Wittenberg: Das Cranach-Haus - Es scheute der Hund, es irrte die Elster

Oberfranken am Beginn des 16. Jahrhunderts. In Coburg dekoriert ein Kunstmaler die Wand eines herzoglichen Gemachs mit Szenen aus der Welt der Jagd.
Cranach-Haus Wittenberg
Westseite des Wittenberger Marktes; im Hintergrund die Stadt-
und Pfarrkirche St. Marien, das älteste Gebäude der Stadt
Foto © -wn-
Zu sehen ist bereits ein kapitaler Hirsch, ein Zwanzig-Ender. Er hütet seinen Harem auf der Lichtung, die Schmaltier-Damen äugen mit Gleichmut vor sich hin. Plötzlich Bewegung vor dem Bild: Ein Hund läuft heran. Zappelig beginnt der Spitz das jagdliche Fresko zu verbellen. Ganz klar: das Tier anerkennt die malerische Leistung des Künstlers, vor allem seine für die damalige Zeit neue naturalistische Manier. Der Hund kann nicht anders, als den Hirsch für lebensecht zu halten - das umso mehr als der Angebellte für den Kläffer aufreizend gelassen bleibt. Übrigens auch der Maler bleibt die Ruhe selbst - er arbeitet konzentriert und zügig weiter, wie ein Workaholic, dem das Ringsum absolut nachrangig ist. Der da auf der Leiter steht, ist einer der bedeutendsten deutschen Renaissance-Maler, Lucas Cranach der Ältere (um 1475-1553). Er weiß um die Wirkung mancher seiner Malereien auf die tierische Psyche. Berichtet wird auch von einem in den Wittenberger Wäldern erlegten Keiler, den der Künstler "so kunstreich (wie Du es thun pflegst) dargestellt" hat, "sodaß ein Jagdhund bei dessen Anblick alle Haare sträubte, anfangs ein ungeheureres Gebell erhob, bald aber sein Heil in der Flucht suchte". An diese weitere Irritation eines Vierbeiners erinnert der Wittenberger Rechts-Professor Christoph Scheurl (1481-1542) am 1. Oktober 1509 in einem launigen Brief an den Freund Cranach.
Schließlich kommt er noch auf eine Elster zu sprechen, die auf einen Tisch gemalte Weintrauben für echt hielt und "unwillig über die Täuschung, mit Schnabel und Klauen das neue Werk zerhackte".

Der Maler, dessen Wappen eine kleine schwarz gekrönte Schlange, manchmal ein geflügelter Drachen war, lebte 46 Jahre lang in Wittenberg und war dort sogar von 1537 bis 1544 Erster Mann der Stadt. Briefschreiber Christoph Scheurl will durchaus nicht nur an Episoden aus Cranachs buntem Maler- und Bürgermeisterleben erinnern, sondern spielt an auf dessen naturalistische Akkuratesse und Liebe zum Detail. Denn Cranachs Werk fasziniert seit fast einem Halbjahrtausend Millionen Menschen gerade wegen dieser Lebensnähe. Wie Bachs Passionsmusik sind auch die religiösen Cranach-Bilder Darstellungen prallen irdischen Menschenlebens und eine Abkehr von mittelalterlicher Verklärung und Überhöhung. Mit Cranach verschwinden die liebreizend-makellosen Madonnengesichter der Jungfrau und Jesusmutter Maria.
Cranach-Haus an der Südseite des Wittenberger Marktes
Das Cranach-Haus an der Südseite des Wittenberger Marktes
Foto © -wn-
Auf seinem Doppelgemälde von 1515 sind Mutter und Sohn als Menschen dargestellt, die unter uns leben könnten. Sie eine alleinerziehende Mutter, in deren Gesicht sich Anmut und jener Glaube mischen, den sie in Bachs Magnificat aufbringt, indem sie ankündigt, dass die "Mächtigen, Reichen und Hochmütigen (einmal) von ihren Thronen stürzen" werden; Jesus erscheint mit der entschlossenen Geste eines Menschen, der im Leben noch einiges vorhat, und die auch ahnen lässt, dass dieser schöne Männerkopf einmal ein "Haupt voll Blut und Wunden" genannt werden wird. Auch ein Porträt Cranachs des Älteren aus der Werkstatt des Nürnberger Malers Albrecht Dürer von 1524 ist in ähnlicher Manier gemalt. Der Betrachter schaut in ein Gesicht mit energisch, ja wild blickenden dunklen Augen, die Frisur gescheitelt und ohrenbedeckend, auf der Stirn endet sie mit einem gezausten Pony; sichtbar ungetrimmt der volle Bart. Dieser Mann kauft 1512 in Wittenberg u.a. das Haus Markt 4, in dem auch sein Sohn Lucas Cranach der Jüngere (1515-1586), ebenfalls Maler und Drucker, geboren wird. Martin Luther (1483-1546) schaut heute von seinem Denkmal am Rathaus herüber auf das Haus des Freundes, der mit seinem Sinn fürs Wirkliche die reformatorische Idee beförderte. Die enge Verbundenheit mit Geschichte sieht man dem unlängst restaurierten Haus mit seinen sparsamen Rokoko-Fassadenelementen an der Südfront des Wittenberger Marktes kaum an. So wie die Stadt der Ausgangspunkt der weltweiten Reformation war, ist die Cranachsche Werkstatt im Haus Markt 4 - Malen und Drucken en gros - die kreativste und bekannteste ihrer Zeit.

Dieses vom Lucas Cranach dem Jüngeren (1515-1586) weitergeführte "Doppelstudio" haben mehr als 5000 Gemälde verlassen. Einen außergewöhnlichen Service boten die Inhaber ihren Porträt-Auftraggebern an - unter ihnen der Sächsische Herzog Georg der Bärtige (1471-1539), dessen weißer Rauschebart Härchen für Härchen ins Bild gesetzt wird, der katholische (!) Kurfürst Friedrich der Weise (1463-1525), der Luther nach dem Wormser Reichstag auf der Wartburg sicher unterbringt, sowie Johann Friedrich I. der Großmütige von Sachsen (1503-1554), dem der alte Cranach am Ende des Schmalkaldischen Religions-Krieg am 19. Mai 1547 sogar in die Gefangenschaft folgt. Der Kundendienst für diesen Personenkreis bestand bei Neuaufträgen in der Herstellung und Lieferung von stets altersstimmigen Darstellungen. Die seit dem letzten Porträt eingetretene Alterung der Kunden wurde in archivierte Bildvorlagen eingearbeitet - Bärte verlängert, Bäuche geweitet, Haare geweißt. In anderen Fällen lieferten auswärtige Maler auf Tücher gemalte Porträtentwürfe lokaler Potentaten, so dass die Mal-Mannschaft des Hauses daraus ein "aktuelles" Gemälde anfertigte - so als hätte der Porträtierte selbst im Atelier Modell gesessen. Auch die zahlreichen Porträts von Martin Luther gehen auf jeweils aktualisierte Vorlagen zurück. Da Luther am 18. Februar 1546 in Eisleben starb und Cranach die Leiche nach ihrem Eintreffen vier Tage später in Wittenberg nicht mehr malen konnte, griff er auf ein Porträt des Verstorbenen zurück, das sein Schüler Lucas Fortennagel aus Halle am Tage nach Luthers Tod noch in Eisleben angefertigt hatte.

Die Cranach-Werkstatt - Erster Druckort des Neuen Testaments der Bibel


Auch zahlreiche der über Deutschland verstreuten Altarwerke der Wittenberger Werkstatt wurden nach kleinmaßstäblichen Entwurfszeichnungen gemalt und nach einem bis dato unbekannten Baukastensystem in die Opfertische eingefügt. Der ehemalige Direktor der Weimarer Fürstlichen freien Zeichenschule Johann Christian Schuchardt erklärt in seiner Cranach-Biografie (Brockhaus Leipzig 1851) dessen ungebundene Produktivität damit, "daß ihn nur sein natürliches Gefühl geleitet (hat), daß er sich keiner anderen Regel bewußt war, als den Gegenstand durch Handlung, Zeichnung, Motive und Farbe so deutlich und erschöpfend wie möglich darzustellen".
Es habe dem Mann mit einer minimalen Philosophie, jedoch einer präzisen Intuition "nichts als ein gebildeter Geschmack gefehlt, das Bewusstsein dessen, was ihm oft ein künstlerisches eingeborenes Gefühl gelingen ließ". Geschichtlicher Odem durchzieht heute die Werkstatt auch, weil hier die Erstausgabe von Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes - das sog. Septembertestament - gedruckt wurde. Dabei gehen die Hilfe und Gefälligkeit Cranachs für seinen Weggenossen Luther weit über die eines Druck-Auftragnehmers hinaus. Als der Reformator dabei war, in der Johannes-Offenbarung die Grundsteine der Jerusalemer Stadtmauer mit deutschen Begriffen zu beschreiben, "so hat Lucas Cranach ihm dergleichen Steine, um davon einen Augenschein zu nehmen verschaffet", heißt es 1761 in einer Schrift des Grund-Verlages Hamburg und Leipzig. So konnte Luther den Amethyst, den Saphir, den Smaragd, den Topas und weitere sechs Edelsteine auseinanderhalten. Sinnlich-derbe, noch heute gebräuchliche Fachbegriffe bilden sich damals im Druckereiwesen heraus: das Hurenkind für die einsame erste Zeile des neuen Absatzes am Ende des vorausgegangenen, die Leiche für fehlende Wörter im Text sowie die Jungfer für einen Schriftsatz ohne Fehler.

Beim Rundgang durch die Dauerausstellung im Haus Markt 4 mit ihrer original nachgebauten Druckerpresse, allerlei Druckerutensilien sowie beim Betrachten der Wechselausstellungen
Cranach-Höfe  Wittenberg
Blick in einen der benachbarten Cranach-Höfe mit
Werkstattläden und Lokalen / Foto © -wn-
in der ersten Etage tut sich die leidenschaftserfüllte Welt des Lucas Cranach auf. Natürlich blieb es nicht aus, dass die Meinungen über seine Werke auch auseinander gingen. In den Reisebildern schreibt Heinrich Heine 1785, in der Goslars Stephanskirche seien "einige schlechte Gemälde (aufgestellt), worunter auch ein Lucas Cranach sein soll". Er spielt auf die unbestrittenen Qualitätsschwankungen in den Kreationen der Werkstatt an. Anders Goethe über seinen Urgroßvater 7. Grades! Im Juni 1803 depeschiert er seiner Noch-nicht-Ehefrau Christiane in überschwänglichem Ton: "(Am) Montag, 20., waren wir wieder in Merseburg und haben in der Kirche und auf dem Schlosse sehr schöne Sachen von Lucas Cranach (gesehen), welche Du, wenn Du herkömmst, sehen mußt."

Zahlreiche Anekdoten runden das Bild dieses weltoffenen und spontanen Mannes ab. Noch einmal Christoph Scheurl: "Gleich beim Eintritt ins (niederländische) Gasthaus hast Du mit einer vom Kohlbecken genommenen und gelöschten Kohle das Bildnis Sr. Majestät des Kaisers Maximilian auf die Wand so gezeichnet, daß es von Allen erkannt und bewundert wurde." (Majestät hatte einen ziemlichen "Zinken") Und auf den Punkt bringt es der Wittenberger Pfarrer Georg Mylius in seiner Leichen-Predigt von 1586 für den verstorbenen Cranach-Sohn, als er noch einmal den 33 Jahre zuvor verstorbenen Vater und dessen Malweise würdigt. Er sei mit einer "hurtigen Behendigkeit (zu Werke gegangen), dass ehe ein anderer seine Pensel und farben zusammen gesuchet und sich bedacht hat, was er malen wölle: Hie (bei Cranach) das werk schon vollendet (war), und gantz vor augen gestanden ist".
Mehr Informationen über die Lutherstadt Wittenberg: Das Rom der Protestanten und Luthers Aushang an der Wittenberger Kirchentür.

Wie man nach Lutherstadt Wittenberg kommt:
Die Stadt nahe der Grenze zum brandenburgischen Landkreis Teltow-Fläming liegt an der Autobahn A9. Von der Abfahrt Coswig bis in die Innenstadt sind es 18 Kilometer. Direkt durch die Stadt führt die älteste deutsche Bundesstraße B2, die Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Bayern verbindet.
Alle weiteren Informationen über www.cranach-stiftung.de.
Text: -wn-

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