Tauschringe in Berlin und Brandenburg Kiesel statt barer Münze: Der Zossener Tauschring "Kieselbörse" hat seine eigene Währungsunion.
Tauschringe in Berlin und Brandenburg
Foto © Konstanze Gruber

Kiesel statt Euro - unter dieser Devise gründeten sieben Mitglieder 2003 den Zossener Tauschring "Kieselbörse". Nach dem Vorbild des damals bereits florierenden Tauschrings "Flamingo" in Belzig hatte sich das Grüppchen auf die Fahne geschrieben, der geldorientierten Kommerzgesellschaft eine alternative Wirtschaftsform entgegenzusetzen. Statt in barer Münze wollten sich die "Kieselbörsianer" untereinander mit Tauschgeschäften aushelfen. Manch einer mag sie in ihrer Gründungsphase noch als kleines Häufchen Idealisten belächelt haben, doch inzwischen haben sich die ursprünglich sieben Kommerzgegner zu einer rund 80 Mitglieder starken Gruppe mit regem Vereinsleben, einer monatlich erscheinenden Zeitschrift und zahllosen öffentlichen Aktionen wie beispielsweise dem Zossener Kraut- und Rübenmarkt gemausert. "Das ist eine absolut zufriedenstellende Größe", resümiert Dörte Dittmer, Vorsitzende der Kieselbörse, "Viel mehr Mitglieder möchten wir eigentlich gar nicht mehr aufnehmen, denn es soll sich ja alles in übersichtlichen Dimensionen bewegen. Durch die natürliche Fluktuation ist jedoch auch immer wieder Platz für neue, engagierte Mitglieder".

Doch was verbirgt sich genau hinter der Kieselbörse? Sechs Kiesel, so hat es die Vereinssatzung dereinst festgelegt, entsprechen einer Stunde Arbeit. "Wer also eine Stunde gearbeitet hat, hat genügend Kiesel auf seinem Konto verbucht, um wiederum von einem anderen Mitglied eine Arbeitsstunde in Anspruch nehmen", erläutert Dittmer pragmatisch, "Das Ganze basiert auf dem simplen Prinzip vom Geben und Nehmen. Man könnte es auch ganz einfach Nachbarschaftshilfe nennen. Wir versuchen eben, in der aktuellen Kommerzgesellschaft so weit wie möglich ohne Geld auszukommen". Die Kiesel werden dabei allerdings nicht cash ausbezahlt, sondern "bargeldlos" per Scheck auf einem speziell eingerichteten Konto verbucht. "Sonst läge das Geld ja quasi auf der Straße", so Dittmer schmunzelnd.

Als praktikable Angelegenheit erweist sich dieses Prinzip vor allem für Geringverdiener bzw. Arbeitslose. Zu den derzeit 82 Mitgliedern des Zossener Tauschrings zählen 13 Arbeitslose und elf Rentner, die sich gegenseitig mit handwerklichen Dienstleistungen, Serviceleistungen oder materiellen Gütern jeglicher Natur aushelfen, die sich so manch einer unter ihnen sonst nicht leisten könnte. "Damit sich keiner dem Anderen moralisch verpflichtet fühlen muss, läuft das Ganze idealerweise nach dem Ringprinzip ab", erklärt Dittmer, "Wenn z.B. Anna die Hose von Hans näht, paßt Hans im Gegenzug auf Karins Tochter auf, woraufhin Karin wiederum auf Annas Kinder aufpasst. So schließt sich der Kreis". Dass die Idee in der Praxis manchmal jedoch anders aussehen kann, zeigt das Beispiel von Christian Holm. Der Zossener Elektrofachmann ist seit 2003 Mitglied des Tauschrings und hat bereits einiges an Kies auf der hohen Kante gebunkert. "Ich helfe oft mit meinem erlernten Handwerk aus, habe aber noch bei weitem nicht so viele Gegendienstleistungen in Anspruch genommen", so Holm, "Ich bin eher Mitglied, weil ich die Leute hier sehr mag, die ähnliche kulturelle Interessen haben wie ich. Ich verbinde mit der Kieselbörse wie viele andere auch vor allem ein gesellschaftliches Interesse".


Eine Möglichkeit, unverbindlich in die "Kieselbörse" reinzuschnuppern, besteht übrigens immer wieder bei öffentlichen Veranstaltungen, Märkten und Festen des Tauschrings. Veranstaltungstermine und weitere Informationen unter Tel. 033702 60612.



Übrigens: Tauschringe wie die Zossener Kieselbörse gibt es auch in fast jedem Berliner Stadtbezirk und einigen Orten in Brandenburg. Schauen sie doch mal nach unter: www. tauschringe-berlin.de
Text: ak



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