Friedersdorfer Kunstspeicher: Über den Geist, der meist vereint

Die von keinem politischen Regime beherrschbaren Gedanken sind nicht nur frei,
Friedersdorfer Kunstspeicher
Der Kunstspeicher Friedersdorf.
Das schmucklose Äußere (Aufnahme vom Frühjahr 2012)
kontrastiert mit einem vielfältigen Innenleben.
Foto © -wn-
wie es im schlesischen Volkslied heißt. Auf grandiose Weise sind sie ungebunden, so daß sie in verschiedener Gestalt aufblitzen, hier als persönliche Wünsche, dort als Vorstellungen des Einzelnen vom Leben generell, oder sie zielen auf aufwändige kollektive Zwecke. Ruhelos sind sie unterwegs, ohne daß immer jemand dabei ist, sie verschwinden, um in Momenten menschlicher Leidenschaft wieder aufzutauchen - auch als Geister, die meist vereinen und hoffnungsvolles Flair verbreiten - selbst wenn das schöne Ziel noch ferne liegt. Zu solchen merkwürdigen gedanklichen Umtrieben kam es vor Jahren schon im märkischen Flecken Friedersdorf, rund zwei Kilometer westlich der geschichtsbekannten Seelower Höhen.
Adresse:
Kunstspeicher an der B 167
Freundeskreis Friedersdorf e.V.
Frankfurter Str. 39
15306 Vierlinden OT Friedersdorf
Tel: 033 46/ 84 38 56

Öffnungszeiten des Friedersdorfer Kunstspeicher:


Speicher & SpeicherLaden
Dienstag - Sonntag 11:00 Uhr - 18:00 Uhr

Wirtshaus
Dienstag - Sonntag ab 11:00 Uhr, warme Küche bis 21:00 Uhr bzw. nach Vereinb.

Geschichte des Ortes Friedersdorf und des Kunstspeicher


Doch das Kleinstdorf bedarf dieser Historizität nicht, weil es eine eigene hat. Sie ergibt sich aus einem - leider abgetragenen - schlossartigen Herrenhaus, in dem seit Ende des 17. Jahrhunderts die neumärkisch-brandenburgische Adelsfamilie von der Marwitz wohnte. Das Gut insgesamt hatte eine Nutzfläche von fast 700 Hektar, im Oderbruch noch zwei Vorwerke dazu. Im Dorf lebten zwanzig halbfreie Kossäthen, jeder bewirtschaftete rund 18 Hektar fruchtbares Land. Theodor Fontane (1819-1898) besucht das Schloss in den 1850er Jahren. Im Oder-Land-Band der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" notiert er: "Wir betreten das Haus und verwundern uns über seine Raumfülle … es stammt noch aus jener vornehmen Zeit, wo man die vorhandene Gesamträumlichkeit in wenige imposante Gemächer teilte, statt sie wie jetzt in zahllose Stuben und Stübchen hotelartig zu verzetteln. Die Baumeister waren damals noch bei keinen Hauswirten in die Schule gegangen und hatten noch nicht gelernt,
der trivialsten Ökonomie die Schönheit und Stattlichkeit der Verhältnisse zu opfern. Es war noch die Epoche der Treppen und Korridore, die Zeit der Renaissance."

Das Haus, das den Zweiten Weltkrieg übersteht, jedoch nicht die Denkmalsstürmerei der ostdeutschen Funktionäre, ist für kurze Zeit Lebensmittelpunkt des Gutsherren Alexander von der Marwitz (1787-1814). Er ist der Bruder des bekannteren, zehn Jahre älteren Friedrich August Ludwig (1777-1837). Dieser ist preußischer General, dem man zwar eine herzerfrischende Art sich zu äußern sowie Mut nachsagt, der aber in der preußischen Geschichte nicht gerade als Fortschritts-Motor in Erscheinung tritt.
Der Historiker Christopher Clark (geb. 1960) hält fest, von der Marwitz, der Ältere, habe einen "nostalgisch ländlichen Paternalismus" vertreten, eine tunlichst nicht aufzuhebende vormundschaftliche Beziehung zwischen Herrscher und Beherrschten. Demgemäß tritt der Gutsherr am Beginn des 19. Jahrhunderts unverblümt, allerdings erfolglos, gegen das Vorhaben der preußischen Reformer auf, die bisher geltende Gutsuntertänigkeit der Bauern aufzuheben. Am 15. August 1810 trifft er Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) in Weimar.
Speichergiebelwand
An der östlichen Speichergiebelwand wird auf
die Jubiläums-Ausstellung zum 20. Gründungstag
aufmerksam gemacht. - Foto © -wn-
Dem erscheint er als mephistophelischer "Geist, der stets verneint". Von der Marwitz bezichtigt hinterher den Weimarer Olympier, den "natürlichen freien Anstand des Vornehmen" vermissen zu lassen. Goethe kommentiert die Flegelei nicht. Schon das Gespräch vermerkt er lapidar im Tagebuch: "Unterhaltung mit … v. Marwitz. Mit Riemer (dem Lehrer seines Sohnes August) nach dem Schwefelbad." Geharnischt aber die Reaktion des preußischen Staatskanzlers Karl August Freiherr von Hardenberg (1750-1822). Der hat nun genug vom öffentlichen Gemotze des Gutsherren und lässt ihn 1811 - für einige Wochen - in der Festung Spandau arretieren. Die Protokolle des Preußischen Staatsministeriums übergehen den Disziplinierungsversuch und klassifizieren den Grantler als "Verfechter adeliger Privilegien u. ständischer Rechte", der auf seinem Gut "mehrere innovative Maßnahmen" eingeleitet habe. (Gemeint sind die Einführung des Kartoffel-, Klee- und Rapsanbaues sowie die Stallfütterung.) Wir befinden uns in der schwierigen Zeit zwischen der verlorenen Doppelschlacht von Jena und Auerstedt (14. Oktober 1806), in deren Folge Preußen etwa die Hälfte seines Territoriums verliert, von französischen Truppen besetzt wird und hohe Kontributionen zu zahlen hat, und der Völkerschlacht bei Leipzig (16.‒19. Oktober 1813), die der Macht Napoleons auf deutschem Boden ein Ende bereitet. Als der große Bruder vor Ort die Schmach von Jena und Auerstedt mit erleiden muss, vertritt ihn Alexander in Friedersdorf, führt die Wirtschaft erstaunlich gut, obwohl er von Landwirtschaft kaum Ahnung hat. Friedersdorf wird für ihn vor allem zum Musenort, an dem er sich mit Gleichgesinnten über Preußens Zukunft austauscht. Es ist anzunehmen, dass er die patriotisch ambitionierten Schriften des Berliner Professors Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) kennt. Diesem geht es in dieser monarchischen Zeit um "das Ethos der durch den Menschen gestalteten Welt … Nicht die normative Kraft der Tat-Sachen, sondern die norm-schaffende Kraft der Tat-Handlungen bilden Welt", so kennzeichnet der deutsche Soziologe Alexander Deichsel (geb. 1935) die Ansprüche des "Fichteschen Ichs". Bei Alexander von der Marwitz ist die Botschaft Fichtes angekommen, und sie weckt enormen Gesprächsbedarf. Der Bruder schreibt über ihn: "Er war überhaupt höchst liebenswürdig im Umgange und ein ausgezeichneter Mensch. Er war … gut gewachsen, hatte ein sehr feines jugendliches Gesicht mit schönen, dunklen Augen, und nahm alle Menschen ein, mit denen er umging." Der gebildete Alexander habe "ein solches Bedürfnis nach geistreicher Gesellschaft (gehabt), dass er ohne eine solche eigentlich nicht leben konnte, selbst zum Studieren und Arbeiten wollte er täglich durch solchen Umgang angeregt seyn, aber wo ist denn der in solcher Masse vorhanden, dass man täglich etwas Neues mit ihm verhandeln kann." In Alexanders Bewusstsein entflammt der Geist, der meist vereinen will, um Neues zu schaffen.

Im Sommer 1807 besucht der liberale Schriftsteller Karl August Varnhagen von Ense (1785-1858) mit Freunden Alexander in Friedersdorf. Das Zusammentreffen beginnt mit einem Stimmungstief. Varnhagen erinnert sich: "Wir brachten nämlich die ‚Berliner Zeitung' (mit) und mit ihr die erste zuverlässige Nachricht von den Bedingungen
Schinkel-Kirche in Neuhardenberg
16 Kilometer von Friedersdorf entfernt liegt
Neuhardenberg; auf dem Bild die Schinkel-Kirche
Foto © -wn-
des am 9. Juli zu Tilsit (1807) geschlossenen Friedens. … Marwitz und (der evangelische Theologe Friedrich Daniel Ernst) Schleiermacher waren in Niedergeschlagenheit ganz betäubt, als sie diese schmachvollen Bedingungen der Reihe nach vernahmen ... Geisteskraft und Jugendmut setzten sich aber doch bald wieder so weit ins Freie, dass sinnvolle, forschende Gespräche mit den gewöhnlichen Tagesdarbietungen abwechseln und auch Scherzreden sich wieder einfinden konnten. Laue Abende der köstlichsten Art wurden bei Sternenflimmer im tiefen Schattendunkel hoher Bäume weit über die Mitternacht hinaus verlängert, und niemand mochte ans Schlafengehen denken, während die reinste Luft die Brust erfrischte und die edelsten Gedanken über Natur, Welt, Geschichte, Wissenschaft und Poesie ausgesprochen wurden; denn Marwitz hatte den Willen und die Kraft, immer das Höchste und Größte zur Sprache zu bringen." Doch am Ende des Ausfluges ins Ländliche gibt es für die Berliner Freunde noch eine Irritation. Alexanders liberaler Geist hat Verwerfungen; lässt erkennen, was wir heute mit Gutsherrenart beschreiben. Er will nicht zulassen, dass die Freunde - wie beabsichtigt - zu Fuß ins 17 Kilometer entfernte Müncheberg laufen, um dort die Post nach Berlin zu nehmen. Statt dessen beordert er zwei "seiner" Bauern herbei, die ihre Arbeit stehen und liegen lassen müssen, um den Transport nach Müncheberg zu übernehmen - es ist Alexanders Beitrag zum gerade erlassenen Edikt der preußischen Regierung zur Abschaffung der Gutsuntertänigkeit. Die Gäste kommen auf dem ihnen aufgedrängten Fuhrwerk in Müncheberg an, "wo wir die guten Leute, die mit ihren Pferden einen ganzen Arbeitstag versäumt und dabei möglichst knapp von Mitgenommenem gezehrt hatten, durch reichliches Trinkgeld einigermaßen schadlos hielten. Dass dergleichen drückende Verhältnisse und Missbräuche, die auf dem armen Volke lasteten, zerstört würden, fand ich an diesem Beispiele wieder recht wünschenswert und pries im stillen die Französische Revolution, die solche verfaulte Überbleibsel am kräftigsten zu zertrümmern angefangen hatte" schreibt Varnhagen in seinen 1838 in Mannheim veröffentlichten "Denkwürdigkeiten". Alexander lebt noch sieben Jahre. Er nimmt an den Befreiungskriegen teil und kämpft zuletzt in einer Abteilung des York'schen Corps. Während der Schlacht bei Montmirail in der Region Champagne-Ardenne zwischen einer französischen Armee unter dem Kommando Napoleons und einer alliierten preußisch-russischen Armee findet er am 11. Februar 1814 den Tod. Der Bruder notiert: "So war er eigentlich des Lebens früh überdrüssig, und ich muss es ein Glück nennen, dass Gott ihm verlieh, in seinem 27sten Jahre für das Vaterland zu sterben."

77 Jahre später, im Jahre 1891, entsteht im Friedersdorfer Gut ein Gebäude, dessen Geschichte sich bis in die Gegenwart hineinzieht. Ein Kornhaus wird gebaut, 1922 plant Nachkomme Bodo von der Marwitz (1893-1982) bereits einen Neubau, im Jahr darauf wird das erste Getreide eingelagert.
Außenanlage der Gedenkstätte Seelower Höhen
In unmittelbarer Nähe befindet sich die Gedenkstätte
bzw. das Museum Seelower Höhen,
auf dem Bild ein Teil der Außenanlage - Foto © -wn-
Es ist die schmucklose Ziegelscheune, die man heute noch sieht. Bodos Wirken währt nicht lange. 1945 wird der Besitz enteignet, und der schlesische Landarbeitersohn Bernhard Grünert (1906-1997) übernimmt als Vorsitzender der nach Thomas Müntzer (1489/90-1525) benannten Landwirtschaftlichen Produktions-
genossenschaft (LPG) Worin auch den Speicher. Die dreizehn überredeten Einzelbauern hätten "als erste die Grenzen des landwirtschaftlichen Kleinbetriebes (erkannt) und besaßen den Mut, mit dem Übergang zur sozialistischen Produktion zu beginnen", jubiliert die im Berliner Dietz Verlag 1978 erschienene SED-Geschichte. Bernhard Grünert ist zeitweilig auch Bürgermeister in Worin. Er geht als kommunistischer Funktionär in die DDR-Geschichte ein, der nicht nur an kein höheres Wesen glaubt, sondern er entpuppt sich als einer der vielen aggressiv-arroganten Kirchen- und Christen-Gegner. Deren Hasspredigten haben wenig mit Atheismus zu tun, der zwar die Gottheit ablehnt, aber die sozial-ethische Grundlagen des Christentums zu achten weiß, wofür sich nichts zuletzt auch Karl Marx (1818-1883) aussprach. Überliefert ist Bernhard Grünerts skandalöser Versuch, den Friedhof der Woriner Evangelischen Kirche zu sperren.

Im sechsbödigen Speicher arbeitet während der DDR-Jahre ein modernes Becherwerk, mit dem Getreide auf die oberste Speicherebene gefördert und von dort den tieferen Ebenen zugeführt wird. 1990 versiegt der Getreidestrom, die Scheune steht leer. Und nun kommt wieder jener vereinende Geist ins Spiel, der auf kollektive Aktionen zielt. Eine kleine Gruppe von Friedersdorfern macht sich 1991 daran, für die Scheune das Projekt einer außergewöhnlichen Umnutzung zu erarbeiten. "Da war als erstes eine Rotweinidee", erklärt der Kulturredakteur der Märkischen Oderzeitung (MOZ), Uwe Stiehler, in einer Festrede aus Anlass des 20. Gründungstages des Friedersdorfer Kunstspeichers.
Blick vom Speicher nach Süden
Blick vom Speicher nach Süden. Alexander
von der Marwitz beschreibt die Umgebung so:
"Die Landschaft ist hier unendlich mild,
fruchtbar und lachend und doch dabei großartig,
denn man übersieht eine meilenweite Ebene"
Foto © -wn-
Der Geist von Enthusiasten, Träumern und Pragmatikern, eines weitsichtigen Gemeinderates bewahrten Friedersdorf vor der Bedeutungslosigkeit, nicht zuletzt auch der innovative Landwirt und CDU-Bundestagsabgeordnete Hans-Georg von der Marwitz (geb. 1961). Er ist Geschäftsführer der Dorfgut Friedersdorf GmbH & Co. KG, einer Gesellschaft zum Betrieb des Regionalladens und des Restaurants in der Kunstscheune. Nach dem Großreinemachen konnte am 3. September 1991 die erste Ausstellung "Kunst aus dem Oderbruch" mit einem denkwürdigen Klavierkonzert eröffnet werden. Seitdem gibt es in der Ziegelscheune ein Nebeneinander von alter Architektur, technischen Relikten und moderner Kunst. Über 150 Ausstellungen mit Pastellen, Aquarellen, Collagen, Arbeiten in Acryl, in Öl und auf Seide, Zeichnungen, Radierungen, Lithografien und Fotografien zogen Tausende Besucher an. Für die jüngste große Verkaufsausstellung "Vom Getreide zur Kunst" haben - weil Fördergelder des Landes Brandenburg mittlerweile ausbleiben - etwa 70 Künstler Arbeiten kostenlos zur Verfügung gestellt. Lange lebe der Geist, der meist vereint!

Wie man zum Kunstspeicher Friedersdorf kommt:


Mit dem Auto benutzt man von Berlin aus die Bundesstraße B1 bis Seelow. Von dort führt die Bundesstraße B167 nach Friedersdorf.


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SpeicherLaden:
Im Angebot sind u.a. Frischeprodukte aus der Region wie Tomaten, Gurken, Äpfel, Wurstwaren; Brotaufstriche aus Hagebutten, Quitten, Äpfeln und Holunder, Liköre, Säfte, Tees, erlesene Weine sowie Keramik und Töpferwaren, Emaillegeschirr, handgearbeiteter Schmuck, Bio-Kosmetik und Dekorationsartikel der Saison
Weitere Informationen unter www.kunstspeicher-friedersdorf.de
Text: -wn- / Stand: 12.06.2014


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