Barlachs Ort - Grauregensturm und Möwenflug

Der Heidberg. Ein lautloser Ort wie verwunschen. Fast drei Jahrzehnte Jahre lang lebte der deutsche Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner Ernst Barlach hier in seiner
 Barlachs Ort - Grauregensturm und Möwenflug
Foto © -wn-
"geliebten Landschaft des Grauregensturms und Möwenfluges" (Franz Fühmann), und im Winter erfreute er sich seines mit Schnee gepolsterten Winkels. Auf dem Weg zu seinem Haus und Atelier muss der von Süden kommende Besucher zunächst am Blocksberg vorbei. Man sieht ihn allerdings nicht im unmerklich ansteigenden Wald. Trotz seiner unhohen Größe beflügelte der Buckel Barlachs Phantasie: 1923 entstehen die zwanzig Holzschnitte "Walpurgisnacht" auf durchscheinendem Japanpapier. Bevor nun die Adresse Heidberg 15 (Atelierhaus, Ausstellungsforum und Graphikkabinett) am Inselsee ins Blickfeld kommt, ist noch ein Flecken mit dem zu Obacht mahnenden Namen Schabernack zu passieren. Dann ist man dort angelangt, wo Barlach ein naturnahes "Herren- und Hans-im-Glück-Leben" glaubte führen zu können. "Der See lag eisgrau, ohne Regung, die Rehe kamen hungrig bis dicht an das Haus…, aus der Linde flog die graue, flügelweitspannende Eule auf", beschreibt die Schriftstellerin Margarete Neumann in ihren beiden eingehenden Barlach-Novellen die Szenerie vor der Tür. In diesem Landstück südlich Güstrows in Mecklenburg wollen die Dörfler nachts sogar die ersten pommerschen Wölfe klagen gehört haben - so einsam nimmt sich alles aus. Das Wolfsgeheul erinnert überdies an das Untier, auf dessen gebogenem Leib Barlachs bekannter "Geistkämpfer" von 1928 mit erhobenem Schwert steht, Kämpfer zwar, aber mit keinem durch kriegerischen Gestus entstellten Gesicht (Foto). In der bronzenen Verbindung von Schönheit und Mut zeigt sich uns der Kombattant als unbeugsamer Friedens-Geist, dessen innere Kraft der Betrachter spürt - womit sich das Ethos seines Urhebers absehen lässt: Vernunft schaffen durch Menschenliebe, Hinwendung und Güte.

Das Barlach Haus


Für Barlach selbst läuft es aber anders, schrecklich das letzte halbe Lebensjahrzehnt. 68jährig stirbt er am 24. Oktober 1938 niedergebeugt nahebei im Krankenhaus in Rostock; krank das Herz,
verwundet die Seele, verzweifelt an Deutschland. DIE ZEIT schreibt 1946, im Sarg habe er gelegen "der schmächtige Kinderkörper eines Greises, der durch das Verhalten seiner Umwelt in erschreckende Einsamkeit und Lebensangst getrieben worden war, bis das flackernde Licht verlöschte". Der Tote hatte zu denjenigen deutschen Künstlern gezählt, deren "entartete" Werke von den Nazis aus Ausstellungen entfernt, verkauft oder eingeschmolzen, wahlweise - soweit brennbar - am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz einem bei strömendem Regen mit Benzingüssen am Brennen gehaltenen Stapelfeuer übergeben wurden. Gerade mal 15 Jahre lang lag sein Leichnam auf dem Gottesacker im Kindheitsort Ratzeburg, und schon fallen jenseits der Grenze wieder Dummköpfe über ihn her. Eine achtbare Ausstellung in der Ostberliner Akademie der Künste mit Werken Barlachs wird vom "Neuen Deutschland" mit den Worten verrissen: "Seine Geschöpfe sind eine graue, passive, verzweifelte, in tierischer Dumpfheit dahinvegetierende Masse ... Barlachs Werk enthält nichts Zukunftsweisendes." Bertolt Brecht (1898-1956) rettet die Ausstellung kraft seiner Autorität und weist die dümmlichen Hasser unter den Funktionären in die Schranken. In den "Barlach-Thesen" nennt er den Künstler "einen der größten Bildhauer, die wir Deutschen gehabt haben". Mutig macht er die Kulturbanausen darauf aufmerksam, dass Barlachs Plastiken nicht - wie behauptet - hässlich sind, sondern "Schönheit (ausstrahlen) ohne Beschönigung, Größe ohne Gerecktheit, Harmonie ohne Glätte, Lebenskraft ohne Brutalität". Und der Atheist Brecht bekennt, von Barlachs aus der Verbannung nach Güstrow zurückgekehrtem schwebenden Engel überwältigt zu sein: "Er hat das Gesicht der unvergesslichen Käthe Kollwitz."

Einem heutigen ästhetisch bewanderten Publikum ist der "kleine bärtige Mann mit uhrgroßen Augen" (Fühmann) als norddeutscher Klausner mit Mehrfachbegabung bekannt, der dem europäischen Expressionismus zugehört.
Die Dichterkraft in ihm ist seelenstark und visionär, bilderreich der Stil. Die Plastiken zeigen Menschen in tragischen wie lustvollen Lagen. Die Figuren bewirken tiefes Erleben, gleich ob sie kontemplativ verharren oder sich in starker, gelegentlich expressionistisch überzogener Gebärde entäußern. Weniger Aufgeklärte wissen zumindest: Barlach ist doch der, der so massige Bildhauereien mit unfröhlichen Menschen und Denkmäler mit trauernden Müttern und toten Söhnen schuf - Exponate, die in der Spaßgesellschaft keine Wirkung haben. Irrtum! Zu allen Zeiten ist der Einzelne auf der Suche nach Menschlichem für sich - zumal dann, wenn der Spaß hier und da plötzlich ein Ende hat. Die Kunst des Ernst Barlach setzt solchen begehrten innigen Zuspruch frei - wovon man sich in den Präsentationen der Güstrower Stiftung überzeugen kann. Der Mann, von dem es heißt, er bringe in seinen Kunstwerken selbst Hände zum Sprechen, hinterließ eindringliche Bildnisse so genannter einfacher Menschen. Deren innere Wirklichkeitserlebnisse wie das Freuen und Frieren, Lieben und Leiden, Verzeihen und Vergeben, wie Trauer und Reue, Not und Neid finden Ausdruck in den Minen und in charakteristischen Haltungen der Körper. Das große Glück des Heidbergs besteht in dem Umstand, dass der größte zusammenhängende Werkbestand an bildhauerischen, graphischen und schriftlichen Arbeiten, Skizzen und Entwürfen Barlachs an diesem anziehenden Kultur-Ort erhalten blieb.

Der Weg zum Barlach-Atelier-Haus
Von Berlin aus benutzt man die Autobahnen A24 und A19. Zwischen der Abfahrt Güstrow-Süd und dem Barlach-Haus am Inselsee liegen ca. neun Kilometer (B104, B103, zuletzt links in die K21 abbiegen).

Öffnungszeiten:
Das Barlach-Atelier-Haus hat vom 1. April bis 31. Oktober von 10.00 bis 17.00 Uhr und vom 1. November bis 31. März von 10.00 bis 16.00 Uhr geöffnet.
Zu denselben Zeiten ist in der Innenstadt das Barlach-Ausstellungszentrum Getruden-Kapelle am gleichnamigen Platz, ein spätgotischer Backsteinbau aus dem 15. Jahrhundert, geöffnet.
Text: -wn-


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