Im Tal der Briese – der Zauberin unter Brandenburgs Flüssen Der fortwährende Ortswechsel der Nomaden Zentralasiens wird uns Sesshaften immer befremdlich bleiben.
Im Tal der Briese
Foto © wn
Doch überraschend ist zu lesen, dass wir dennoch allesamt über nomadisches Geblüt verfügen, womit nicht auf das grassierende Mietnomadentum unserer Tage abgehoben werden soll. Hat nämlich der englische Schriftsteller Bruce Chatwin (1940-1989) in seinem Australien-Roman „Traumpfade“ Recht, besitzen wir einen evolutionär erworbenen, leider unterdrückten vagabundischen Hang zur Wanderschaft. Der Autor mahnt deshalb: Wenn ich meine Füße ruhen lasse, hört auch mein Kopf auf zu funktionieren.

Darüber ist sich eine stattliche Anzahl von Zeitgenossen erfreulicherweise schon im Klaren.
Sie lassen dieses innere Nomadentum aus seelischer Tiefe aufsteigen und wandern, um beim Durchstreifen schöner Naturen – was Chatwin verspricht - fragwürdigen Neigungen wie Habenwollen und Seinmögen entgegenzutreten. Von diesem Bemühen kann man sich zu jeder Jahreszeit im Tal des nur sechzehn Kilometer langen Havelnebenflusses Briese im Naturpark Barnim überzeugen. Familien mit Kind und Kegel sind unterwegs, so dass ein Gefühl von Einsamkeit kaum aufkommen kann. Selbst bei schlechtem Wetter ist man nicht allein. Fairerweise sei ergänzt, dass es im Sommer noch weniger einsam ist: Auch Myriaden von Mücken wissen den Standort zu schätzen. Doch ungeachtet dessen war das Tal seit dem Bau der S-Bahn nach Birkenwerder im Jahre 1925 ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner. Radfahrer lenken ihre Tretrosse nicht einfach am Fluss entlang. Ihren Weg durchs Briesetal nennen sie Genuss-Rad-Wandern. Manche Besucher kündigen sogar ihre Wiederkehr an. An der Wand eines der Wanderstrecken-Pavillons liest man die Einträge: „Wir waren hier, 13.3.95 / und jezt sind wir schon wieder hier. Melli, Nico, Sascha, Chissika 23.4.96 / bald kommen wir wieder.“ Möglicherweise wurden die Einträge – bei hoffentlich gefestigterer Orthografie - andernorts fortgeführt.

Man würde vermutlich den Briese-Bach gar nicht kennen, flösse er nicht in sehenswert
schönen Windungen durch das tief eingeschnittene mit Kiefern, Stieleichen, Birken und Schwarzerlen bestandene Tal, das aus einer eiszeitlichen Schmelzwasserrinne entstand. Die Briese, die am Wandlitzsee entspringt, durchquert schließlich Birkenwerder und mündet weiter westlich in die Havel. Der Weg bleibt in Bachnähe, verläuft aber meist am Rand des Hanges. Man lustwandelt durch stille Erlenbrüche, passiert Wiesen und tritt überraschend in Mischwälder ein. Die Vielfalt an natürlichen Formen und Eindrücken auf kleinem Raum ist beachtlich. Mehr noch: Die Briese ist eine märkische Zauberin, die dem Auge der Besucher zu schmeicheln weiß. Mal strömt sie - bei einem Meter Gefälle pro Kilometer - wie ein heftiger Gebirgsbach als sei sie eben von einem Gletscher abgetaut. Kurz darauf wird sie auf breiter Front träge und färbt sich geheimnisvoll schwarz, um bald darauf bei scheinbarem Stillstand den Anschein von Floridas Everglades zu erwecken.

Auf dem sumpfigen Boden der beiden Ufer wachsen Sträucher, Moose, Farne und krautige Pflanzen. Den mannshohen Wacholder sieht man am Hang. Seltsam gewachsene Buchen tauchen auf, von denen eine ihre beiden gleichstarken Stämme wie in religiöser Verzückung nach oben richtet. Eine andere umarmt eine nebenstehende Kiefer wie im Liebesakt. Was so erotisch daherkommt, geht auf fortwirtschaftliche Versuche zurück. Es wurden früher Buchen versuchsweise zwischen Kiefern gepflanzt. Je größer das Blätterdach der Buche wurde, um so effektiver beschattete es den Waldboden und weniger Feuchtigkeit verdunstete. Davon hat die Kiefer ihr Gutes.

Für die selbst wirkende Schönheit des Briesetales spricht, dass es von Brandenburgs
Erstem Wanderer Theodor Fontane (1819-1898) in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ aus unbekanntem Grund nicht genannt wird. Das Tal muss auf den Bonus der literarischen Erwähnung verzichten. Dabei hatte sich der Dichter in Birkenwerder, wo man ab 1840 Ziegeleien baute, aufgehalten, um in den „Wanderungen“ die „gelben Birkenwerderschen“ Ziegelsteine in höchsten Tönen zu loben, indem er „die Sorglichkeit, die Kunst, mit der sie hergestellt werden“, herausstellt. Man kann heute nur mutmaßen, warum er das nahe Briesetal mied oder keiner Beschreibung für würdig erachtete. Sollte das Undenkbare wahr sein: Fontane hatte den Nomaden in sich noch gar nicht entdeckt?

Wege ins Briesetal: Vom S-Bahnhof Borgsdorf (S 1) geht man am Landgasthaus Borgsdorf vorbei. Am Ortsausgang weist ein Hinweisschild den Weg ins Briesetal. Mit dem Auto gelangt man über die B96A bis Birkenwerder, biegt rechts in die Straße Unter den Ulmen ab und gelangt zum Parkplatz in der kleinen Briese-Kolonie. In Zühlsdorf (NE 27) beginnt der Wanderweg durchs Briesetal an der Tischlerei, der einstigen Wassermühle.

Text: -wn-




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