Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf Im Frühjahr beginnt alljährlich der Aufbruch in das Umland von Berlin. Ob mit dem Auto oder per Fahrrad - es geht wieder ab in die Natur. Eine bewusst aufgesuchte
Bücherstadt & Bunkerstadt Wünsdorf
Ruinen der Bunkeranlagen - Foto © Katrin Asmuss
oder durch Zufall, zum Beispiel während einer Radtour entdeckte Attraktion in der Teltow-Fläming-Region ist mit Sicherheit die Bücher- und Bunkerstadt in Wünsdorf.
Kaum vergleichbar mit den anderen Booktowns (Bücherstädten) der Welt ist die in Brandenburg, denn hier dominiert der erste Eindruck dessen, was zu DDR-Zeiten als "Klein Moskau" oder "Verbotene Stadt" galt. Das einst von einer großen Mauer umgebene Sperrgebiet diente als Unterkunft für etwa 9000 Diensthabende und zum Teil auch deren Angehörige der Sowjetarmee, insgesamt ca. 30000 Zivilisten.
Bewohner der umliegenden brandenburgischen Dörfer mussten diese Stadt eben wegen jener Mauer weiträumig umfahren und dadurch große Umwege in Kauf nehmen. Grund für die Abschottung waren die Bunkeranlagen, die im II. Weltkrieg wie auch im Kalten Krieg als Kommandozentralen genutzt wurden. Über diese Epoche kann man sich im "Garnisonsmuseum" vor Ort informieren.
Doch die etwa einhundertjährige Militärgeschichte begann bereits 1872 mit dem Stammlager Zossen. Unter Kaiser Wilhelm der II. wurde Preußens größter Schießplatz eingerichtet, 1910 kamen in Vorbereitung des I. Weltkrieges ein Truppenübungsplatz, die Infanterieschießschule und ein Lazarett dazu - und das Halbmondlager, ebenfalls eine geschichtliche Besonderheit.

Im Generalstab des Heeres begann 1935 im Zuge der Wiederaufrüstung die Diskussion darüber, wo der Mobilmachungs- bzw. Kriegsstandort für das
Hauptquartier des Oberkommandos des Heeres stationiert werden sollte. Die Entscheidung fiel auf Wünsdorf. Im Heeresbauamt in Berlin fanden daraufhin die Planungen statt. Zwölf in Größe und Aussehen gleiche Häuser sollten -auch zu Tarnzwecken des Bunkers Maybach I- erbaut werden. Anhand der Lage, Bauweise und Verwendung jener heute noch "Bunker-Siedlung" genannten Häuser lernen die Teilnehmer der verschiedenen Bunkerführungen viel über die Militärgeschichte. Je nachdem, mit welchem Schwerpunkt die jeweiligen Touristenführer ihre Bunkerbesichtigungen versehen, begegnet man entweder den bekannten Namen aus der Nazi-Zeit - wobei hierbei spannend ist, dass Hitler selbst nie in Wünsdorf gewesen ist - dafür aber viele Offiziere des Attentats gegen Hitler am 20. Juli 1944 hier ihren Dienst versahen. Andererseits spielt die Sowjetarmee eine entscheidende Rolle oder die Militärtechnik und Architektur wird gründlich beleuchtet. Apropos Beleuchtung: Nach der oberirdischen Wanderung zwischen den Bauruinen der Bunker-Siedlung geht es anschließend untertage in den Bunker. Dort herrschen im Sommer und Winter konstante zehn Grad Celsius - in der warmen Jahreszeit sollte man also unbedingt entsprechende Kleidung mitnehmen.

Sicherlich gibt es vieles Spannende zu entdecken, doch manche Besucher, die bereits anderswo Bunkeranlagen besichtigt hatten, sind auch enttäuscht - zu sehen ist
eigentlich nicht viel. Die Führungen begeistern in erster Linie durch die Vermittlung geschichtlicher Hintergründe bis hin zu Details. Besonders sehenswert ist in erster Linie die Bunker-Siedlung. Wer von außen schaut, sich Begleitbücher und den "Schematischen Plan der Garnison Wünsdorf", also des kompletten Areals auch jenseits der Bunkeranlagen im Touristenshop kauft, sich dann auf das Fahrrad schwingt und durch die komplette Anlage radelt, ist ebenfalls sehr lange unterwegs - und findet anhand der Lektüre selbst das Geheimnis der Betonzigarren heraus oder wo das Haus der Offiziere ist, die Brotfabrik und vieles andere mehr.
Die Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf bietet eine ganze Menge, für interessiertes Fachpublikum aus aller Welt ebenso wie für rein zufällig Halt machende Touristen.
Zudem gibt es Stammpublikum, nicht nur aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden, denn hier finden Ausstellungen in der Galerie statt und in regelmäßigen Abständen werden Veranstaltungen wie Lesungen oder Konzerte in einem der ehemaligen Kaiserlichen Pferdeställe angeboten. Und in einem Restaurant oder der Teestube kommen diejenigen auf ihre Kosten, die einfach nur eine Rast machen wollen.
Text: kas

Wie man nach Wünsdorf kommt:
Mit dem Auto: A13 bis Abfahrt Mittenwalde dann Richtung Zossen
Mit der Bahn: Regionalbahn bis Wünsdorf-Waldstadt

Mehr über die Stadt Zossen

 
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