Die Festung Küstrin: Das Pompeji an der Oder "Montag, 6. November 1730, Viertel vor Acht, es ist windig und kalt.
Die Festung Küstrin
Foto © -wn-
Eine halbe Stunde schon steht die Sonne flach über der träge und breit fließenden Oder. Es ist soweit. Der tags zuvor angereiste Königliche Hof- und Leibmedikus Scharfrichter Martin Coblentz tut, was er nach dem letztmaligen Verlesen eines Todesurteils immer macht: Mit dem Gestus eines Menschen, für den die Exekution ein rein chirurgischer Vorgang ist, holt er aus und zielt. Die Klinge des über einen Meter langen, fünf Zentimeter breiten Schwertes durchtrennt korrekt eine Handbreit unter dem Ohr Trapezmuskel, Rückenmark und Halswirbel des 26jährigen preußischen Offiziers Hans Hermann von Katte. Der Kopf des Delinquenten bleibt in der Nähe des Sandhaufens liegen, auf dem der nach vorwärts sinkende Rumpf noch einige Sekunden lang gekniet hatte. Kattes Enthauptung vollzieht sich im oderseitigen Festungsbereich "Bastion Brandenburg", deren Außenmauer das Foto zeigt. Was mit Kattes ausschießendem Lebenssaft geschieht, ist nicht überliefert. Coblentz handelt mit dem Blut von Enthaupteten; es soll gegen Epilepsie und Fallsucht helfen.

Wäre es nach Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) gegangen, hätte Coblentz ein zweites Mal ausholen
sollen: um auch den Kronprinzen Friedrich (1712-1786) strafhalber einen Kopf kürzer zu machen - jenen Friedrich, den man Jahre später den Großen nannte. Sein als Soldatenkönig bekannter Vater Friedrich Wilhelm I., der für sein Leibregiment nur "Lange Kerls" aushob - keiner unter 1,88 Meter Wuchshöhe - malträtierte seinen Sohn und Nachfolger mit einer pietistischen Erziehung, deren Attribute streng, karg und herzlos nicht aus der Luft gegriffen sind. Deshalb der Versuch des 18jährigen, musisch veranlagten Sohnes, zusammen mit dem Vertrauten Katte nach England zu fliehen. Die Flucht misslang. Friedrich Wilhelm tobte. Aber nur Kattes Kopf rollte. Das Leben Friedrichs, der nach Reichsrecht den Status eines Fürsten innehatte, stand unter dem Schutz von Kaiser Karl VI. in Wien, was sein Vater mit Schaum vor dem Mund hinzunehmen hatte. Zumindest musste Friedrich beim Köpfen Kattes zusehen.

Die reichsweit beachtete Exekution machte die damals rund 200 Jahre alte, in Höhe der Warthe-Mündung gelegene sechseckige "Sumpffestung" Küstrin dauerhaft zum historisch herausragenden Ort. Ohne die Katte-Affäre hätte die Festung mit ihren roten Ziegelmauern inmitten des modrigen Warthebruchs nicht sehr viel von sich reden gemacht. Was einmal mit dem Ummauern der Küstriner Altstadt begann, erwuchs über die Jahrhunderte zu einem wehrhaften Bauwerk. Im Inneren der von niemandem je bezwungenen Festung, die Ende des 17. Jahrhunderts eine der stärksten in Deutschland war, hatten sich Wohnhäuser, Marktplatz, Kirchen, Schloss sowie militärische Einrichtungen befunden. Im Siebenjährigen Krieg wurde das Bauwerk zwar von der Russischen Armee in Brand geschossen, aber nicht besetzt. Ein preußisches Heer unter Friedrich II. schlug die russischen Streitkräfte während der Schlacht bei Zorndorf (Sarbinowo) im Sommer 1758 zurück. Die eindeutige russische Niederlage ging als Triumph in die russische Literatur ein. In Alexander Puschkins Hauptmannstochter ist von der Einnahme von Küstrin und des Schwarzmeerortes Otschakow nahe Odessa die Rede. Vorsicht also bei Schlachtberichten! In Otschakow hat auch Baron Münchhausen seinen Aufsehen erregenden Ritt auf der Kanonenkugel gestartet.

Ab dem 19. Jahrhundert taucht das einst so stolze Kastell meist nur noch in der
Rubrik Kleinkriminalität des Königlichen Amtsblattes von Potsdam und Berlin auf - und wandelte sich in eine wenig ausbruchssichere Strafvollzugsanstalt. So kam es, dass im September 1830 der 28jährige Schäferknecht George Repschläger aus Bietikow bei Prenzlau peinlicherweise zur Fahndung ausgeschrieben werden musste. "Der unten näher signalisierte Militairsträfling hat heute Gelegenheit gefunden, von der hiesigen Festung zu entweichen", heißt es im Steckbrief. Repmann, "Fußgröße 4 Zoll, längliches Gesicht, Halbstiefel, graue Tuchmütze mit rotem Streif", hatte sich am 4. September 1830 mir nichts, dir nichts, seiner Fessel zu entledigen gewusst, und sein Wachmann sah ihm hinterher. Undenkbar das zu Kattes Zeiten.

Nach dem Ersten Weltkrieg verfügte der Versailler Vertrag vom Juni 1919 eine Zerstörung von Teilen der Festung. Die Kampfhandlungen am Ende des Zweiten Weltkrieges machten den Rest dem Erdboden gleich. Die Relikte dieses Ende fallen heute rechterhand ins Auge, wenn man aus dem benachbarten Landkreis Märkisch-Oderland über den Fluss nach Kostrzyn-Neustadt fährt. Im südlichen Teil der Festungsfläche ist eine Restaurierung der "Bastion Philipp" einschließlich ihrer Kasematte im Gange. Auch das Berliner Tor ist fachmännisch wieder hergestellt. Trotzdem: das alte Küstrin wird aller Voraussicht nach ein Pompeji an der Oder bleiben.

Wie man nach Küstrin kommt:
Von Berlin aus führt die Bundesstraße B1 direkt nach Küstrin-Kietz. Nach dem Passieren der Grenze hält man sich nach wenigen Metern rechts, um zur Festungsruine bzw. zu den restaurierten Teilen zu gelangen. Linkerhand kommt man in das belebte Kostrzyn, darunter auch zum Markt.
( Text: wn )


 
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