Dammmeisterei Zollbrücke - Kultur-Vielfalt zwischen alter und neuer Oder

Weißstörche sind Kulturfolger. Zum Erreichen ihrer evolutionär bestimmten Lebensziele erheischen sie nasse Wiesen und nestnah wohnende Menschen.
Dammmeisterei Zollbrücke
Das Deich-Café im Zollbrücker Ensemble des
Dammmeisterhauses; im Hintergrund das Dammbohlenhaus
Foto © -wn-
Erstaunlich diese Verbindung existenzieller Prämissen - das fand schon 1820 der Ornithologe Johann Andreas Naumann (1744-1826) in seiner voluminösen "Naturgeschichte der Vögel Deutschlands - nach eigenen Erfahrungen entworfen". "Höchst auffallend ist des Storchs Zuneigung zu dem Menschen", wird dort ausgeführt. Der Vogel, an dessen Tun und Treiben Naumann sogar "Ernst und Würde mit viel Klugheit" zu erkennen glaubte, niste mit Vorbedacht nicht in unzivilisierten Gegenden, "sondern in Dörfern, an lebhaften Straßen, - und in ziemlich volksreichen Städten schlägt er seinen Sommersitz auf". Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) zufolge ist das Wohnrecht des Vogels evident, ja er nimmt Freund Adebar sogar dafür in Anspruch, seine (Goethes) pantheistische, kirchenkritische Sicht auf den Schwingen seiner bekannten Ironie zu zelebrieren. Im etwas zum Derben neigenden Storch-Gedicht des Weimarer Meisters heißt es mit Blick auf die Art und Weise, wie der Storch sich seiner Exkremente entledigt: "Wodurch - gesagt mit Reverenz - / Kann er sein (Wohn-)Recht beweisen, / Als durch die löbliche Tendenz / Aufs Kirchendach zu " Darum geht es auch in dem zur Oderbruch-Gemeinde Zäckericker Loose gehörenden Ufer-Flecken Zollbrücke mit seinen kaum 20 Häusern; der herunterfallende Storchenkot aus dem Nest auf dem Stromleitungsmast trifft dort aufs Nahfeld einer Gartentür. Man kann deshalb sagen, dass die gewöhnlich wechselseitig enge Beziehung zwischen Mensch und Storch hier eher von Einseitigkeit geprägt ist. Das zeigte sich nach dem Tod der Bauerswitwe Elsbeth Haberland im Ausgedingehof gegenüber dem Nest. Niemand übernahm bisher ihr Amt, auf der Holztafel unter der Brutstatt die Ankunfts- und Abflugzeiten der Störche einzutragen - schade.
Adresse:
Dammmeisterei Zollbrücke
Zollbrücke 10
16259 Oderaue OT Zäckericker Loose
Tel: 0173/ 365 90 99

Öffnungszeiten der Dammmeisterei Zollbrücke:


April bis Oktober
Donnerstag - Montag 11:30 Uhr bis 19:00 Uhr
Freitag und Samstag 11:30 Uhr bis 21:00 Uhr

November bis März
Freitag 15:00 Uhr bis 21:00 Uhr
Samstag 11:30 Uhr bis 21:00 Uhr
Sonntag 11:30 Uhr bis 19:00 Uhr

Wissenswertes über die Dammmeisterei Zollbrücke


Die nicht durchgängig hohen Sympathiewerte hält aber das inkriminierte Altstorchpaar, das seit Jahr und Tag Ende März/Anfang April Zollbrücke anfliegt,
Deich-Scharte von Zollbrücke
Die mit Bohlen verschlossene Deich-Scharte von Zollbrücke
Foto © -wn-
nicht davon ab, seinen wohnkulturellen Anspruch in der Kleingemeinde durchzusetzen. Beim Versuch, den Grund für die Standorttreue des Pärchens zu ermitteln, entsteht der Gedanke, dass es gerade die Touristenströme unten auf dem zum Oderdeich führenden Sträßchen sein müssen, die die beiden Großvögel nachgerade als einen Rund-um-Schutz empfinden. Von diesen Leuten mit moderatem Lärmaufkommen ging noch nie Gefahr aus, und wenn sich einmal eine solche ergibt, dann kommt sie in Gestalt eines aggressiven Fremdstorches aus der Luft. Und dieses Erlebnis einer von unten aufsteigender Sicherheit hat sich in den vergangenen Jahren oben im Nest verstärkt. Denn in der Gemarkung Zollbrücke nahm das - wenn auch stoßweise - Erscheinen von Besuchern von Jahr zu Jahr zu. Bereits in tiefer DDR-Zeit zog es Tagesgäste hierher, ein Spaziergang auf der Deichkrone bot immer schon auch die einzigartige Gelegenheit, sich unabhörbar über höheren Orts für unerhört gehaltene politische Dinge zu unterhalten. Bei solchen Gängen hat man das sich nordwärts bewegende dunkle Oder-Wasser im Blick, das - bei entsprechendem mittlerem Wasserstand - die aus dem Fluss ragenden Buhnen leicht strudelig umspült. Der Blick geht ans jenseitige weitgehend dammlose polnische Ufer, das besonders im Abendsonnenschein mythisch-entrückt aufleuchtet. Ach ja, das war die lange Zeit mit Verhauen gestärkte "Oder-Neiße-Friedensgrenze".

Und wer die rund 350 Meter lange Straße vom Ortseingang bis hin zum Oderdamm zurückgelegt hat, kann gar nicht anders, als auf eine regionale Besonderheit zu stoßen. Im Flussverlauf befindet sich auf der Höhe des Örtchens die einzige Stelle, an der der Damm unterbrochen ist. Der Grund: Zollbrücke liegt im sogenannten Mittelbruch, jenem Teil des Oderbruches zwischen der landeinwärts fließenden alten Oder und dem Mitte des 18. Jahrhunderts gebauten 21 Kilometer langen Oderkanal von Güstebiese nach Hohensaaten. Dieses so vom alten und künstlich angelegten Flusslauf eingeschlossene Land verband eine "Brücke bei Zeckerick" mit der im Osten sich fortsetzenden preußischen Neumark. Um zu dieser vom Eisgang immer wieder beschädigten und schließlich nicht mehr erneuerten Brücke zu gelangen, musste der Damm einen Durchgang haben - eine sogenannte Scharte. Die Zollbrücker Deischscharte ist die letzte noch vorhandene Öffnung des gesamten Damms - eine sehenswerte Seltenheit. Und Scharten brauchen seit jeher Bohlen, um bei Hochwasser sicher verschlossen werden zu können.
In Zollbrücke wurden die Dammbohlen in der heute unter Denkmalsschutz stehenden Dammmeisterei gelagert, im sogenannten Dammbohlenhaus. Dieses lange Zeit heruntergekommene Fachwerkhaus wurde jetzt zusammen mit einem weiteren Wirtschaftsgebäude fachgerecht rekonstruiert - zwei dorfarchitektonische Kleinode entstanden. Als Sponsor wirkte die "Lübbering-Stiftung zu Neulewin", eine rechtsfähige Organisation, die sich u.a. der Förderung von Kunst und Kultur sowie des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege verpflichtet fühlt. Das Innere des Dammbohlenhauses mit seiner gelb-leuchtenden Fachwerkausmauerung ist nun ein Raum für Konzerte, Tagungen, Lesungen, Ausstellungen und Theateraufführungen. 2010 wurden die beiden rekonstruierten Gebäude bei großem Besucherandrang der Öffentlichkeit übergeben. Das kleine Café "Deichstube" im Wirtschaftsgebäude daneben wird im Sommer stark frequentiert. Gegenwärtig (2011) steht in der Dammmeisterei die Rekonstruktion des 1769 erbauten und seit langem leeren Wohnhauses des ehemaligen Deichinspektors Johann Friedrich Christiani (1723-1797) und seiner Nachfolger auf dem Programm. Christiani, der auch den Zollbrücker Brückenbau und -betrieb beaufsichtigte, war vereidigt und erhielt ein jährliches Salär von "Zwey Hundert und Funfzig Rthlr. (Reichstaler)", das sind etwa 4800 Euro. Seinen Namen liest man in der "Königlichen Preußischen Teich- und Ufer-, auch Graben- und Wegeordnung" vom 23. Januar 1769. Mit diesem umfänglichen Edikt legte Friedrich II. (1712-1786) bis ins Detail fest, wer sich wann, wo und wie um die Funktionsfähigkeit der damals neuen Deichanlagen am Oderkanal zu kümmern hat. Friedrichs ostentatives Pflichtgebot beschreibt sowohl die Obliegenheiten der "Interessenten" genannten Anlieger-Bauern wie die der Deich-Behörden. Die Deich-Inspektoren und Deich-Meister (auch Dammmeister genannt) und die "Interessenten" hatten zweimal im Jahr ihre Ufer-Abschnitte "fleißig zu visitieren". Wer von den "Mit-Urtheilern ausbleibt, muss sich alles, was in seiner Abwesenheit beschlossen wird, gefallen lassen", schrieb der König in seiner Abkündigung. Ferner: "Um Johannis (24. Juni) müssen die Dämme unerinnert gekräutert sein." - "Wer seinen Feld- und Grenzgraben nicht räumt, muss einen Groschen Strafe für die Ruthe (ca. 3,5 Meter) zahlen", heißt es an anderer Stelle. Friedrichs Biograf Franz Kugler (1808-1858) lobpreist: "Um alle, auch die geringfügigsten Einzelheiten kümmerte (der König) sich bei diesen neuen Anlagen; manche Gespräche, die er darüber auf seinen Reisen mit den Beamten geführt und die man aufgezeichnet hat, geben hierüber interessante Zeugnisse."

Das heute schon zum Teil wiedererstandene Dammmeister-Ensemble lässt diese Zeit bedeutender Handwerklichkeit auf deichwirtschaftlichem Gebiet aufscheinen,
Storchennest in Brandenburg
Das einzige Storchennest der Gemeinde
Foto © -wn-
und dieses Besinnen lenkt die Aufmerksamkeit wiederum auf den vielschichtigen, gelegentlich unerklärlichen Charakter des Preußentums zwischen Aufklärung, rechtstaatlichen Anfängen und Lust zum Krieg. Friedrich, der waffengängige Schöngeist, kam - wie Historiker meinen - durchaus mit gewissem Schuldgefühl aus dem verlustreichen Siebenjährigen Krieg (1756‒63; dem dritten und letzten der Schlesischen Kriege) und will nun dem starkzerstörten Land viel Gutes tun. Mit Wohltaten wie Arbeitsbeschaffung sowie mit der gesamten Finanzierung der Trockenlegung des Oderbruchs begann er bereits nach dem zweiten Schlesischen Krieg (1744/45). Der Landwirtschafts-Autor Walter Christiani hält fest: "Kaum hatte Friedrich durch den so ruhmvoll geführten zweiten schlesischen Krieg das blühende Schlesien seiner Krone einverleibt, als er auch schon im Jahre 1746 daran ging, den Elementen eine neue Provinz abzugewinnen und so auf friedlichem Wege zu erwerben." Um die Entwässerung des Oderbruchs und den Bau des Oderkanals zu fördern, wurden die Soldaten, die eben noch auf Feldzügen unterwegs waren und überlebten, auf die Baustellen ins Oderbruch befohlen.

So ist das kleine Zollbrücke heute ein Kulturort am Ufer des Oderkanals. Die Dammmeisterei - eines der letzten noch erhaltenen Wahrzeichen des Bruches - steht nun als touristische Attraktion in einer Reihe mit dem Deich-Gasthaus, dem Ziegenhof, dem durchführenden 630 Kilometer langen Oder-Neiße-Radweg von tschechischen Nová Ves nad Nisou bis nach Ahlbeck auf Usedom und - vor allem - mit dem "Theater am Rand". Diese musische Kostbarkeit wurde 1998 von dem Akkordeonisten und Komponisten Tobias Morgenstern (geb. 1965) und dem Schauspieler Thomas Rühman (geb. 1955) zunächst in einer erweiterten Wohnstube als Privattheater für 32 Zuschauer gegründet. Heute bezeichnet der Name ein neues Haus, dessen Dach von geschälten Eichenstämmen rustikal getragen wird. Das im Winter ofengeheizte Parkett ist breit und ansteigend. Die Schrägheit der Konstruktion, sagen die Theatermacher, seine Offenheit, die Abwesenheit von rechten Winkeln verwiesen auf die Ästhetik der hier auf die Bühne gebrachten "beredten Menschen-Geschichten aus der Welt und ihren Regionen". Widerständige Natur und darstellende Kunst gingen eine Symbiose ein. Zweihundert Zuschauer aus der näheren und aus der weiteren Umgebung wollen das immer wieder erleben.

Und schließlich besichtigen die Tagesgäste auf dem Deich - sofern sie davon Kenntnis haben - auch jene unscheinbare Uferstelle
Das polnische Oder-Ufer
Das polnische Oder-Ufer gegenüber von Zollbrücke
Foto © -wn-
wenige Hundert Meter nördlich Zollbrückes, an dem beim extremen Hochwasser im August 1997 über hundert Soldaten der 2. Kompanie des Panzeraufklärungs- lehrbataillones der Bundeswehr einen unmittelbar bevorstehenden Bruch des durchnässten Dammes abwenden konnten. Unzählige Sandsäcke wurden mit Hubschraubern herangebracht; ein Dammbruch hätte eine weitflächige Überschwemmung bis zum Westhang des Barnims zur Folge gehabt. Was am vielzitierten Hindukusch bisher eher fraglich blieb - im Oderbruch jedenfalls hat ein soldatischer Außeneinsatz in jenen Tagen der Bundeswehr viel Ehre eingebracht. Und: "Die Sicherheit Deutschlands wurde auch im Oderbruch verteidigt"

Wie man zur Dammmeisterei Zollbrücke kommt:
Von Berlin aus bietet sich für eine Autofahrt die Bundesstraße B158 Richtung Bad Freienwalde an. In der Stadt biegt man in die Bundesstraße B167 ein, von der man nach vier Kilometern links in das Oderbruch hineinfährt. Die restlichen kurvenreichen 14 Straßenkilometer führen durch die Dörfer Altranft, Neureetz, Altreetz, Altwustrow bis nach Zollbrücke, wo ein geräumiger Parkplatz zur Verfügung steht.
Text: -wn- / Stand: 12.06.2014


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