Das Fontane-Haus in Neuglobsow am Großen Stechlin
Wer wird nichts wird wird Wirt - der Spruch ist natürlich eine Verunglimpfung des Gastwirtsgewerbes - auch wenn diese Nachrede nicht totzukriegen ist. Sicher hätte der umtriebige Annalist in Sachen rechtschaffen gelebten Preußentums Theodor Fontane
(1819-1898) die Unterstellung auch nicht für besonders gut gehalten, obwohl er in seiner Kriminalerzählung "Unterm Birnbaum" den Kneiper Abel Hradscheck als spielsüchtigen Mörder in die mitteldeutsche Literatur einführte. Auf den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" jedoch, die bekanntlich keine Fußreisen, sondern Landfahrten mit Eisenbahn, Postkutsche oder Mietfuhrwerk waren, hatte er von kooperationsbereiten Wirten sein Gutes. Augenzwinkernd schrieb er dennoch über sie: "Wenn sie einem eine Tasse Kaffee präsentieren, so rechnen sie sich's an, nicht dem, der den Mut hat, diesen Kaffee zu trinken." Fontane lamentierte aber nicht. Denn selbst wenn seine Unterbringung nach heutiger Norm dann und wann unkomfortabel war, er in überfüllten Herbergen auf zusammengestellten Stühlen nächtigen, mit benutzter Bettwäsche vorlieb nehmen und den Nachttopf vor dem eigenen Gebrauch erst einmal leeren musste - aufs Ganze gesehen waren die märkischen Gastwirte Auskunftspartner im Vollzug seiner publizistischen Ermittlungen.
Und selbstredend schätzt sich heute jeder brandenburgische Gastwirt glücklich, wenn er auf eine belegbare Anwesenheit Fontanes in seiner Schenke verweisen kann. Im 470-Seelen-Dorf Neuglobsow am Ostufer des
Großen Stechlin, könnte man meinen, ist ein solcher Fall gegeben. Ein etwa 230 Jahre altes Fachwerk-Haus mit quadratischen und rechteckigen Gefachen schmiegt sich an die umstehenden Bäume - das Fontane-Haus (Foto). Wäre schön, könnte das Wirts-Paar Uwe Ramin und Reinhard Schindler von den Bäumen sagen, unter ihnen habe der Dichter sein Bier getrunken. Es lässt sich nicht belegen, obwohl sich der berühmte Chronist in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts "über Stubben und Wurzeln" durch das heutige Fürstenberger Wald- und Seegebiet schlug und dabei Neuglobsow kaum ausgelassen haben dürfte. Das Haus bewohnten Glasmacher, die zwischen 1779 und 1890 für die Unternehmerin Johanna Luise Pirl grünes Glas herstellten. Das Haus taucht in den Annalen später als Hüttenkrug auf. Uwe Ramin - wie sein Lebensgefährte Reinhard Schindler aus dem Neuglobsower Urlauber-Versorgungswesen hervorgegangen, reklamieren klugerweise Fontane nicht als Gast für sich. Sie bieten den Einkehrenden dafür eine facettenreiche kommerzielle Gastlichkeit, zu der hier ein üppiger Fontane-Schmaus sowie Fisch- und Wildgerichte gehören. Uwe Ramin lässt überdies ein Verhältnis zum Gast erkennen, wie man es von einem ehemaligen Mitarbeiter eines Gewerkschaftsheimes weniger erwartet. Sitzt er an einem der stilleren Tage mit Bekannten oder Gästen in der Wirtsstube, erhebt er sich, wenn ein Gast den Raum betritt - gleich ob es jemand ist, der hinter dem Haus einem hochklassigen BMW entstieg, oder jemand, der mit dem Rucksack auf dem Rücken und ziemlich schwitzig von der knapp zwanzig Kilometer langen Seeumwanderung hereingeschneit kommt.
Man sitzt in der niedrigen Gaststube mit ihren wuchtigen Deckenbalken und blickt durch die kleinen Fenster hinaus auf die Straße, in der die Stille unter den Bäumen steht. Die verhaltene Wohlgestalt der näheren und ferneren Gegend um Neuglobsow ergibt sich bei Sonnenlicht aus einer pastellfarbenen Mischung aus Wasser, Wald und Himmel. Fontane verglich diese wenig majestätische märkische Natur mit manchen Frauen: "Auch die häßlichste - sagt das Sprichwort - hat immer noch sieben Schönheiten" - welche, sagt er nicht. Diesen Vergleich griff Kurt Tucholsky (1890-1935) auf, der einst das benachbarte Rheinsberg berühmt machte. In einem seiner spöttischen Weltbühnen-Gedichte hob er eine sitzen gebliebene Neuglobsower Landpomerạnze aufs Schild: "Da hab ich noch eine Braut zu stehn / in Neu-Globsow - die Dame hieß Kätchen; / irgendwas war da ... die hat so geguckt . . . / doch ich hatte genug der Mädchen." Im Fortgang des Gedichtes übt er sich aber in Reue - wegen der letztlich verpassten Gelegenheit.
Wie man für ein Wochenendurlaub nach Neuglobsow kommt:
Bahn: Regionalexpress R5 bis Fürstenberg/Havel, mit dem Bus 839 oder RE 5 bis Gransee, dann den Bus 836 benutzen.
Auto: A 10 bis Ausfahrt Kreuz Oranienburg, weiter auf der B 96 bis Gransee und weiter bis Stechlin. Oder: A 24 bis Ausfahrt Neuruppin, anschließend auf der B 167 über Rheinsberg weiter nach Stechlin.
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