Feldsteinkirchen auf dem Barnim

Gartenmauer aus Naturstein in Klosterdorf (Barnim)
Schlecht verzwickte Gartenmauer aus Naturstein in Klosterdorf - Foto © wn

Die Tour der Steine / Barnimer Feldsteinmauern: Geschickt verzwickt

Steine sind immer on Tour. Auch auf dem Barnim im mittleren und nordöstlichen Brandenburg.

Die geologische Hochfläche mit niedrigen Horizonten, mit auf den Feldern in weiten Abständen zurückgelassenen Heuballen und den von den Weiden gleichmütig glotzenden Milchkühen - auf allem liegt große Ruhe, die eine gefühlte Einsamkeit zum Großerlebnis werden lässt. Im Norden grenzt der Barnim ans Eberswalder Urstromtal, im Osten an das Oderbruch, im Süden an das Plateau des Teltow, eine artverwandte hochflächige Moränenlandschaft im heutigen Landkreis Potsdam-Mittelmark. Im Westen bilden die Ufer von Spree und Havel die Grenze des Barnims. Es scheint als ob seit dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 15000 Jahren an diesen Orten alles (oberirdische) Gestein und jedes Gewässer nun seinen Platz gefunden hat. Wo die skandinavischen Eiszeit-Gletscher nach ihrer Schmelze Schotter, Schutt und anderes Geschiebe zurück ließen, nahm eine seenreiche Moränenlandschaft Gestalt an. In der Mark, die lange zuvor Meeresgrund war, hatten sich schon vor der Eiszeit Ton-, Sand- und Kalksteine sedimentär gebildet und gelagert und waren somit vor den Gletschern da. In unserer Zeit nahm man lange an, dass wie oberhalb der Erdoberfläche auch unten im oberflächennahen Erdreich Ruhe herrscht. Im Gegenteil. Steine verschiedenen Kalibers benehmen sich unterirdisch wie Karrieristen, die in die Leitungsetagen eines Konzern streben, und sie sind deshalb bis auf den heutigen Tag on Tour nach oben: Jedes Jahr wollen die, die von ganz unten kommen, zumindest ein Stück Höhe gewinnen, und die, die es fast geschafft haben, wollen hinaus ins Helle.

Im Brandenburger Boden liegen - neben den einheimischen Sedimentgesteinen - die auf dem Transportweg nach Mitteleuropa zerkleinerten und geglätteten Urgesteine, die alljährlich wie kleine Phönixe aus den Schollen steigen - auf denen man im Vorjahr alle Steine abgelesen hatte. Früher meinte mancher Märker, Steine wüchsen. Lange Zeit bewahrten die jährlich aufs Neue hochkommenden Kiesel, Granite und Basalte das Geheimnis ihres Erscheinens. Im 19. Jahrhundert berichtet der sächsische Gesteinsspezialist Carl Friedrich Richter (1775-1828) zumindest, "dass die Steine sich nach und nach heben und der Oberfläche immer näher kommen". Ein "aufmerksamer Landwirt" habe im Hof einen aus der Erde ragenden Stein über längere Zeit im Auge behalten und festgestellt, dass er "alle Jahr einen halben Zoll (etwa 1,5 cm) höher gestiegen" sei. Doch warum? Im Jahre 2007 tritt der Wissenschaftsredakteur der Wochenzeitung "DIE ZEIT" Christoph Drösser (geb. 1958) mit einer plausiblen Erklärung der Stein-Aufstiege an die Öffentlichkeit. Das alljährliche Auftauchen der Brocken und Wacken auf den Feldern sei "ein Effekt des Frosts". Steine leiteten die Temperatur viel besser als lockeres Erdreich. Wenn die Kälte in den Boden kriecht, dann leiteten die Steine sie schnell nach unten. Unter ihnen würden sich gefrorene Schichten bilden und bewirkten einen Druck nach oben. Das direkt darüber liegende, noch nicht gefrorene Erdreich gebe nach und der Stein "wachse" in die Oberwelt hinein. Beim Auftauen des Bodens sacke er aber nicht wieder zurück, weil sich die Hohlräume unter ihm zuvor schon mit Erde gefüllt haben. Das ist der Vorgang.

Feldsteinkirche in Klosterdorf (Barnim)
Feldsteinkirche in Klosterdorf im Landkreis Märkisch-Oderland (Ostseite); 1241 erstmals erwähnt - Foto © wn

Eiszeitliches Geschiebe: gewälzt, gepufft, geknufft

Was mit den Steinen auf dem Weg von Skandinavien in die märkischen Breiten geschah, über das Schieben, Stauchen und Stoppen des Gletschereises hat der in seiner Zeit populäre Schriftsteller Joseph Victor von Scheffel (1826-1886) ("Als die Römer frech geworden / simserim simsim simsim") auch das Gedicht "Der erratische (herumirrende) Block" verfasst. Es handelt von einem am Eiszeitende oberirdisch zur Ruhe gekommenen größeren Stein. Der Koloss erzählt, was ihm auf dem Weg nach Süden passierte: "Geritzt und gekritzt und geschoben / Entrollt' ich in spaltige Schluft, / Ward stoßweis nach oben gehoben, / Gewälzt und gepufft und geknufft." Das Gedicht berührt sodann eine für den Menschen nutzbringende Seite des Gletscherstopps im Märkischen: die Verwendbarkeit der steinernen Massen, denn - so weiter im Gedicht - "nun lagern wir Eiszeitschubisten / Nutzbringend als steinerne Saat / Und dem Heiden wie Christen / Als Baustoff für Kirche und Staat." Damit meint der Autor diejenigen gesammelten Feldsteine, die nach prüfendem Beklopfen und Behauen zu Wänden und Mauern verarbeitet wurden. Und das ist auf dem Barnim vielerorts geschehen. Die Kirchen auf der Hochfläche haben oft Wände aus passend gemachten Feldsteinen. Über 130 mittelalterliche Sakralbauten gibt bzw. gab es auf dem Barnim. Man sieht robuste und wehrhaft wirkende einschiffige Saalkirchen mit kurzen Türmen und niedrigen Fenstern. Meist haben sie die Zisterzienser gebaut. Die Gotteshäuser haben eine ähnliche architektonische Abfolge der Gebäudeteile: Dem Turm folgt das Schiff, eine Halle ohne Seiten, an die sich die oft halbrunde Apsis mit dem vorgelagerten Hochaltarraum anschließt, dem Presbyterium. Der märkische Intensiv-Wanderer Theodor Fontane (1819-1898) baute in seine Romane nicht selten Feldsteinkirchen ein; mal kommen sie ihm aufgrund ihres Aussehens wie Trutzburgen vor, dann wieder meint er, man könne einige auf den ersten Blick sogar für Scheunen halten. Keine weit hergeholte Erfindung. Die Funktionen der Kirchen waren nicht nur auf Beten, Büßen und Bekennen geschaltet; sie waren auch Schutzraum, Speicher, Gottesacker und wurden aufgrund dieser Funktionsvielfalt oft in Eigenleistung der Dorfgemeinschaft gebaut.

Das Aufführen eines Mauerwerks aus Natursteinen beschreibt Carl Friedrich Richter in seiner 1805 erschienenen Feldsteinfibel "Verfahrungsart beym Sprengen und Spalten der großen Feldsteine": Wichtig sei es, dass "die einzelnen Mauersteine in den verschiedenen wagrechten Schichten so gelegt werden, dass die lothrechten Fugen (Stoßfugen) von zwei unmittelbar auf einander liegenden Schichten niemals zusammentreffen, sondern die Steine in der einen Schicht müssen immer die Stoßfugen der zunächst darunter liegenden decken. Man nimmt darzu Leimen (Lehm), macht die Mauer innwendig nicht ganz gleich, füllt hernach die Löcher mit Leimen oder Strohleimen ... und bestreicht (wiederum) alles glatt mit Leimen." Die äußere Mauerseite soll erst nach zwei bis drei Jahren mit Kalkmörtel beworfen und die Zwischenräume mit zerschlagenen kleinen Feldsteinenstücken geschickt verzwickt werden, das heißt sie werden lückenlos und kraftschlüssig (fest verbunden) eingepresst. Bei einer gut verzwickten Mauer ist der Mörtel von außen nicht zu sehen. Die Kirchenaußenwände aus geglätteten und farblich variierenden Steinen machen diese märkischen (wenn auch nicht gotisch schlanken) Gotteshäuser zu robusten ländlichen Schönheiten. Das Mauerwerk macht einen lebendigen, ja fröhlichen Eindruck. Sogar "Aeugelein" (Carl Friedrich Richter) schauen einen gelegentlich daraus an. Es sind kleine Erzkörner, die das Ganze beleben, als sei das einem Künstler eingefallen.

Die Wohlgestalt der Mark Brandenburg mit ihren ansehnlichen Feldsteinbauten wird gelegentlich auch bestritten. Zwar versucht selbst Theodor Fontane sein enges Verhältnis zur Mark differenziert zu beschreiben, indem er in einem Brief mitteilt, es sei die Mark, "die nun mal - so lieb ich sie habe - den alten Popelinski-Charakter (das Hängen am Alten) noch immer nicht loswerden kann". Der Literaturhistoriker Heinrich Julian Schmidt (1818-1886) will das Hinterwäldlertum sogar direkt auf den Märker bezogen wissen. Dieser habe "nur ein sehr unentwickeltes Interesse für das, was ihm am nächsten liegt". Der Schriftsteller Karl Gutzkow (1811-1878) geht noch weiter und beklagt sich über die nach seinem Geschmack romantisierenden Schilderungen der märkischen Allwelt in den Texten des Berliner und Brandenburger Chronisten Willibald Alexis (1798-1871): "Durch das Preisen und Aufputzen des Dürftigen, Ärmlichen, Unzulänglichen der Mark versündigt man sich an jener Welt, die seither für schön gegolten hat." Der gescholtene Willibald Alexis wird in Sachen märkischer Poesie und Sachkunde zum anerkannten Vorgänger Theodor Fontanes. Karl Gutzkow hatte auch die Betrachtung des Schweizer Philosophen der Aufklärung Johann Georg Sulzer (1720-1779) abgelehnt, der sogar in einem mit Feldsteinen übersäten Acker ästhetische Vorzüglichkeiten erkannte. Hatte Johann Georg Sulzer, der bei Berlin starb, doch geschrieben: "Eine Menge vor unseren Augen zerstreut liegender Feldsteine, die wir (im ersten Augenblick) mit völliger Gleichgültigkeit, ohne den geringsten Grad der Aufmerksamkeit sehen, kann durch Ordnung in einen Gegenstand verwandelt werden, den wir mit Aufmerksamkeit betrachten und der uns wohlgefällt." Nicht der einzelne Stein habe ästhetische Kraft, sondern sei unbedeutend, wohl aber wenn man ihn in strukturierter Masse auf dem Acker sieht.

Eindrucksvolle Oberbarnimer Feldsteinroute

Solche Blicke auf Felder mit Steinen kann man unterwegs auf der eindrucksvollen Oberbarnimer Feldsteinroute haben. Sie zeigt vor allem die Verwendung von Feldsteinen beim Bau von Gebäuden, hier vor allem von mittelalterlichen Kirchen. Die mit "OFR" ausgeschilderte Route hat folgende (hier ausgewählte) Stationen:

Feldsteinkirche in Bollersdorf (MOL)
Feldsteinkirche mit einschiffigem Saalbau in Bollersdorf im Landkreis Märkisch-Oderland (Südseite) - Foto © wn
  • Ausgangspunkt ist Strausberg Nord
    Klosterdorf, hier gibt es mehrere Feldsteinbauten; die Feldsteinkirche stammt aus dem 13. Jahrhundert.
  • Prädikow, Gemeindeteil von Prötzel, verfügt über mehrere Baudenkmäler mit Feldsteinbezug; die Kirche ist eine ursprünglich dreischiffige Basilika aus regelmäßigen Feldsteinquadern.
  • Künstlerdorf, mehrere Feldsteinbauten
  • Pritzhagen mit der bekannten Mühle
  • Bollersdorf mit einer Feldsteinkirche
  • Grunow, die Dorfkirche liegt außerhalb des Dorfes
Mit der notwendigen Fähigkeit, zu erkennen wie ein Stein, der verarbeitet werden soll, tickt, was seine schwachen Stellen sind - dies rückt die Berufsgruppe in den Vordergrund, deren Verrichtungen als anspruchsvoll bezeichnet werden können. Es sind die Angehörigen des Berufsstandes, die dennoch kein soziales Ansehen hatten: die Steinhauer. Der Steinbrecher, wie er auch genannt wurde, wird nicht selten als armer, vom harten Beruf gezeichneter Mann geschildert, wie zum Beispiel im Gedicht "Der alte Steinschläger" des Schriftstellers Richard Hamel (1853-1924), in dem aber auch noch alter Berufsstolz anklingt. Hier heißt es: "Grau ist mein Haar, zerzaust mein Bart, / Verschlissen mein Gewand, / Mein Antlitz gefurcht und wetterhart, / Und schwielig meine Hand. / Doch klopf' ich wie es mir beliebt, / Der freieste Mann im Reich / Und wenn Erinn'rung mich betrübt, / Schlag' ich, dass hell der Funken stiebt." Es sind die Männer, die Feldsteine lesen (nicht auflesen) können, die auf den ersten Blick erkennen, wie der Stein durch die Drücke der Jahrtausende entstand und mit welchen gut platzierten Schlägen er in ein mauergerechtes Format gebracht werden kann. Nicht rohe Gewalt ist gefragt, sondern zuerst das Diagnostizieren der Schichtung im Stein und ein angemessen starker und spaltender Schlag. Je erfahrener der Steinhauer dabei ist, umso besser gelingt es, das Objekt zu schlagen, so dass beide Hälften fast glatte Fläche haben. Keine Arbeit für schnell Angelernte; Traditionen und Ausbildung wurden großgeschrieben. 1872 erscheint in Stuttgart ein Buch mit Handwerksbräuchen und dem Abschnitt "Das Erbare Steinhauer Handwerk in Teutschland". Da ist zum Beispiel festgelegt, dass ein Lehrling vor Lehrbeginn "einen amtlichen Schein beizubringen (hat) mit dem Nachweis, dass er ehelicher Geburt und in untadelhafter Ehe geboren sei". Am Ende der dreijährigen Lehrzeit "hatte er das Gesellenstück zu machen, einen Stein sauber kantig zu bearbeiten und zu berechnen".

Madame de Staël: Steinhauer ruhen sich aus mit einem Buch in der Hand

Immerhin hat es der Steinhauer bis in die deutsche Literatur geschafft - wenn dort auch nicht besonders professionell geschildert. Obwohl der Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) ein Liebhaber und wohl auch Kenner der Steinarten war, legt er im ersten Teil der Tragödie des Faust diesem Worte in den Mund, die wenig sachkundig sind. Der in starker Liebe zu Margarethe entbrannte Faust unterschätzt in seinen Aufwallungen die Schwere des Steinhauerarbeit, indem er dem Mephisto seine erotische Erregung mit den Worten beschreibt: "Und ich ... / Dass ich die Felsen fasste / Und sie zu Trümmern schlug!" Eine Metaphorik kommt zum Tragen, die sich mit dem Sachkundigen beißt. Auch in Liebesglut zertrümmert man nicht so einfach Felsen. Oder es war einfach zusammengebackener Sand.
Von unerwarteter Seite wird am Beginn des 19. Jahrhunderts der geistige Habitus des Steinhauers in ein interessantes Licht gerückt. In ihrem Buch "De l'Allemagne" (Deutschland) untersucht die für ihr großes Wissen bekannte französische Schriftstellerin Madame de Staël (1766-1817) 1803 das deutsche Buchwesen und stellt vorurteilslos fest: "Aus der Zahl der Bücher, die in Leipzig verkauft werden, kann man leicht auf die Zahl ihrer Leser schließen; Arbeitsleute aller Klassen, Steinhauer sogar, ruhen sich aus mit einem Buche in der Hand." Das tun diese inzwischen nicht mehr. Die Steinschlägerei, deren Angehörige Steine zerteilten, damit sie als Baumaterial für Großsteingräber, Kirchen, Stadtmauern, Pflasterstraßen und Häuser verwendete werden konnten, starb im mitteleuropäischen Raum aus. Aber Zeugnisse ihrer Arbeit können wir dort heute noch bewundern.

Verkehrshinweis:
Die erste Station der Oberbarnimer Feldsteinroute in Strausberg Nord erreicht man von Berlin aus mit der S-Bahn S5.
Text: -wn-

Barnim Portal

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Stand: 02.02.2016