Menz meets Malus / Die Gemeinde Stechlin und der alljährliche Apfeltag

Zwei Männer - ein Dichter und ein Forscher - und beide haben den Kulturapfel (Malus domestica) fest im Blick. Im ersten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts füllen die
Ein Gebäude des Naturparkhaus in Menz
Eines der Gebäude des Menzer NaturParkHauses Stechlin
Foto © -wn-
damals bekannten Apfel-Varianten eine lange Liste. Sie enthält überaus klingende Namen. Aus ihnen könnte man gut und gerne ein poetisches Tonstück komponieren. Welch ein Rezitativ ließe sich gestalten aus einem gedachten Tete-à-tete der alten Apfelsorte Jungfernschönchen mit einem Schönen von Boskop oder aus einer Verbindung des Halberstädter Jungfernapfels mit einem rot geflammten und seit dem 16. Jahrhundert bekannten schmackhaften Kardinal-Apfel. Dieser reizt die Zungennerven mit seinem groben
saftigen, kaum süßen und angenehm säuerlichen Fruchtfleisch. Der einzige weibliche, saftige, festfleischige Apfel mit dem kecken Namen Berliner Schafsnase stünde mit Heinemanns Schlotterapfel in einem etwas karnevalesken Verhältnis. Der österreichische Schriftsteller Rainer Maria Rilke (1875-1926), der erste von beiden Männern, schreibt im Jahre 1907 in Paris das ganz aufs Gärtnerische zielende Gedicht "Der Apfelgarten". In ihm sitzen das lyrische Ich und das dichterische Du nach erfülltem Tagespensum "unter Bäumen wie von Dürer, die / das Gewicht von hundert Arbeitstagen / in den überfüllten Früchten tragen". Was will uns der Dichter hiermit sagen? Doch wohl: Ein Apfelgarten - das ist vor allem viel, viel Arbeit und ständiges Hoffen auf einen guten Herbst.

Der Apfel in biblischen Zeiten


Aber der Apfel bedeutet mehr als das Verlangen nach Düngen, Wässern und Verschnitt; er will als Wesen mit Mythos und Saft und Kraft betrachtet werden. Man lese
Junge Apfelbäume
Verkauf von Jungpflanzen am Tag des Apfels
Foto © -wn-
das Hohelied im Alten Testament der jüdisch-christlichen Bibel mit seinen Lobreden auf Liebe, Erotik und auf die geheimnisvolle Apfelkraft. Es heißt dort: "Ins Festhaus hat mein Liebster mich geführt; / Girlanden zeigen an, dass wir uns lieben. / Stärkt mich mit Äpfeln, mit Rosinenkuchen, / denn Liebessehnsucht hat mich krank gemacht". So beschwört das von Vorfreude erfüllte Mädchen die Wirkung des Apfels. Und der Mann seinerseits, der nun ebenso ans Ziel seiner Wünsche kommen will, bittet die umstehenden, von ersten erotischen Gefühlen erfassten und neugierigen Teenager: "Ihr Mädchen von Jerusalem, lasst uns allein! / Denkt an die scheuen Rehe und Gazellen: / Wir lieben uns, schreckt uns nicht auf!" (zitiert nach der Luther-Bibel) Den Rückzug der Liebenden in die geschützte Zweisamkeit - das gab es also schon in den Epochen vor der Zeitenwende. Wahrscheinlich war ebenso die Einsicht verbreitet, die wir heute mit dem Satz umreißen: "An apple a day keeps the doctor away".

Der andere der beiden Männer ist der Thüringer Fleischersohn Rudolf Ferdinand Theodor Aderhold (1865-1907). Er war ein berühmter Mykologe (Pilzforscher) mit dem Spezialgebiet Pilzerkrankungen von Obstbäumen. Im Jahre 1902 veröffentlicht er eine Untersuchung zu einer der häufigsten Apfelbaumkrankheiten, dem Apfelschorf. Bei seinen Untersuchungen bewegte er sich in einem realen, irdischen Apfel-Paradies - im weitläufigen Muttergarten des Königlichen Pomologischen Institutes zu Proskau (heute das polnische Prószków). In seiner Arbeit teilt er den Entschluss mit, die in diesem Garten "stehenden ca. 160 Apfelsorten alljährlich auf ihren Befall" zu untersuchen. Gedichte schrieb er nicht; er bemühte sich um eine streng wissenschaftliche Bestandsaufnahme und hinterließ eine umfangreiche Liste mit den Namen inzwischen historisch gewordener Apfelsorten. Seine - wie die Tabellen anderer Apfelforscher - haben erheblichen Wert. Denn das Apfel-Paradies alten Zuschnitts gibt es nicht mehr. Die alten Sorten sind vom Aussterben bedroht, oder sie sind schon verschwunden. Schuld sind die Intensivierung der Landwirtschaft und ihre Konzentrationsprozesse. Größere Schlageinheiten, leistungsfähigere Maschinen und neue Sorten mit höheren Erträgen bestimmen das Bild. "Durch die einseitige Betrachtung des Wertes der Sorten aus der Sicht der Tafelwarenproduktion zum Beispiel bei den Obstarten muss die Vielfalt an Gebrauchswerten der Früchte der Monotonie eines begrenzten Handelssortimentes weichen" heißt es in einem warnenden Bericht der Versuchsstation Müncheberg in der Landesanstalt für Gartenbau Brandenburg. Manche traditionelle Sorten wurden - wenn sie überhaupt noch im Angebot waren - einfach nicht mehr gekauft.

Hier kommt das Dörfchen Menz in der Gemeinde Stechlin ins Spiel, das man durchfahren muss, um das sechs Kilometer entfernte Landschaftserlebnis
Die Feldsteinkirche in Menz
Die Menzer Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert
Foto © -wn-
Großer Stechlin bei Neuglobsow zu erreichen. Menz meets Malus, heißt es Mitte Oktober wieder im Dorf mit der alten wehrhaften Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert. Am Friedensplatz mit den alten Bäumen und im angrenzenden ökologischen Ausstellungs- und Informationszentrum Regionalwerkstatt Stechlin findet alljährlich der "Tag des Apfels" statt. Informatives, Schmackhaftes und Wissenswertes rund um die Baumfrucht wird auf der Traditionsveranstaltung geboten. Gleich nebenan im Gebäude der ehemaligen Oberförsterei befindet sich das NaturParkHaus Stechlin. Es zeigt eine ständige Ausstellung zum Anfassen und Mitmachen vor allem für Kinder. Die museal hochwertige Exposition versucht zumindest, der oft medial betriebenen Frühverblödung junger Menschen entgegen zu wirken. Das Rezept: Staunen lernen und die Vielfalt des Natürlichen beriechen, betasten, besehen und hören - und damit wertzuschätzen. Da gibt es einen mit allerlei Hölzern bestückten Stammschrank. In dieser Attraktion der Ausstellung findet man alles zum Thema Holz. An anderer Stelle kann man dem Blätterrauschen in den Baumwipfeln und dem Schwatzen der Vögel lauschen. Mit einem Baumstamm-Telefon stellt sich eine Verbindung zu den Tieren des Waldes her. Und selbst an Fremdsprachen-Kenntnisse ist gedacht: Im Angebot ein Moorfröschisch-Sprachkurs für Anfänger. Und natürlich wird auch die Sage vom Roten Hahn im Stechlinsee nicht ausgelassen.

Die Idee der alljährlichen Menzer Apfeltage: Die Rettung alter Apfelsorten


Und draußen vor der Tür ist der ideenführende Gedanke des Apfel-Tages allenthalben zu spüren, das versuchte Zurückgewinnen des aufgegebenen Apfelparadieses. Frisch
Die Apfelausstellung in Menz
Ausstellung alter Apfelsorten im Informationszentrum
Regionalwerkstatt Stechlin (2014)
Foto © -wn-
gebackener Obstkuchen, Marmeladen, andere Brotaufstriche, Gelees und Liköre stehen zum Verkauf. Die ambulante Mosterei Lichtenhain aus dem Landkreis Uckermark presst Most aus mitgebrachten Äpfeln - das sind die viel Publikum anziehenden Angebote am Rande der Veranstaltung. Ihrem Hauptgedanken kommt man näher, besieht man in der Regionalwerkstatt die Ausstellung aus etwa hundert Apfelsorten, von denen meist zwei bis drei Exemplare auf einem Teller liegen. In dieser vom Zehdenicker Apfelpapst und Pomologen (Obstsortenkundler) Jürgen Sinnecker (geb. 1954) organisierten Ausstellung tauchen Namen aus der Aderholdschen Liste wieder auf. Und wer unter den Besuchern die Jugend schon hinter sich hat, wird - wenn er etwa den (Kaiser) Wilhelm Apfel oder den (Immanuel) Kant Apfel vor sich sieht - vielleicht denselben Gedanken haben wie ihn seinerzeit Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) hegte. In einem Brief bedankte sich der Dichter 1825 für ein größeres Apfel-Geschenk mit den Worten: "Diese Aepfelchen, wenn man sie in die Hand nimmt, erregen sogleich den Wunsch: Kind zu seyn."

Goethes Gedanke zielt geradewegs in die Richtung des Anliegens des Apfeltages: Die Rettung alter Apfelsorten. Im Rahmen eines Forschungsprojektes unter dem Titel "Multivalente Nutzung obstgenetischer Ressourcen" wurden in den Jahren 1995 bis 1999 brandenburgweit noch erhaltene Streuobstbestände erfasst und kartiert. Nachdem nunmehr die Bestimmung und Sicherung der Herkünfte abgeschlossen ist, wurden ca. 100 alte uckermärkische Landsorten ausgewählt und vermehrt. Im Naturpark Stechlin Ruppiner Land gibt es nunmehr das Genressourcenprojekt "Alte Apfelsorten im Naturpark". In seinem Rahmen wurden seit dem Jahr 2002 nahezu 2000 hochstämmige Apfelbäume an Bürger, Land- und Forstwirte mit einer Pflegevereinbarung abgegeben. Auch 2014 sind wiederum Apfelhochstämme naturparktypischer alter Landsorten interessierten Gartenbesitzern nach vorheriger Bestellung und Prüfung ihres Gartenbodens kostenlos überlassen worden.

Im Oktober 2014 stellte der Naturschutzbund Deutschland (NABU) in einer Argumentation klar, dass der Streuobstbau heute nicht nur etwas fürs Auge des
Wohnhaus in Menz
Menzer Wohnhaus
Foto © -wn-
Naturliebhabers ist. Er sei vielmehr "eine modellhaft naturverträgliche Wirtschaftsweise und wird auch lexikalisch als ‚Hochstamm-Obstbau ohne Einsatz synthetischer Behandlungsmittel' (Pestizide, Dünger) definiert. Neben der Eigenverwertung kommt der Streuobstvermarktung in Form von Tafelobst, Saft, Most, Schnaps und zunehmend auch moussierender (perlender) Getränke große Bedeutung zu", heißt es in dem Papier. Und mehr noch: Viele der rund 3000 noch bekannten Obstsorten (inklusive Äpfel) kämen nur regional vor und seien ein Kulturerbe von hohem Wert. Die Streuobstbestände Mitteleuropas seien Verbreitungsräume für weit über 5000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Die versuchte Renaissance der Streuobstwiese hat also nichts mit Nostalgie zu tun - sondern mit einem verantwortungsvollem Besinnen auf wichtige Lebensgrundlagen.

Es wird aber noch manches Jahr ins Ruppiner Land einziehen, bis sich einmal Ähnliches zutragen könnte, was der Schriftsteller, Dramatiker und Schauspieler Frank Wedekind (1864-1918) in seiner 1905 erschienenen Gedichtsammlung "Die vier Jahreszeiten" launig notierte. Im Gedicht "Unterm Apfelbaum" ist eine junge Frau namens Lieschen beschrieben. Sie ersteigt einen Baum, unter dem der Liebhaber liegt. Die Geschichte, die auch als Provokation der damaligen "feinen Gesellschaft" gedacht war, nimmt folgenden Verlauf:

"Lieschen kletterte flink hinauf
Bis in die höchsten Äste,
Fing in der Schürze die Äpfel auf
Ihrer Mutter zum Feste.

Ich lag unten, verliebt und faul,
Auf dem Rücken im Grase;
Mancher Apfel fiel mir ins Maul,
Mancher mir auf die Nase.

Jetzt stand Lieschen auf starkem Ast,
Schelmisch sah sie hernieder;
Ihres Leibes liebliche Last
Wiegte sich hin und wieder.

Innig umschlungen hielten sich
Splitternackt ihre Füße,
Taten sich auf und befühlten sich -
Winkten mir tausend Grüße.

Durch das Röckchen sandte der Tag
Seine goldenen Strahlen,
Was darunter geborgen lag,
Farbenprächtig zu malen.

Schimmernd rings um die weiße Haut
Wob sich gedämpfte Helle;
Welcher Meister hat je gebaut
prächtiger eine Kapelle.

Kindlich faltet' ich da die Händ',
Forderte heiß und brünstig:
Was kein irdischer Name nennt,
Werde dem Sünder günstig.

Sieh, und am nämlichen Abend schon,
Tief in die Kissen gebettet,
Wurden der kindlichen Bitte zum Lohn
Leib und Seele gerettet."

Die Apfeltage in Menz - Wie kommt man hin?


Von Berlin mit dem Auto aus benutzt man zunächst die Autobahn A10 (Berliner Ring) bis zum Autobahndreieck Kreuz Oranienburg und wechselt dort auf die Bundesstraße B96 Richtung Stralsund. Auf der Höhe von Gransee biegt man links auf die Straße L222 Richtung Stechlin ein.
Nach dem Besuch des NaturParkHauses Stechlin (www.naturparkhaus.de) empfiehlt sich eine Weiterfahrt in das sechs Kilometer entfernte Neuglobsow, das am Ufer des Großen Stechlin liegt. Eine Umrundung des buchtenreichen Sees (etwa 19 Kilometer) zu Fuß oder auf dem Fahrrad ist sehr empfehlenswert.
Von Menz aus ist auch Rheinsberg ein lohnenswertes Ziel. Die Entfernung dorthin beträgt ca. 12 Kilometer. Im Rheinsberger Schloss kann man sich über die Jugend von Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) und über den nachfolgenden Bewohner des Schlosses, seinen Bruder Friedrich Heinrich Ludwig von Preußen (1726-1802) informieren. Im Schloss ist auch das Literaturmuseum untergebracht, das dem Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890-1935) gewidmet ist. Seine Ausstellung stellt einen Dichter vor, der europäisch dachte und uns zu einer kritischen Selbstbegegnung einlädt. Auf der Rücktour nach Berlin fährt man zunächst nach Gransee und dort wieder auf die Bundesstraße B96.
Text: -wn- / Stand: 24.11.2014

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