Ravensbrück - "Hölle der Frauen" - Die "Tragende" - unheroisch, stark
Eine Frage - nicht aufgeworfen aus atheistischem Kalkül noch wegen rhetorischer Wirkung: Wo hatten der Gott der Christen und sein älterer mosaischer Kollege Jahwe, der Juden-Gott, ihre Augen, als von Mai 1939 bis April 1945 am Schwedtsee-Ufer nahe Fürstenberg/Havel die
"Hölle der Frauen" eine Renaissance antiker Sklaverei und Lebensauslöschung auslöste? Geschehen im Ortsteil Ravensbrück - im größten faschistischen Frauenkonzentrationslager neben dem in Auschwitz-Birkenau. Mit der Frage nach der Verantwortung des Himmel für das Wohl und Wehe der Menschen hatte 1955 in der konservativen Adenauerzeit der Schriftsteller Arno Otto Schmidt (1914-1979) im Prosastück "Seelandschaft mit Pocahontas" wider den Stachel gelöckt: "Der ‚Herr', ohne dessen Willen kein Sperling vom Dach fällt oder 10 Millionen im KZ vergast werden: das müsste schon 'ne merkwürdige Type sein - wenn's ihn jetzt gäbe!" Schmidt wurde mit einer Anzeige wegen Gotteslästerung überzogen. Er hatte Recht: Ohne Beistand im Himmel wie auf Erden litten allein in Ravensbrück 132000 Gefangene aus 40 Nationen. Während seiner Ausweitung vom anfänglichen Muster-KZ für Frauen zum Vernichtungslager wurden hier mindestens 28000 Menschen ermordet oder starben an Schwäche und Krankheit.
Bei der Eröffnung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück im September 1959 ließ die Feierrednerin Rosa Thälmann (1890-1962), die wie andere Kommunistinnen und Antifaschistinnen selbst im Lager geschmachtet hatte, andrerseits erkennen, dass das einsetzende Opfer-Gedenken nicht jedem im Lager gemeuchelten Menschen gilt. Christinnen, Jüdinnen und Sinti und Roma-Frauen, auch Zeuginnen Jehovas blieben weitgehend ausgeblendet - ein Vorschein des Schmähworts Erich Honeckers "Wir weinen ihnen keine Träne nach". Allein der sich breitmachende staatssozialistische Christenhass war zutiefst unmarxistisch. Aber keiner der Kostgänger in den aufgeblähten Gesellschafts-Akademien hatte es gewagt, den Funktionären zu stecken, dass der Rabbisohn Karl Marx gerade den atheistischen demokratischen Staat als dasjenige Gemeinwesen ansah, in dem der "menschliche Hintergrund der christlichen Religion in wirklich menschlichen Schöpfungen sich ausführen kann". Niemand damals bei der Feier auf dem Appellplatz hatte genügend Phantasie sich vorstellen, dass diese himmelschreiende ideologische Beschränktheit der Ravensbrücker Opferklage von 1959 in jene schicksalhafte Sonderung der Bevölkerung in vermeintlich Fortschrittliche, abseits Stehende und feindlich-negative Elemente münden würde - und in den Zusammenbruch.
Gott sei Dank spricht die zum Wahrzeichen der Gedenkstätte gewordene vier Meter hohe Bronzeskulptur "Tragende" des deutschen Bildhauers Will Lammert (1892-1957) nicht diese Sprache politischer Dummheit. Die nach Lammerts Tod von Fritz Cremer (1906-1993) beendete Plastik fußt auf einem schlanken hohen Sockel, der auf einer in den See hineinragenden künstlichen Halbinsel steht. Eine Frauengestalt hat eine zusammengebrochene Kameradin unter Achsel und Schenkel gefasst, trägt sie, hat sie wohl gerettet. Das Gesicht der Tragenden zeigt nichts Heroisches; sondern den ruhigen Gestus gewisslicher menschlicher Solidarität. Obwohl man, wie junge Besucher herausfanden, einen Menschen so gar nicht halten kann wie Lammert es darstellt, lässt die Skulptur die schöne Würde einer Pieta anklingen. Sie macht ein "Urvorkommnis des Menschenlebens" (Thomas Mann) sichtbar, hier eine elend gewordene Lage mit wahrscheinlichem Tod. Uns friedensgewohnte Nachgeborene und fröhliche Konsumenten bereitet das Kunstwerk vor, beim Rundgang durch die Gedenkstätte, selbst in dieser damaligen "Grenzsituationen der Katastrophe, (bei einer) Beanspruchungen des Menschen bis ins Unmenschliche" - wie es der Soziologe Hans Freyer formulierte - von erstaunlichster kultureller Aktivität zu hören. Man erfährt, dass im Geheimen vorgetragene Lieder und Gedichte, eine Handarbeit oder ein Tanz hinter dem Block die Funktion eines persönlichen Geschenkes erlangten. Dokumentiert ist, dass das Singen von Liedern "zu einem letzten Freundschaftsdienst am Vorabend der Hinrichtung von Häftlingsfrauen" wurde, wie die von Überlebenden in Stuttgart gegründeten "ravensbrückblätter" berichten. Gefangene Frauen gingen Freundschaften ein, mitunter mit einem hohen Grad an erfüllender Intimität. In einem aus zusammengefügten Blättern erstellten Buchersatz erinnert die Lehrerin Clara Rupp (1901-1961) eine Ravensbrücker Freundin an eine gemeinsame Stunde: "Vergiss nicht jene schöne Mondnacht im Jahre 1943 und Cläre Rupp. Ravensbrück, den 3. 4. 1945, am 10. Jahrestag meiner Haft". Zu einer tiefen intellektuellen Beziehung über die gemeinsame Liebe zur Musik hinaus fanden auch Margarete Buber-Neumann (1901-1989), die als Kommunistin von der Sowjetunion an Nazi-Deutschland ausgeliefert (!) worden war, und die Prager Publizistin und enge Freundin Franz Kafkas, Milena Jesenska (1898-1944), die nicht das Glück des Überlebens hatte.
Einem möglichen falschen Eindruck vom Ravensbrücker Lager, der durch die beeindruckende kulturelle Aktivität von Frauen aus der deutschen und europäischen geistigen Elite entstehen könnte, wirkt jene leblose, in den Überlebenskämpfen der Häftlinge zermürbte Gestalt entgegen, die Lammerts "Tragende" hält (auf dem Foto zwei weitere Frauenfiguren des Bildhauers aufgestellt nahe dem Krematorium). Die Getragene gibt zu erkennen, wie die gefangene, gequälte Kreatur selbst demoralisiert wird. Darüber schrieb die heute in Cambridge, Massachusetts, lebende Krakauer Publizistin Halina Nelken nach ihrer Überstellung von Auschwitz nach Ravensbrück: die "Nächte, entsetzliche Alpträume! Endlos lang und hoffnungslos, Körper aneinandergedrängt, junge und alte, Beine und Arme, / Köpfe und Rücken, / Und im Gehirn taube Stumpfheit. / Das Menschengesindel schlägt und zankt sich. Ein Leben im Dreck, im Elend. / Wasser! Luft! / Es stinkt so! Heiß!" Text -wn-
Wie man nach Ravensbrück kommt:
Von Berlin aus gelangt man über die Autobahn A10 Richtung Hamburg zum Abzweig der Bundesstraße 96 Richtung Greifswald. Am Nordende der Stadt Fürstenberg/Havel geht die Dorfstraße rechts zur Gedenkstätte ab. Die wiederum rechts abzweigende Straße der Nationen führt zum Parkplatz und Eingang.
Öffnungszeiten der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück | Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Ausstellungen:
Oktober bis April: Di - So 9 - 17 Uhr; Mai bis September: Di - So 9 - 18 Uhr Gedenkstättengelände:
Oktober bis April: täglich 9 - 17 Uhr; Mai bis September: täglich 9 - 20 Uhr
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