Welterbe-Wald Grumsin: "Trampeln Sie bitte nicht alles platt!"

Aber singen konnte er vernehmlich. Sein nicht versagender Canto erinnerte an die jagdliche Erfahrung, wonach ein angejahrter Platzhirsch den Brunftschrei Ööjaaoo sowie die zum ausdrucksstarken Röhren gehörenden Zwischenstöße Roch-roch-roch durchaus noch überzeugend
Bäume im Grumsiner Forst
Buchen- und Eichenbestände im Grumsin nahe
der gleichnamigen Siedlung / Foto © -wn-
in die Kühle eines Herbstmorgens abgeben kann, und er somit anzeigt, in der Lage zu sein, die nur kurzfristig empfangsbereiten Schmaltier-Damen mit Fruchtbarkeitsgarantie zu beschlagen. Dieser Senior muss sich also keineswegs knörend in die Büsche schlagen. Soweit es das Gesangliche betraf, war das auch der Fall beim einstigen Herrn der Dinge im ehemals abgesperrten "Sonderjagdgebiet" Grumsiner Buchenforst - heute zum Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin gehörig. Es ist der Gutsherr Mielke (1907-2000), ein sangesfreudiger Rumpelstilz, der beim A-cappella-Vortrag des helvetischen Pfannenflicker-Liedes seine Zuhörer mit einer fröhlich-vibrierenden Tremolostimme überraschte: "Der Pfannenflicker nimmt seinen Hut: / Adieu Mamsell-sell-sell, / Der Flick war gut…". Wenn dieser kleine wilde Jäger (nicht Kleinwildjäger) mit Generalen, anderen Kostgängern oder sowjetischen Jagdgästen im Wolletzer Gutsschloss das Glas erhob, skandierte er, wenn weltrevolutionäre Stimmungslagen die Oberhand gewannen, den alten Jagdhetzruf, das Horrido, den die beeindruckten Lubjanka-Genossen vom Moskauer Dserschinski-Platz mit dem russischen Jagdruf "Atuu" begleiteten. Da er zwar Denkart und Menschenverachtung, nicht aber die Sprache des Josef Stalin (1878 od. 1879-1953) beherrschte, suchte er damit zu brillieren,
indem er beim Ausbringen seiner Horridos die Mittelkonsonanten zu einem an der hinteren Schneidezahnwulst zu bildenden Vibranten veredelte - kurz: er übte sich draufgängerisch im rollenden R der russischen Sprache.

Diese so stilisierten Horridos suchten sich ihren Weg durchs offene Fenster des ufernahen Schlosses, überwanden die schmalen Wasser des tiefer gelegenen Wolletzsees samt winzigem Werder und drangen am jenseitigen Ufer in den Angermünder Stadtwald und gleich darauf in den Grumsin, dem seit Jahrzehnten forstlich sich selbst überlassenen Buchenhochwald. Auf buckligen Gründen mischt sich die dominierende Rotbuche seit alters her mit Eichen, Erlen und Winterlinden. Einzelne Bäume dürften schon zu Zeiten von Thomas Müntzer und Joß Fritz gestanden haben. Damals wie heute herrscht in den etwa 680 Hektar großen und seit Juni 2011 dem UNESCO-Weltnaturerbe hinzugefügten Gefilde eine sich täglich erneuernde Einsamkeit. Beim wieder möglichen Durchwandern des Gebietes ist man an Georg Trakls (1887-1914) expressionistischen Text erinnert, in dem er eine geheimnisvolle Trinität aus Wald, See und einem Schloss verknappt und verdichtet wiedergibt. Lastende Sätze wie "Nichts unterbricht mehr das Schweigen der Verlassenheit" und "Die Wasserlilien winken … wie kleine, tote Frauenhände" beschreiben auch die Stimmung der hiesigen Sequenz prächtiger Moore, Seen und bewaldeter Endmoränensenken - letztere mit beachtlichen Hangneigungen von bis zu 20 Grad. Durch diese Szenerie nun peitschten die Schüsse, streckte der feudal-sozialistische Wolletzer Schlossherr häufig ab dem frühen Freitagabend und später Geweihträger nieder. Dabei suchte Rumpelstilz den Schein des Weidgerechten noch zu wahren. Während die Jagdgenossen Honecker und Mittag in den Drewitzer Waldungen das im Schnellmastverfahren abschussreif gemachte und an die Futterstellen gelockte Wild unter Einsatz blendender Halogenscheinwerfer bequem umbringen konnten, ging es im Grumsin eher konspirativ zu. "Mit dem Langmut und der … Aufmerksamkeit, die den erfolgreichen Jäger auszeichnen, harrte der Minister reglos auf dem Hochsitz aus,
Abgestorbener Baum im Grumsiner Wald
Alltag im Reservat: Werden und Vergehen
Foto © -wn-
um im entscheidenden Augenblick den tödlichen Schuss abzufeuern", schreibt die Göttinger Kulturwissenschaftlerin Dr. Karin Hartewig in ihrem Buch "Das Auge der Partei".

Das plötzliche Verschwinden der staatssozialistischen Extrem-Jäger im Herbst 1989 bringt weitreichende Veränderung auch in den stillen und tiefräumigen Grumsin. Vom Buchen-Getto wandelt er sich zum Baumpark offenen Charakters. Und die mediale Kundgabe, dass er nun zu den fünf deutschen weltkulturellen Buchenwäldern zählt, bewirkt einen wahrnehmbaren Zustrom Interessierter, die das Gehölz erleben wollen. Die wenigsten kennen sich aus mit Fisch- und Seeadler, Schwarzstorch und Kranich; allenfalls macht man den Uhu und den Kuckuck aus. Sie begegnen gelegentlich dem Rotwild, das die Einstände immer noch in Überzahl bevölkert und sein Geäse nunmehr selber rupfen muss. Auch durch die Standortgunst geschützte und deshalb die Äonen überdauernden Relikt-Arten wie Laufkäfer, Fledermäuse oder Schmetterlinge - einer von ihnen der erdfarbene Nagelfleck-Falter - werden vermutlich kaum ins Blickfeld der Besucher geraten. Das aufkommende Interesse am Grumsin ist vermutlich auch dem im deutschen Gemüt am Leben erhaltenen Hang zur kreuchenden und fleuchenden Kreatur geschuldet. Hierzulande hat der Schriftsteller Oskar Loerke (1884-1941) die Naturlyrik mit bildhaften, musikalischen und mythischen Gedichten begründete; er gilt überhaupt als derjenige deutsche Dichter, in dessen Texten die meisten Bäume vorkommen. Oder es geht manchen Waldbesucher wie dem amerikanischen Schriftsteller Henry David Thoreau (1817-1862) aus Concord, Massachusetts, der schrieb: "Manchmal, wenn mich der Ekel packte vor der Gesellschaft und vor dem Geschwätz der Menschen …, verließ ich meine Wohnung und wanderte noch weiter gen Westen, … wo ‚frisch die Wälder, neu die Weiden' waren." Solche Motivationen sind auch heute nicht selten. Möglich aber auch, dass der Drang zum Wald eine einfache erlebnisoffene Begehung zum Ziel hat und man ähnlich wie der ZEIT-Autor Christoph Dieckmann (geb. 1956) nach dem Durchstreifen eines bayerischen Buchenwaldes resümieren kann: "Es amselt, finkt und piroliert."

Gut markierte Wanderwege in Aussicht gestellt


Die bisher noch überschaubare Besucher-Zahl nannte der Leiter des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin, Dr. Hartmut Kretschmer, im Deutschlandfunk - und das keineswegs abschätzig - "Außerirdische"; er wollte sagen, sie seien "Leute, die besonders um dieses Highlight, um diese tollen Wälder (schon lange) wussten". Nun wollen aber immer mehr das landschaftliche Kleinod mit eigenen Augen sehen. Und nicht ohne Stolz fügte er hinzu: "Wir sind (durch die UNESCO-Entscheidung) in eine Liga aufgestiegen, wo wir jetzt gleichziehen mit solch einem Gebiet wie zum Beispiel (mit der) Serengeti." Gewagter Vergleich - aber Hartmut Kretschmer gibt zu, dass es im Grumsin noch an etwas Elementaren fehlt: an einer ausreichenden Kennzeichnung der Wege. Die Wanderwege seien "zum Teil noch nicht so toll ausgeschildert und noch nicht so toll wanderbar". Das scheint untertrieben; tatsächlich kann es einem im Grumsin wie Hänsel und Gretel ergehen. Sofern man sich nicht eingeprägt hat, wo Angermünde, Wolletz oder der vom Wald umschlossene Weiler Grumsin liegen, kann es einen anderwärts verschlagen, und man steht plötzlich an einer fremden Straße oder an der Autobahn A11. Ausgetretene Wege wechseln mit schmalen mäandernden Stegen, zum Teil morastig und in hohes Gras gefasst sowie von Wurzeln mit Beschlag belegt, so dass es tatsächlich oft über Stock und Stein vorwärts geht, als dass man sich spazierenderweise und mit Andacht das Welterbe ansehen könnte.
Gutschloss Wolletz
Das Gutschloss Wolletz nördlich des Grumsiner Forstes,
heute Ärztehaus der Wolletzer Reha-Fachklinik
Foto © -wn-
Die jetzt notwendigen Geldmittel für das Anfertigen und Anbringen von dringend notwendigen Hinweisschildern sollen aus einem sogenannten Mauer-Fonds kommen. Die Einladung an das interessierte Publikum, den Grumsin nach eigenem Schauen ins kulturelle Gedächtnis aufzunehmen, verbindet der Chef des Biosphärenreservates mit der Erwartung: "Wir wollen jetzt nicht, dass die Menschen dort in Massen durch den gesamten Wald springen." Im Zusammenhang mit möglichen Abweichungen von Pfad hält auch der Deutschlandfunk-Fachredakteur Theo Geers in einer Sendung nach dem Motto "Wehret den Anfängen" mit der Aufforderung nicht hinter den Berg: "Trampeln Sie bitte nicht alles platt." Ansonsten aber lässt sich frohgemut erklären: Schön, dass wir den Grumsin nun wieder haben!

Wie man zum Grumsiner Buchenwald kommt:


Von Berlin aus empfiehlt sich die Autobahn A11, Abfahrt Joachimsthal, von wo man auf der Straße K7346 durch den Grumsin Richtung Altkünkendorf fährt. Von der Straße gehen auf beiden Seiten zurzeit (2011) noch schlecht gekennzeichnete Wege in den Wald hinein. Von Altkünkendorf erreicht man den Wolletzer See, an dessen Ufer sich ein Freibad befindet. Das ehemaliger Wolletzer Gutsschloss ist heute Teil einer Fachklinik für kardiologische Rehabilitation. Gut zu erreichen ist Angermünde.
Text: -wn- / Stand: 23.03.2014

Führungen durch den Welterbe-Wald Grumsin:



Grumsin-Impressionen
Teilnehmer: mind. 5 Personen
Treff: jeden Sonntag 13:00 Uhr an der Kirche in Altkünkendorf
Dauer: Führung ca. 4 Stunden

Preise:
Erwachsene 10 €
NABU-Mitglieder 7,50 €
Kinder 12-16 Jahre 5,00 €
Kinder unter 12 Jahren frei

Individuelle Führungen
auf Anfrage




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