Die Draisinenbahn zwischen Zossen und Jüterbog
Volle Muskelkraft voraus - so lautet das Motto auf Deutschlands längster Draisinenstrecke zwischen Zossen und Jüterbog ca. 30 km südlich von Berlin. Auf der rund 40 km langen, stillgelegten Gleisstrecke der ehemaligen historischen Königlich-Preußischen Militäreisenbahn kann
man sich wahlweise auf Fahrraddraisinen, Klein- oder Großdraisinen, Hydrobikes oder Konferenzfahrrädern vorwärtshebeln bzw. - strampeln. Zehn bis 14 Personen haben auf der Großdraisine Platz, sechs bis acht auf der Kleindraisine. Ein sportliches Gruppenerlebnis mit reichlich Spaßfaktor.
Doch was ist eigentlich eine Draisine? Jedenfalls keine Erfindung der Freizeitindustrie, sondern ein historisches Fortbewegungsmittel, das an sich so alt ist wie die Eisenbahn selbst. Die zündende Idee für das mit Muskelkraft betriebene Laufrad, gleichzeitig Vorläufer des Schienenfahrzeuges und Urahn des Fahrrads, hatte 1817 Karl Friedrich Freiherr Drais von Sauerbronn. Wie so viele seiner Erfinder-Kollegen nannte der Freiherr das Schienen-Gefährt selbstbewusst nach sich selbst. Es diente damals in erster Linie zur Streckenkontrolle, zu Reparaturfahrten und zu Instandsetzungsarbeiten. Zwei kräftige Arbeiter konnten das Vehikel mit einem Schwunghebel, der mit den Armen auf und nieder gedrückt wurde, auf rund 30 Stundenkilometer beschleunigen - während der Ingenieur auf einer gepolsterten Bank sitzend die Fahrt genoß. Freizeitdraisinen hingegen funktuionieren meist über Pedalantrieb. Das ist weniger anstrengend, man muss nicht lenken und kann sich während der Fahrt gemütlich unterhalten. Auch ungeübte Radfahrer brauchen also keine falsche Angst vor der Draisine zu haben.
Je nachdem, wieviele Mitstreiter man hat und die Frage, ob man lieber radelt oder hebelt, ist entscheidend für die Wahl der Draisine. Wem die Entscheidung ob der verschiedenen Draisinenvariationen schwer fällt, fährt mit der so genannten "3-Muskel-Tour" am besten.Hier ist Abwechslung auf jeden Fall garantiert. Ab Bahnhof Zossen startet die Fahrt mit der Kleindraisine ins fünf Kilometer entfernte Mellensee. Hier wird auf ein Konferenzfahrrad umgestiegen und bis zum Strandbad geradelt. Schließlich geht's mit dem Hydro-Bike über die Wellen des Mellensees und des Nottekanals zurück nach Zossen. Für große Gruppen ab 12 Personen empfiehlt sich die "2-Sinentour", eine Kombination aus Fahrrad- und Großdraisine, die auf Wunsch auch mit einem individuellen Barbecue abgerundet werden kann. Während etwa ein Drittel der Gruppe fleißig radelt bzw. hebelt, kann es sich der Rest auf der Reservebank gemütlich machen, den Fahrtwind genießen oder den Erklärungen des Tourenbegleiters lauschen, den man dazubuchen kann.
Übrigens: Die Draisinen-Strecke ist nicht nur ein origineller Gruppenspaß, sondern bietet auch eine ganze Reihe interessanter Sehenswürdigkeiten. So pflastern beispielsweise die Saalower Paltrock- und die Scheunenwindmühle, der Mellensee, die Klausdorfer Tongruben mit Hoffmannschen Ringofen, die Neuhofer Zinngießerei oder die Sperenberger Gipsbrüche die "Mucki-Tour". In Kummersdorf Gut bietet die Bürgervereinigung Einblicke in die Geschichte der ehemaligen Heeresversuchsstelle Kummersdorf. Die Draisinentour mit kleinen Ausflügen unterwegs zu verbinden, ist kein Problem. Da die Draisinen von den Gleisen gehoben werden können, ist eine Pause mit Picknick oder Museumsbesuch jederzeit zwischendrin möglich. Doch schon die Schienenstrecke selbst, die so romantisch durch die unberührte Natur verläuft, hat historische Bedeutung und geriet Anfang des 20. Jahrhunderts sogar mächtig in die Schlagzeilen.
Im Jahr 1875 eröffnete die Königliche Militäreisenbahn als kleinste Staatsbahn Preußens und verlief - vom damals noch selbständigen - Berliner Bezirk Schöneberg über Zossen zum Schießplatz nach Kummersdorf "Gut".
Von Soldaten gebaut, geleitet und betrieben, diente die Strecke militärischen Übungs- und Testzwecken und war daher mit aufwändigen Bahnanlagen und Bahnhofsbauten ausgestattet. Berühmtheit erlangte die Strecke am 28. Oktober 1903, als ein ein AEG Versuchswagen bei einer Testfahrt auf dieser Strecke ein Tempo von 210 km/h erreichte und damit den weltweiten Geschwindigkeitsrekord aller existierenden Verkehrsmittel brach.
Mit einer Drainine ist dieser Rekord wahrlich nicht zu toppen. Allein, wer eine Geschwindigkeit von 20 km/h erreicht, kommt gehörig ins Schwitzen! Doch wer sich nach rund einem halben Tag Draisinenfahrt noch nicht genug verausgabt hat, kann direkt im Anschluß auf ein Gefährt neumodischerer Art umsatteln: die Inline-Skates. Denn am Endpunkt Jüterbog angekommen, breitet sich mit dem 100 km langen "Fläming-Skate" Deutschlands größtes Skaterparadies aus.