Das Friedrich-Wolf-Haus in Lehnitz: Bämbs'chen, Leila und Auguste

Die in heutigen Ohren martialisch klingende These "Kunst ist eine Waffe!" könnte neben Louis Fürnbergs grimmiger Liedzeile "Die Partei hat immer recht" stehen.
Das Arbeitszimmer im Friedrich-Wolf-Haus
Das Arbeitszimmer Friedrich Wolfs - Foto © -wn-
Die Wendung ist eine Redeüberschrift aus der Feder des deutschen Land- und Armenarztes und Dichters jüdischer Herkunft Friedrich Wolf (1888-1953). Dessen gelb geklinkertes Lehnitzer Wohnhaus mit vollständig erhaltener Einrichtung steht Besuchern offen und gibt Gelegenheit, sich die bezeugten Anliegen des Mannes aus dem rheinland-pfälzischen Neuwied zu vergegenwärtigen. Die Stellagen aus der Hellerauer Reform-Produktion im Erdgeschoß bergen einen beträchtlichen Buchbestand. Er gibt einen Eindruck von Wolfs geistiger Verwurzelung in der jüdischen Geschichte, im menschenorientierten Hellenismus, in der Aufklärung, im französischen Jahr 1789 und dem deutschen Jahr 1848, im Marxismus. Oben im Arbeitszimmer scheint der Hausherr gerade mal rausgegangen zu sein. Alles ist wie eben noch benutzt: Schreibmaschine, Tintenfass, Notiz- und Telefonkladden, Zettel, das Röhrenradio. (Foto)
Adresse:
Friedrich-Wolf-Gesellschaft e.V.
Alter Kiefernweg 5
16515 Oranienburg OT Lehnitz
Telefon 033 01/ 524 480

Öffnungszeiten des Friedrich-Wolf-Hauses:


Freitags von 10:00 Uhr bis 14:00 Uhr
Besichtigung, Führungen und Bibliotheksbenutzung sind nach Absprache möglich

Informationen über Friedrich Wolf


Besonders in Ostdeutschland verbindet sich Wolfs Name mit dem literarischen Welterfolg "Professor Mamlock", dessen Warschauer Premiere 1934 in jiddischer
Sprache Aufsehen erregte. Es ist die Geschichte des angesehenen jüdischen deutschen Arztes Hans Mamlock, der nach Hitlers Machtergreifung Arbeitsverbot erhält und aus dem Leben geht. Beim Darstellen der Menschenfeindlichkeit des deutschen Faschismus setzte Wolf seine Kunst gewisslich als Waffe ein. Der ersten Premiere folgte jene in New York, wo das Stück zu den erfolgreichsten Inszenierungen des Jahres 1937 zählte. Das Habimah-Theater Tel Aviv spielte die hebräische Fassung. In Berlin wird das Stück 1946 in gekürzter Fassung aufgeführt. Dem Rotstift fielen alle Sätze zum Opfer, in denen der jüdische Krankenpfleger Simon erwägt, nach Palästina zu gehen. Die Orginalfassung fand man kürzlich im SED-Parteiarchiv.

In Wolfs Bibliothek kann man sein 1928 erschienenes Fachbuch "Die Natur als Arzt und Helfer" einsehen. Als Verfechter einer alternativen Lebensführung vertritt er das naturheilkundliche Prinzip des Ganzheitlichen, der Selbstheilung und der freien Entwicklung des Menschen. Und so scheint es nicht ungewöhnlich, dass er in der Familie nicht das "Disziplinieren" der Nachkommen, sondern ihr Behüten als nötig erachtet, so dass sich das Kind selbst ausbilden kann. In diesem Bestreben, das keineswegs auf antiautoritäre Erziehung hinausläuft, schuf er seine Märchen und Tiergeschichten, deren Akteure sich so kreativ mit dem Leben auseinandersetzen, dass sie ihren jungen Lesern bis ins Erwachsenenalter vertraut bleiben. Obenan stehen die Möwe Leila und der Specht Pit Pikus, die das gemeinsame Leben der Verschiedenartigen probieren - und natürlich Auguste, die sich - aus gutem Grund - ausbedingt: "Lat mi in Ruh, ick will in min Truh!". Seit vielen Jahren ist in der Advents-Zeit der Film "Die Weihnachtsgans Auguste" in den feiertäglichen Programmen zwischen Beten und Singen platziert - ein im Haus des Opernsängers Luitpold Löwenhaupt herzbewegend fehlschlagender Versuch, die Gans Auguste zu schlachten.

Wolfs Gedicht-Briefe an sein erstes, damals freilich noch leseunkundiges Kind Bämbs'chen (Johanna Maria) versuchen, Naturliebe als wichtiges Lebenselement zu befördern. "Will zu meinem Pferdchen gehn, / Überall nur Blumen stehen: / Himmelschlüssel hier und dort / Himmelschlüssel allerort. / Dabei auch viel Knöspchen sind / Knöspchen ist der Blume Kind." Unter seinen sieben gezeugten "Knöspchen" werden die beiden in Hechingen geborenen, in der renommierten Moskauer Karl-Liebknecht-Schule ausgebildeten Söhne Markus Johannes und Konrad öffentlich am meisten wahrgenommen. Konrad Wolf, der 1982 schon 57jährig starb, ging mit bedeutsamen Filmen in die Geschichte ein: "Der geteilte Himmel", "Solo Sunny", "Ich war neunzehn", "Mama, ich lebe". Markus Johannes schlug das humanistische Erbe seines Vaters aus. Er machte Karriere als sich intellektuell gern spreizender Chef der Auslandsspionage im Überwachungs-Ministerium, in dem eine "erschreckende Denunzianten-Mentalität" (Friedrich Wolf) herrschte. Erfunden wurde die Mentalität dort nicht. Der Schriftsteller jüdischer Abstammung Ludwig Börne (1786-1837) hatte im Pariser Exil auf die "Kundschafter" in seiner Nähe einmal bitter-ironisch mit dem Vorschlag reagiert, die Spitzelberichte über ihn gegen einen wohlfeileren Preis selbst zu schreiben. "Ich könnte vielleicht davon leben, daß ich mein eigner Spion werde."

Friedrich Wolf hatte, "trotz vieler kleiner Seelen, Dummköpfe (und) Karrieristen" um ihn herum am Aufbau der DDR teilnehmen wollen - und resignierte: Im Parteiapparat stünden neben "100 Scheißkerlen" ganze "3 gute Kerle". Er stirbt vier Monate nach den Juni-Ereignissen 1953 in Lehnitz. Bis heute heißt es: an einem Herzinfarkt.

Wie das Friedrich-Wolf-Haus zu erreichen ist:
Mit dem Auto erreicht man Lehnitz von Berlin aus über die Autobahn A10 Richtung Oranienburg, Abfahrt Mühlenbeck, oder mit der S-Bahn S1.
Text -wn- / Stand: 03.06.2014

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