Das Kyritzer Lügenmuseum – Lügen der Wahrheit halber

Nach unseren Informationen ist das Lügenmuseum mittlerweile nach Radebeul (Sachsen) umgezogen! (Stand: 12.05.2014)

„Und vor der Wahrheit mächtgem Siege / Verschwindet jedes Werk der Lüge. “ Recht hatte Schiller - wie meist.
Das Kyritzer Lügenmuseum
Das Lügenmuseum befindet sich im Schloss Gantikow
Foto © -wn-
Das Lügenhafte, das die Bibel als „hässlichen Schandfleck eines Menschen“ einstuft und der Koran mit „schmerzhafter Strafe“ bedroht, galt damals noch als durchweg verwerflich. Doch nach Erfahrungen mit üblich gewordenen Techniken des Verschleierns von Tatsachen und Absichten und des Schönredens von Fragwürdigem hätte auch der superkluge Schiller die positiven Möglichkeiten der Unwahrheit erkannt und formuliert: „Auch die gut gesagte Lüge / verhilft der Wahrheit zu dem Siege!“ Um dieses Paradoxon sehen und greifen zu können, darf man den Weg nach Kyritz in den Landkreis Ostprignitz-Ruppin nicht scheuen und muss im entlegenen Ortsteil Gantikow das Lügenmuseum aufsuchen, eine Einrichtung zur sinnenfrohen Beförderung von Falschaussagen, die der Wahrheit dienen.

Chef des unikalen Museums ist der Thüringer Objektkünstler Reinhard Zabka (geb. 1950), der sich als Richard von Gigantikow präsentiert. Er drückt die von ihm entdeckte
Verwandtschaft des angeblich so Gegensätzlichen feinsinnig aus: „Die Lüge im Dienste der Wahrheit wäscht den Staub des Alltags von den Sternen.“ - das könnte einer Ode Friedrich Hölderlins entstammen. Die gehobene Lüge wird zum Medium, das hilft, den Dingen des Lebens auf anderen als den üblichen Wegen auf den Grund zu gehen. Verständlich, dass von Gigantikow in der DDR zuständigkeitshalber von der MfS-Mischabteilung „Staatsapparat, Kultur, Kirche, Untergrund“ betreut wurde. Und nicht umsonst wird in der Ausstellung auch jenes gekrümmt und verbittert gestorbenen Mannes gedacht, der alle liebte und dem die kolossale Aufgabe zugefallen war, in dem Land mit dieser nationalen Eigentümlichkeit, der Schuldvermutung gegenüber jedermann, lügnerische Staatsfeinde der Wahrheit zu überführen.

Im Titanic-Raum steigen wir tiefer in die Materie ein: Aufschwung Ost ist das Stichwort, würde Thekenphilosoph Dittsche sagen, und wir sehen eine mit Stacheldraht umwickelte Leiter. Aufschwung Ost und der Titanic-Untergang 1911 – warum diese räumliche Nähe? Hilft der Satz: „Einmal auf dem Sonnendeck der Titanic liegen, ohne an den Untergang zu denken.“ Der Besucher hat Gedankenarbeit zu leisten. Gleich daneben ist auf 200 Quadratmetern der Großapparat "Psychodelika Maschinka" im Gange. Alles leuchtet, klimpert und schleift motorgetrieben. Es ist eine rotierende, schiebende und in Erschütterung befindliche Menge Sperrmüll, der nach unbekanntem Prinzip verschweißt, verschränkt und verschraubt wurde und dem wie Hermann Hesses Glasperlenspiel bewusstseinserweiternde Wirkung zugeschrieben wird.

Im „Vittoriale der Ostdeutschen“ fallen Schmuckelemente ins Auge, die der linientreue Genosse früher in der Schrankwand hatte: bronzene Marx-Büsten, Minibuch-Ausgaben des SED-Programms, spitzlippige Matrjoschkas und handbemalte russische Holzlöffel. Das Glanzstück aber ist eine ambulant-bewegliche Rednertribüne, von der aus diejenigen ideologisch unterwiesen werden konnten, die es hier in der Prignitz am Ersten Mai nicht zur Kampfdemonstration geschafft und sich angetrunken im Straßengraben schlafen gelegt hatten. Keinen zurücklassen, jeden mitnehmen, war die Devise. Man konnte mit der Tribüne zu ihnen kommen und eine Kurzfassung der Mai-Rede halten.

Eine Geburtsstube des Lübeckers Willy Brandt (1913-1992) würde man hier nicht vermuten. Man liest: „Ein Knie geht einsam durch die Welt“, und dieses Knie sei in einem Schilfkästchen aus dem Nil gefischt worden wie damals das ausgesetzte Moses-Baby. Wieder schaut man dem Absurden ins Gesicht - aber dieses Umfeld braucht die Lüge wohl, um als nervige Gefährtin der Wahrheit bedeutende Vorgänge im Weltenlauf vor Vergessen zu schützen - und um freundlich Mut zu machen.

Zu den weiteren Lügen-Exponaten zählt ein Körperteil Vincent van Goghs. Bekanntlich trennte sich dieser vor 120 Jahren im provenzalischen Arles nach ausuferndem Streit mit dem Malerfreund Paul Gauguin von diesem und anschließend vom rechten Ohr. Zu sehen sind der Desert-Walking-Stab von Moses, Wasserproben von der Untergangsstelle der Titanic sowie ein Wanderschuh vom Fuße Theodor Fontanes. Ungeklärt bleibt, wie Fontane mit einem Schuh weiterlaufen konnte. Bleibt noch das Plagiat eines Prignitzer Kuhfladens. Von ihm heißt es, er sei zusammen mit einer Masse anderer auf den Weiden um den nahen Külper See vom Himmel geregnet. Wenn wir hören, dass Manna auf die Israeliten fiel während ihres Zuges durch die Wüste, warum soll sich am Külper See nicht Ähnliches zugetragen haben. In Gantikow wird dazu erklärt: Beurteile die Wahrhaftigkeit einer Behauptung auch danach, wie gut gelogen sie dir mitgeteilt wird.

Verkehrshinweis:
Gantikow ist von Berlin aus über die Autobahn A24 Richtung Rostock/Hamburg zu erreichen. Nach dem Verlassen der Autobahn an der Abfahrt Neuruppin benutzt man die Bundesstraßen 167, 5 und 103 Richtung Pritzwalk und Putlitz. Man durchfährt Kyritz und biegt nach ca. 6 Kilometern links nach Gantikow ab.
Text: -wn-

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