Tempelberg - Die Sackgasse des Michael Kohlhaas alias Kohlhase

Lebten wir gegenwärtig (2011) nicht in einem Jahr mit besonderem weltliterarischen
Templer-Kirche Tempelberg / Steinhöfel in Brandenburg
Blick auf die Templer-Kirche am anderen Dorfteichufer
Foto © -wn-
Bezug, in dem sich der Freitod des Schriftstellers Heinrich von Kleist (1777-1811) zum 200. Male jährt - so wäre es fraglich, ob Ausflügler die Autobahn A12 (von Süden her) oder die nördlich verlaufende Bundesstraße 1/5 verließen, um das geruhsame Straßendörfchen Tempelberg bei Steinhöfel anzusteuern. Wer dorthin abbiegt, kommt zunächst durch einen planen Landstrich, in dem die Flecken bildhafte Namen haben wie Hasenwinkel, Regenmantel oder Neuendorf im Sande. Dagegen hebt sich der Ortsname Tempelberg weihevoll heraus. Dorfgründer waren Templer, die bzw. der Vorfahren Kreuzzügler begleitet hatten und nun vom Brandenburger Markgrafen Albrecht dem Bären (1100-1170) zum Kolonisieren in die damals wüste Gegend gerufen worden waren. Von den Angehörigen dieses den Zisterziensern und Johannitern vergleichbaren Ordens, die mit ihren weißen Mänteln mit roten
Tatzenkreuzen in die Geschichte eingingen, weiß man bis heute nicht genau, wie sie sich eigentlich Gott vorstellten. Heißt es doch, sie hätten durch ihre näheren Kontakte mit jüdischem und muslimischem Gedankengut im Heiligen Land die kreative wie gefährliche Vorstellung entwickelt, die drei monotheistischen Religionen in eine gemeinsame Konfession zu überführen. Damit wäre aus dem jüdischen Gott Jahwe, dem Gott der Christen und aus Allah, der muslimischen Gottheit, ein einziger Allvater geworden. Keineswegs undenkbar ist der Gedanke; zum gemeinsamen Stammvater bekennen sie sich ja schon: zu Abraham, dem biblischen Patriarchen. Welche Grauen und Kriege wären der Menschheit erspart geblieben, wäre diese offenbar auch von den Tempelberger Ordensrittern in Erwägung gezogene Idee weltweit Realität geworden.

Veranstaltungen in Tempelberg


Alljährlich unterbrechen im Dorf der Templer, wo heute die Lutheraner das Sagen haben, feststehende Begebnisse die Ruhe rund um den Dorfteich. Es gibt eine Frauentagsfeier im März mit eingetopften Frühblühern, Torten und Kuchen auf der U-Form-Tafel, natürlich bringen Männer den Kaffee, im April einen Frühjahrsputz-Subbotnik, ein sommerliches Dorffest und eine der Kartoffel gewidmete Vergnügung im Herbst, vergleichbar einem "Lustigen Zusammensein der Landleute", wie es in Beethovens Sechster Sinfonie, der Pastorale, anklingt. Natürlich werden öffentlich "Knollen" geschält und unter freiem Himmel zu handtellergroßen Puffern gebacken. An dem der Durchgangsstraße abgewandten Dorfteichufer steht - umstanden von Efeu berankten Bäumen - ein romanisches Kirchlein aus Feldsteinen aus der ersten Hälfte der 13. Jahrhunderts - also aus einer Zeit, in der Tempelritter wie Kreuzfahrer entweder in fremder Erde ruhten oder wieder zu Hause waren. In der Südwand der Kirche ist ein auf diese Zeit hinweisendes "Jerusalemer Kreuz" eingelassen: zwei sich durchschneidende gleichlange Geraden, in deren von ihnen gebildeten vier quadratischen Räumen jeweils kleinere Kreuze eingefügt sind. Auf die Ritter weist ebenso eine mannsgroße Holzfigur am nordwestlichen Dorfausgang hin, ein gutartig wirkender Alter mit Schild und Schwert, der jeden ostdeutsch Sozialisierten an den Stasi-Slogan "Schild und Schwert der Partei" erinnern muss.

Die Geschichte von Tempelberg in der Gemeinde Steinhöfel


Um 1500 herum wurde hierorts der spätere Fernhändler und Detaillist für Heringe, Honig, Gewürze und Speck Michael Kohlhase geboren, der in unbekanntem Alter nach dem damaligen Cöln bei Berlin übersiedelte. An diesen Mann mit hagerem Gesicht und sparsamem Bärtchen, will in Tempelberg ein von der Hauptstraße abgehender kurzer Pfad erinnern - bezeichnenderweise eine Sackgasse. Sie heißt allerdings nicht Kohlhase-, sondern Kohlhaasweg. Damit wird eine literarische Gestalt zum Namensgeber - Michael Kohlhaas aus Kleists gleichnamiger Novelle, und eben nicht Michael Kohlhase aus Tempelberg. Das hat Gründe. Letzterer hatte am 1. Oktober 1532 auf dem Weg zur Leipziger Messe im sächsischen Wellaune seine beiden Pferde durch überraschende Beschlagnahme verloren, einen Rappen und einen Rotschimmel. Erst im Februar 1530 hatte er die beiden Tiere auf dem Angermünder Vieh- und Pferdemarkt gekauft. Nach dem unzweifelhaft erlittenen Unrecht steigerte sich der sonst als ruhig, ausgeglichen, ja gebildet geltende Kohlhase in eine eskalierende Selbstjustiz hinein, die Züge eines Terrorismus in eigener Sache annahm. Er richtete sich zunächst gegen den Junker Günther von Zaschwitz, der die Konfiskation der Pferde befohlen hatte. Bald richteten sich seine Aktionen auch gegen ganz Kursachsen, in dem der um sein Recht gebrachte Händler mit wechselnden Mittätern Angst und Schrecken verbreitete. Seine Banden legten Brände und schreckten vor Morden nicht zurück. Als er nach vermittelnden Gesprächen schließlich die Pferde als klapprige Schindmähren zurück bekommen hatte (der Schimmel verendete bald), bestand er auf einer - ihm nie gewährten - Entschädigung.

Weil es Kohlhaase in seinem Streit nachweislich nicht nur ums Geld, sondern auch ums Prinzip ging, schrieb er einen (verloren gegangenen) Hilfe suchenden Brief an Martin Luther (1483-1546) nach Wittenberg. Luther hatte wohl das Beispiel Hiobs aus dem Alten Testament vor Augen, dem Gott schwere Prüfungen auferlegt, darunter den Verlust von 500 Eselinnen. Wie Hiob sollte auch Kohlhase, riet der Reformator, das Erlittene klaglos hinnehmen: "…nehmet Friede an, wo er Euch werden kann, und leidet lieber an Gut und Ehre Schaden, als daß Ihr Euch weiter in solch Vornehmen (Vorhaben) begeben sollt, darin Ihr aller derer Sünden und Büberei auf Euch nehmen müsset, die Euch bei der Fehde dienen würden". Was sollte Luther anderes antworten; er hatte schon 1526 klar bekannt: "Aufruhr ist auch gegen eine ungerechte Obrigkeit gottwidrig." Kohlhase wird die Empfehlung des Wittenbergers gründlich in den Wind schlagen und weiter schwer umtriebig sein. Immer dringlicher verlangt Sachsens Kurfürst Johann Friedrich (1503-1554) vom Brandenburger Kurfürsten Joachim II. (1505-1571), Kohlhase zu ergreifen.
Kohlhaasweg
Straßenschild am Eingang der Kohlhaas-Sackgasse
Foto © -wn-
Erst als eine seiner Banden versehentlich einen brandenburgischen Silbertransport überfällt, handelt Joachim. Der "Selbsthelfer in einer anarchischen Zeit" (Lexikon der Weltliteratur) wird nach Berlin gelockt, gefasst, am 22. März 1540 wegen Landfriedensbruch zur Höchststrafe verurteilt und am Abend desselben Tages auf dem Gebiet des heutigen Strausberger Platzes auf dem Rad zu Tode gebracht. Kleist hat den inzwischen weltbekannten Tempelberger Kaufmann in seiner Novelle mangels fehlender Akteneinsicht mit von der Realität abweichenden Handlungsmotiven ausgestattet. In der Novelle löst erst der Tod seiner Frau die terroristischen Umtriebe aus. Bei Kleist erfährt er die "Gnade einer Enthauptung". An jenem Märztag 1540 sollte sein Leben nach dem Entgegenkommen des Gerichts tatsächlich durch das Schwert enden. Doch der Delinquent - von der Rechtmäßigkeit seiner Handlungen fest überzeugt - bestand darauf, zusammen mit seinem Kumpan Georg Nagelschmidt durch vorheriges Knochenbrechen (rädern) hingerichtet zu werden. Erklärlich, dass man den Namen für den kurzen Weg in Tempelberg lieber der Novelle entlehnt hat, statt der Akte.

Wie man nach Tempelberg kommt:
Es empfiehlt sich von Berlin aus die Bundesstraße 1/5 Richtung Küstrin. Auf Höhe der Ortschaft Heinersdorf biegt man rechts auf die Landstraße L36 ab. Von hier sind es noch vier Kilometer bis Tempelberg. Die Landstraße L36 führt in entgegengesetzter Richtung ins 22 Kilometer entfernte Neuhardenberg. Im dortigen Schloss befinden sich Kunstgegenstände aus dem ehemaligen Schloss Tempelberg, das dem preußischen Staatsmann und Reformer Karl August von Hardenberg (1750-1822) gehörte.
Die Internetseite http://www.tempelberg.de/ gibt weitere Auskünfte über das Dorf und seine Veranstaltungen.
Text: -wn- / Stand: 19.05.2014

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