bürger fast den dritten Theil ihres Milch- und Betriebsviehs verloren." Alle diese Ereignisse bewirkten, dass heute im Ort zahlreiche historische Gebäude und schriftliche Überlieferungen verloren gingen. Wären nach den diversen Desastern all den überlebenden und aufbauwilligen Biesenthalern zu Zeiten auch Eichbaum-Schösslinge gepflanzt worden - spräche man heute bestimmt von der Naturparkstadt im Eichenwald.

Wie man nach Biesenthal kommt:

Von Berlin aus befährt man mit dem Auto die etwa 34 Kilometer lange Strecke auf der Bundesstraße B2. Der stadtnahe Schlossberg und der Kaiser-Friedrich-Turm sind vom 1. April bis 31. Oktober von 9.00 bis 19.00 Uhr geöffnet.
Öffnungszeiten des Strandbades Wukensee:
Saisoneröffnung: jeweils am 1. Mai
Mai, Juni und September: 9-19 Uhr
Juli und August: 8-20 Uhr
Eintrittspreise (ganztägig):
Erwachsener: 3,00 €
Kinder bis 14 Jahre: 1,50 €
Kinder bis 5 Jahre: kostenlos
Weitere Informationen über die Stadt und touristische Angebote finden sich unter www.biesenthal.de
Text und Fotos: -wn-

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Stand: 19.02.2016