Der Baasee bei Bad Freienwalde Es ist 12000 Jahre her. Während der so genannten Weichsel-Eiszeit schiebt sich im Eberswalder Urstromtal, das nördlich Berlins in der Ost-West-Richtung verläuft, skandinavischer Gesteinsschutt nach Süden. An der Stelle des heutigen Baasees sechs Kilometer südlich von Bad Freienwalde kommen solche Massen in einer Endmoräne zum Stehen. Sie verfestigen sich zu einem Toteiskörper.
Nach dessen Abschmelzen bleibt ein gehöriges Loch zurück, das sich nach und nach mit Wasser füllt. Bei dieser Gelegenheit ist der 58 Meter hoch gelegene, etwas mehr als drei Hektar große Baasee entstanden, dessen Namen bis heute niemand triftig deuten kann. Das von der Erdgeschichte zwischen mehreren Hügeln platzierte Gewässer ist heute von sommerkühlem Mischwald umgeben. Bemooste Wurzelstöcke, ins Wasser ragende Baumskelette, ein immergrüner Douglasienhorst und die elegante Rotbuche schaffen eine zauberische Atmosphäre. Eine der Douglasien hatte bei einer Messung kürzlich eine Höhe von 48,20 Meter erreicht. 1888 war sie gepflanzt worden, also in jenem Jahr, in dem der berüchtigte Baumfällfanatiker Wilhelm II. Deutscher Kaiser wurde. Zwischen 1926 und 1929 soll er im holländischen Exil aus purem Zeitvertreib über 17000 Bäume gefällt haben.

Das geheimnisvolle, dunkle Flair des Ortes mag Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ veranlasst haben, dem See und der Umgegend das Prädikat heiter vorzuenthalten. „Was den Baa-See zu keiner tieferen Wirkung kommen lässt, ist wohl das, daß er jener Mischgattung von Seen angehört, die zu finster sind, um zu erheitern, und doch wieder zu heiter, um den vollen Eindruck des Schauerlichen zu machen“ schreibt der Autor der weltbekannt gewordenen regionalen Reisebeschreibung. Fontane ging seinerzeit auf dem Hohlwege aus dem heutigen Freienwalder Ortsteil Sonnenburg hinauf zum See. Der profunde märkische Chronist hatte vor seinem Fußmarsch ganz sicher einschlägige Sagen und Märchen gelesen, die vom verwunschenen See, von Elfen, Gnomen, einem verführten Köhlermädchen und vom weißen Wassernix handeln.

In den „Wanderungen“ nun stellt Fontane seinerseits zwei märchenhafte Jungfern vor, die er im Forst getroffen haben will. Beim Aufstieg wurde er „zweier Mädchengestalten gewahr, die tief in Farrenkraut standen und nur mit Kopf und Brust über das grüne Blattwerk hinwegragten. … Beide Mädchen waren noch jung, die jüngere, hübschere noch ein halbes Kind, und nachdem wir Begrüßungsworte mit ihnen gewechselt und uns an dem bescheiden-kecken Ton beider gefreut hatten, wurden wir einig, daß sie uns bis zum Baa-See hin als Führer begleiten sollten.“ Die beiden Schönen sind vermutlich gut erfunden. Das ist zu akzeptieren, hat sich doch Fontane in seinen Berichten, die zwischen 1862 und 1882 in Fortsetzungen erschienen, sonst als tiefschürfender, investigativer Chronist erwiesen.

Am See angekommen, erwähnt er allerdings nur zwei Jäger im Boot. Ansonsten ist niemand da. Ein erster Ausschank, eine „einfache Bude“ hieß es, wurde erst 1864 eröffnet. Das Wort Bude kann der heutige Baasee-Schenken-Wirt Mirko Schluchter mit einigem Recht zurückweisen, bei ihm von Budenzauber zu sprechen, kommt der Wahrheit näher. Seit über zehn Jahren betreibt er mit seinem Sohn, beide überzeugte Märker, das urige Wald-Gasthaus. Verabreicht werden delikater Wildgulasch in Brotteig, Wildschwein-Schmalzstullen und Wildsalami. Ein Gast darf hier kein Spielverderber sein, wenn der Wirt mit dem Akkordeon zum Tisch kommt und erwartet, dass man zumindest in den Refrain des erzgebirgischen Schneeschuhfahrer-Marsches oder irgendeines anderen Schunkelliedes mit einfällt.
Von Mirko Schluchter erwartet andererseits der kundige Gast mehr als musikalische Intermezzi im Lokal. Zur vollen Stunde oder wenn sonst ein Anlass besteht, greift der Wirt traditionell zur Trompete, stellt sich ans Ufer und schickt einige durchdringende, akzentuierte Stöße über den See, um bald darauf – als sei nichts gewesen – seinen Geschäften im Hause wieder nachzugehen.

Fontanes Aufstieg zum Baasee kann man heute mit dem Auto über den Ortsteil Sonnenburg bewältigen. Es ist jedoch ratsam, im Hohlweg nicht nach Mädchengestalten im Farnkraut Ausschau zu halten. Die Spurrinnen sind oft gefährlich tief ausgefahren. Der Forstweg wird zurzeit von oben herab saniert. Zu Fuß erreicht man den Baasee von Bad Freienwalde aus auf dem 4,5 km langen abwechslungsreichen Siebenhügelweg. Die Schenke hat mittwochs bis sonntags von 12.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.
Text: wn
 
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