Das Tucholsky Museum Rheinsberg: Eiserne Schnauze, goldenes Herz

Was tun, wenn soziale Ungerechtigkeit Dauerzustand wird? In diversen Demos mitlaufen? Wahlenthaltung üben? Karl Marx lesen? Sich im Kabarett beim Rotwein über die Kanzlerin-Parodie Mathias Richlings herzlich
Tucholsky Museum Rheinsberg
Das Tucholsky Museum befindet sich im Innenhof
des Rheinberger Schlosses - Foto © -wn-
amüsieren und schnell nach Hause gehen, damit die heitere Stimmung bis zur Haustür hält? Aufbruchsstimmung - ach Gott, was ist das? Bedenkt man, dass die Finanzkrisen-Marodeure wie dermalen die konspirativen "Kundschafter des Friedens" unerkannt unter uns leben - schade, dass Wolfgang Neuss (1923-1989) schon tot ist. So viel steht fest: Die gegenwärtige, repräsentativ genannte bürgerliche Demokratie - die die Krise nicht verhinderte - bedarf einer Reform, die man Radikalen nicht überlassen darf. Mit diesem existenziellen Problem war Kurt Tucholsky (1890-1935) bestens vertraut.
Adresse:
Kurt Tucholsky Literaturmuseum
im Schloss Rheinsberg
16831 Rheinsberg
Tel. 03 39 31 - 39007

Öffnungszeiten des Tucholsky Museum Rheinsberg:


Dienstag - Sonntag 10 - 17:30 Uhr

Eintrittspreise Tucholsky Museum Rheinsberg:


Erwachsene 4€, ermäßigt 3€
Familienkarte 8€
Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt

Informationen über das Tucholsky Museum in Rheinsberg:


Wer sich ihm nähern will, kommt an Rheinsberg kaum vorbei, wo die eigentlich in Gripsholm beheimateten "Igel in der Abendstunde / still nach ihren Mäusen gehen" -
und die Sache mit "der Claire"lief - anstrengend und anreizend wie sie als Literaturgestalt nun mal geschaffen ist. Erotisch auch, wie man liest, bis in die Fingerspitzen. Diese "wußten um die Wirkung ihrer Zärtlichkeiten, kräftig und sicher spielten die Gelenke". Wir sprechen von der ewig frischen Rheinsberg-Geschichte von 1912, deren genial-spielerischer Erzählton nicht erkennen lässt, dass der Autor Kurt Tucholsky den Text "würgend langsam in kleine Notizbücher geschrieben" hat, wie der Literaturwissenschaftler Lothar Köhn weiß. Nach Rheinsberg also sollte es gehen, ins Schloss (Foto), wo man zwar auf kein Orakel trifft - aber doch über den Innenhof in ein Scharfblick und Lesespaß beförderndes Literatur-Museum eintritt. Es trägt den Namen des oben genannten deutschen Schriftstellers und Journalisten, der für seinen Grabstein den sinnigen Spruch "Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze - Gute Nacht - !" entwarf. Er wusste um das Unverzichtbare beider Wesenheiten. Im Literaturmuseum Schloss Rheinsberg sind persönliche Gegenstände zu sehen, Briefe, Autographen, Programmhefte, Zeitschriften, Dokumente, Fotos und Bücher, sein Schreibtisch und die Totenmaske.

Der kämpferische Autor hatte seine hohe Zeit in den turbulenten Jahren der Weimarer Republik (1919-1933), in denen Deutschland ein demokratischer Bundesstaat geworden war - leider ohne tragfähigen Verfassungskonsens, der das Land zusammen gehalten hätte. Mit Ironie, Humor und Spott, polemisch bis zur Bissigkeit, aber auch liebenswürdig und feinsinnig und die Position eines pazifistisch geprägten Humanismus behauptend schrieb "Tucho" gegen Spießertum und bürgerliche Lethargie - und gegen die aufkommende faschistische Gefahr. "Ein Schriftsteller, der in grenzenloser Fülle die verschiedenartigsten Mentalitäten gestaltet und dadurch die Weite seiner inneren Sicht unter Beweis stellt", hatte das "Pariser Tageblatt" über ihn geschrieben. Kritisch vermerkte später der Historiker Golo Mann: "Die hellsichtige Bosheit, mit der Kurt Tucholsky die Republik verspottete, alle ihre Lahmheiten und Falschheiten, erinnerte von ferne an Heinrich Heine. Von Witz und Haß des großen Dichters war ein Stück in ihm, nur leider wenig von seiner Liebe."

Dagegen kann man "Schloß Gripsholm" ins Feld führen, den Erfolgsroman, in dem sich Liebe, Witz und Ernst so innig verbinden. Prophetisch zeigt er die nur kleine Differenz auf, die zwischen der Arroganz gegenüber Schwachen und nackter Gewalt besteht. Allein "Rheinsberg" und "Schloss Gripsholm" sind die Gegenbilder zu der derzeitigen medialen Springflut an Gefühlskitsch, geheuchelter Betroffenheit und geistigem Ungenügen. Das Museum will seine Besucher ermutigen, sich gegen das Verdummen und das Hochstilisieren von Durchschnittsmenschen zu Meinung beherrschenden Prominenten zu wehren. "Die Welt geistig zu durchdringen ist Voraussetzung für Identität und Selbstwertgefühl, für bürgerliche Tugenden und humane Werte", heißt es im Leitbild des Museums, das sich in einer aufklärerischen und demokratischen Tradition sieht. Und aus diesem Konzept hört man Tucholskys Stimme aus seinem Weltbühnen-Artikel von 1919 mit der ironischen Überschrift "Wir Negativen": "Der unbedingten Solidarität aller Geldverdiener muss die ebenso unbedingte Solidarität der Geistigen gegenüberstehen." - die Botschaft von Rheinsberg.

Wie andere stellte auch Tucholsky Anfang der 30er Jahre fest, dass seine Warnungen vor dem Abgleiten der neuen Republik in einen faschistischen Staat verhallten. Enttäuscht ließ er sich im schwedischen Hindas bei Göteborg nieder. 1933 die Ausbürgerung, bald darauf der Scheiterhaufen für Bücher auf dem Opernplatz. Ein Brief vom Februar 1934 bezeugt zunehmende Hoffnungslosigkeit und Isolation: "… ich bin auch ganz verkrochen und möchte meine Ruhe haben, zur Zeit." Kurz vor Weihnachten 1935 die Überdosis Schlaftabletten. Auf der Grabplatte in Mariefred nahe dem Schloss Gripsholm steht - im Gegensatz zur ursprünglichen Absicht - eine letzte Bekundung übergreifenderen Charakters: "Alles Vergängliche Ist Nur Ein Gleichnis", womit bekanntlich Goethes Faust II endet. Die allerletzten Zeilen des Stückes fehlen: "Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan", was man im Falle des Womanizers Kurt Tucholsky hätte mit zitieren können. Seinen Donjuanismus hat er nie verheimlicht. Nach der gescheiterten Ehe mit Mary Gerold schrieb er, er habe "einen Goldklumpen in der Hand gehabt und sich nach Rechenpfennigen gebückt".

Wie kommt man zum Tucholsky Museum in Rheinsberg?
Nach Rheinsberg fährt man von Berlin über die B 96 bis Gransee und biegt dort auf die Rheinsberger Straße L223.
Text: -wn- / Stand: 12.05.2014


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