Das Fallada-Haus in Carwitz – „Ruhe, jetzt wird gearbeitet!“

Schriftsteller neigen dem Einsamen zu. Mit diesem Anspruch zog sich der italienische Dichter Francesco Petrarca (1304-1374) auf einen Hof ins provenzalische Vaucluse zurück.
Fallada-Haus in Carwitz - Ausflugstipp für Berliner
Das Fallada-Haus in Carwitz
Foto © wn
Inspiriert von der Ruhe und klimatischen Sanftheit des entlegenen Tales schrieb er das berühmte Canzoniere, 366 Sonette auf die Dame Laura de Sade aus Avignon. Puritanisch und vom Weiblichen unangefochten lebte der amerikanische Autor Henry David Thoreau (1817-1862) in einer selbst gezimmerten Kleinstblockhütte am heute nach ihm benannten See bei Concord (Massachusetts). In seinem Buch „Walden“ warb er für ein Leben im Einklang mit der Natur. Beide beendeten jedoch die Eremitage nach gewisser Zeit.

Im Fallada-Haus


Auch der Erzähler Hans Fallada (1893-1947) blieb nicht auf Dauer am Ort seiner inneren
Emigration. Nach wechselvollem, von Sucht und körperlichen Zusammenbrüchen beschwertem Vorleben hatte er 1933 geglaubt, in Carwitz nahe Feldberg „einen der schönsten, stillsten Erdenflecke“ gefunden zu haben. Als Schriftsteller einer „Neuen Sachlichkeit“ zugerechnet und von den Nazis beargwöhnt, später diskriminiert, suchte er in Carwitz Ruhe. Möglich geworden war der Rückzug ins Ländliche erst nach dem finanziell einträglichen Welterfolg "Kleiner Mann - was nun?". Es ist die Geschichte des unpolitischen Buchhalters Pinneberg in der Depressionszeit um 1930.

Das mit den endlich reichlich fließenden Honoraren bezahlte und aufwendig umgebaute Haus findet man auf einem Werder, der in den Carwitzer See hineinragt. Wer das als Museum gestaltete Wohnhaus besucht und sich zuvor draußen umsieht, versteht die Aufbruchsstimmung Falladas. Das Dorf liegt inmitten dunkelgrüner Wälder und zwischen vier malerischen Seen. Eine Steigerung des Entlegenseins ist kaum möglich. In diesem Milieu aus Schreibtisch, Kuhstall, Bienenhaus, Kartoffelfeld und Frühbeet sollten der Muse kräftige Flügel wachsen. Und in der Tat waren die elf Werder-Jahre zusammen mit seiner Frau Anna (Suse), den Kindern Uli, Lore (Mücke) und Achim produktiv und zunächst glücklich, soweit Letzteres mit dem Sanguiniker Fallada möglich war. Unter anderem entstanden „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, „Wolf unter Wölfen“ und die „Geschichten aus der Murkelei“, die heute noch Kinderherzen erreichen, sowie Werke geringeren Anspruchs.

In seinem Text „Bei uns zu Haus“ beschreibt er ein wachsendes disharmonisches Verhältnis zwischen Dichter und Bauer. Beim Einfangen des ausgeschwärmten Bienenvolkes sinniert er: „Sitzen sollte ich und Roman schreiben, der mir viel schönes Geld bringen wird, und hier steige ich für einen Bienenschwarm im Werte von zehn Mark in die Luft und gefährde dabei Glieder und Leben!“ Jegliche Tätigkeit und Bewegung im Haus waren nach der Maßgabe „Ruhe, jetzt wird gearbeitet!“ dem Manuskriptabfassen unterworfen. Falladas Anordnungen atmen den strikten Geist des Sabbatgebots im 5. Buch Mose: Geschirrspülen ohne Gesang, auf der Treppe nur in Strümpfen, Spielverbot für die Kinder im Vorderhof, Schaukeln, aber ohne Geschrei, alle Türen im Haus geölt. Selbst für den Hofhund („Bettina kläffte unerträglich giftig!“) gab es klare Ansagen. Er habe jeden Fremden „kurz und sachlich“ zu melden, „und dann hat er seine Schnauze zu halten“.

Das Ende der Carwitzer Zeit hätte nicht tragischer sein können. Ein längeres Liebesverhältnis Hans Falladas zur Hausangestellten Anneliese führte 1943 dazu,
dass die langmütig gewesene Ehefrau Anna ihn und das Mädchen vor die Tür setzte. Als er im Jahr darauf restliche Sachen abholen wollte, deutete er ein Lächeln Annas als Geste des Spotts, geriet in Rage – und schoss mit einem Gewehr in ihre Richtung, ohne sie zu verletzen. Im Strelitzer Gefängnis saß er eine über dreimonatige Haftstrafe ab. Es ist der letzte bestürzende Tiefpunkt im Leben des Erzählers, der Anteil nehmend Milieu und Alltag der kleinen Leute beschrieben hatte und deshalb zu Recht heute nicht vergessen ist. In der Haft brachte er den fünfzig Jahre später kongenial verfilmten Roman „Der Trinker“ zu Papier.

Nach einer 2001 beendeten Sanierung des Falladahauses steht nun ein neu gestaltetes Museum und authentischer Literaturort für Interessierte offen. Sechs Räume sind zu besichtigen, darunter das erhaltene Arbeitszimmer Hans Falladas, das Esszimmer sowie original nachgestaltete Räume einschließlich Veranda und Küche.

Das Fallada-Haus ist außer montags geöffnet: April bis Oktober von 10 bis 17 Uhr, November bis März von 14 bis 16 Uhr. Die Hans-Fallada-Tage 2008 mit Lesungen, Konzerten, Ausstellungen für Kinder und Erwachsene finden vom 18. bis 20. 07. in Carwitz statt. Text: -wn-

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