Dichter und Lenker - Lessing und Friedrich II. - Lessings Museum in Kamenz

Das sächsische Städtchen Kamenz im Westlausitzer Hügelland mag den Eindruck erwecken,
Lessing-Museum in Kamenz
Das Lessing-Museum am Kamenzer Lessingplatz
Foto © wn
als läge es in tiefer Provinz; und so ist es geografisch tatsächlich auch platziert - zwanzig Kilometer südlich der brandenburgischen Grenze. Nichtsdestoweniger kann die Kommune darauf verweisen, einen Menschen mit (im nahen Meißen) erworbener und fulminant ausgelebter Schreibneigung auf die Lebensbahn durch dieses von Aufklärung und beginnender Moderne geprägte 18. Jahrhundert geschickt zu haben. Als was hat sich dieser junge Kamenzer, der nur wenig älter als fünfzig Jahre alt wird, nicht alles betätigt. Der frühere Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens (geb. 1923) zählt in seinem brillanten Essay "Feldzüge eines Redners" auf, was Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) nicht alles war: "Antiquar und Philologe, Kritiker und Pamphletist; Sammler und Dramenschreiber; Theologe,
Lyriker und Bibliothekar - zuerst war er Redner; ein Komödiant auf der Rostra (ein Bezug auf die Rednertribüne im alten Rom) und ein Prediger auf den Brettern der Welt". Wer in der Kamenzer Innenstadt auf dem Weg zum Lessingplatz ist, wo man im Lessing-Museum Lessings Leben mit all seiner menschenfreundlichen Tatenlust nahe kommen kann, dem schwindet das Gefühl des Provinziellen schnell. Man fühlt sich wie der Kanzler Helmut Kohl (geb. 1930) damals in der Wendezeit, als der plötzlich zu spüren glaubt, das ihn der Mantel der Geschichte energisch streift - ja, und mehr noch heute in Kamenz: Es wird einem dieser Mantel nachgerade freundlich umgetan.

Im Lessing-Museum


Günstig sind freilich Ernstkontakte mit diesem mythischen Paletot. So gelingt es eingangs rein sachlich zu unterscheiden das hiesige Lausitzer Kamenz
Lessing-Büste
Museumsvorplatz mit einer Lessing-Büste
Foto © wn
und das weiter östlich gelegene ehemalige Kamenz, das heutige Kamieniec Ząbkowicki in der polnischen Woiwodschaft Niederschlesien. Dieser Flecken geht in die preußische Geschichte ein als einer der Orte, an denen der Staatslenker Friedrich II. (1712-1786) mit dem Leben gerade noch davon kam oder wo ihm zumindest eine schmachvolle Gefangenschaft erspart blieb. Denn das trug sich zu im Mai 1745 im Zisterzienser-Kloster Kamenz wenige Wochen vor der für den 33jährigen König siegreichen Schlacht des Zweiten Schlesischen Krieges bei Hohenfriedberg, nach der ein bekannter Marsch benannt ist - der robuste und von hurtigen Trompetenstößen ausgefüllte Hohenfriedberger. Friedrich hatte bei ruhiger Lage im Kloster Quartier genommen, dessen Abt Tobias Stusche (1695-1757) ihn vor einer Inhaftnahme durch plötzlich auftauchende kroatische Soldaten der österreichischen Armee bewahrte. Wie Klosterbruder Gregor Frömrich später aufschreibt, sind die Mönche "an einem Abend plötzlich zu einer ungewöhnlichen Stunde durch die Glocke … ins Chor geruffen worden; der Abt erschien mit einem Fremden, beyde in Chorkleidern, es wurden Komplet und Mette gehalten (Gebete sowie Gesänge zur Nacht und zum Morgen), was sonst nie war". Kaum habe der Gesang begonnen, sei großer Lärm im Klosterhof gewesen, und es wäre der Ruf "Gdje je kralj Frederick?" (Wo ist König Friedrich?) laut geworden. Und schon seien die Landser in die Kirche eingedrungen, wagten zum Glück nicht, den Gottesdienst zu stören. Und der züchtig weiß gekleidete Friedrich tat im Mönchschor hinter dem Hochaltar der Klosterkirche das, was er bis dahin noch nie getan hatte und seitdem auch nie wieder tat: hingegeben singen und beten. Friedrich, der bekennende Atheist, wird später seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm II. (1744-1797) in die "Morgenstudien" hineinschreiben: "…nichts tyrannisiert den Geist und das Herz so sehr, wie die Religion". Bekannt auch sein Wahlspruch: Post mortem nihil est -
Lessing-Büste von Hermann Knaur
Die 1863 in Kamenz aufgestellte Lessing-Büste
des Bildhauers Hermann Knaur
Foto © wn
Nach dem Tod ist nichts. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, zu seinem Retter Tobias Stusche einen lebenslangen Kontakt zu unterhalten.

Vor Eintritt ins Kamenzer Museum passiert der Besucher eine vor 150 Jahren aufgestellte Lessing-Büste. Eine "Festordnung bei der Enthüllung und Einweihung der Lessingbüste zu Kamenz, Montag, den 1. Juni 1863" lässt erkennen, dass dabei mit nichts gespart wurde. Sonntagabend gibt es "Emilia Galotti" im Stadttheater mit einleitendem Prolog. Am Montag, 10.00 Uhr beginnt ein Festumzug der Kamenzer Bürger. Dem Glockengeläut schließen sich Festgesänge und Festvorträge an. Auch fürs Auge ist etwas dabei: Ehrenjungfrauen legen Kränze an der Büste nieder, die zuvor Bürgermeister Eichel enthüllt hat. Um zwei Uhr nachmittags gibt es für alle etwas zu essen. So blickt man heute auf die bronzene Büste des Leipziger Bildhauers Hermann Knaur (1811-1872). Ein Granitsockel trägt sie, und man wundert sich über den majestätischen Gleichmut, der von diesem Gesicht ausgeht. Später Barock die Haarmode, das Stirnhaar etwas hoch toupiert und das seitliche in Rollen gelegt. Das gerüschte leinerne Jabot ist ein übliches modisches Accessoire. Ist das nun tatsächlich der Mann, dem sein Meißner Schulinspektor einen gewissen "Hang zur Respektlosigkeit" attestiert? Der auch feststellt, er sei "ein guter Knabe (gewesen), aber etwas moquant", es habe ihn ferner eine "keineswegs rauhe, obwohl ziemlich feurige Gemütsart" ausgezeichnet. In den überlieferten Bildern des Dichters deutet sich das energische Gemüt an. Carl von Ossietzky (1889-1938) schrieb im Januar 1929 in der Weltbühne: "… aus dem Gesicht des Mannes, diesem hellhäutigen, knollennasigen, runden, festen, hoffnungslos unklassischen Gesicht, das kein Dreispitz und kein wirr auf die Schulter fallendes Struwelhaar seiner Prosa berauben kann, spricht noch immer die unbestechliche Redlichkeit und das stolze Herz". Man würde es - wohlbemerkt heute - durchaus nicht als überraschend empfinden, säße Gotthold Ephraim ganzkörperlich lässig auf dem Granitsockel. Diese Haltung entspräche dem Bronzedenkmal des Freiberger Bildhauers Prof. Bernd Göbel (geb. 1942), dessen 18jähriger Johann Sebastian Bach (1685-1750) sich seit 1985 auf dem Arnstädter Markt mit ausgestreckten Beinen auf einen Meilenstein hinfläzt. Diese Darstellung unterscheidet sich sehr von dem weltbekannten Bach-Gemälde (mit Kanon-Notenblatt) des Geraer Malers Elias Gottlob Haußmann (1695-1774) aus dem Jahre 1746. Sowohl Bach als auch Lessing fehlte es nicht an einem starken Bewusstsein von sich selbst, wovon das Gedicht "Ich" des 23jährigen Lessing Auskunft gibt.
Am 11. Oktober 1752 bringt er zu Papier:
"Die Ehre hat mich nie gesucht;
Sie hätte mich auch nie gefunden.
Wählt man, in zugezählten Stunden,
Ein prächtig Feierkleid zur Flucht?

Auch Schätze hab ich nie begehrt.
Was hilft es sie auf kurzen Wegen
Für Diebe mehr als sich zu hegen,
Wo man das wenigste verzehrt?

Wie lange währt's, so bin ich hin,
Und einer Nachwelt untern Füßen?
Was braucht sie wen sie tritt zu wissen?
Weiß ich nur, wer ich bin."


Friedrich II. und der 17 Jahre jüngere Gotthold Ephraim Lessing sahen sich nie, aber der König wusste von ihm. Das Kamenzer Museum gibt einigen Aufschluss darüber, welche Beziehung zwischen dem König und dem Dichter bestanden.
Bronzedenkmal für  Johann Sebastian Bach von Prof. Bernd Göbel
Das 1985 aufgestellte Bronzedenkmal des
"hingefläzten" 18jährigen Johann Sebastian Bach
aus der Werkstatt des Bildhauers Prof. Bernd Göbel
Foto © wn
Ein persönlicher Kontakt beider findet auf dem Papier statt. Im Periodikum "Neues Deutsches Museum" veröffentlichte 1790 ein Anonymus den Text "Friedrich der Zweite und Lessing; ein Todtengespräch", in dessen Verlauf der Monarch dem Dichter die Achtung nicht versagt und sogar selbstkritische Anflüge erkennen lässt. Er möchte wissen, warum Lessing ihn nie um eine Audienz ersucht habe, "um mich zu überzeugen, dass ich unrecht hatte, kein deutsch zu lesen. Du allein scheinest mich vielmehr gemieden zu haben". Lessing weicht aus, und Friedrich legt nach: "Man sagt mir, du habest die französische Litteratur verachtet; ist das möglich?" Lessing entgegnet: "Ich habe sie vielleicht fleißiger studirt, wie irgend ein andrer, Kenner werden Spuren davon in allen meinen werken finden." Nun muß Friedrich passen; er kennt Lessings Werke offensichtlich kaum. Er versucht es noch einmal: "Du hast vermutlich ihre guten Muster nachgeahmt." Lessing: "Nicht nachgeahmt, aber sehr viel von ihnen gelernt; selbst im Gebrauch der Sprache. Wenn es der unsrigen an kurzen, an lebhaften Wendungen fehlte, wenn die französische mir sie darbot, und wenn sie sich der deutschen so anschmiegten, daß sie nicht leicht für Fremdlinge erkannt wurden, so nahm ich sie auf."

Unklar bleibt, warum der Autor des fiktiven Gespräches die Variante Lessing-light wählte.
Denn in Wirklichkeit trat er energischer und nachhaltiger auf. "Was kein Schriftsteller vor ihm erreichte, ist Lessing gelungen: der Versuch, die rhetorische Diktion dem Gesetz der Natürlichkeit unterzuordnen und dem metaphorischen Stil Anmut und lebenswahre Spontanität zu verleihen", schreibt Walter Jens. Lessing habe allen seinen großen Bühnen-Charakteren wie Minna von Barnhelm und dem Tellheim, der Kammerzofe Franziska, Odoardo Galotti und besonders Nathan dem Weisen aufgetragen, "mit dem treffendsten zugleich das schönste Wort zu sagen (und) im Akt Lessingschen Lautdenkens die schlagendste Vokabel zu finden". Zu den großen, immer noch aktuellen Ideen, die aus seinem Werk sprechen, zählt die Toleranz der Religionen untereinander, deren Anhänger bemüht sein sollen, "die geheime Kraft des Rings vor Gott / Und Menschen angenehm zu machen", wie der weise Jude Nathan in der Ringparabel erzählt. Überraschenderweise ist Friedrich in dieser Frage mit Lessing, scheint es, d'accor. Schon am Beginn seiner Regierungszeit schreibt er in einer Randverfügung zum "Immedat-Bericht des Geistlichen Departements" seinen bekannten Spruch: "Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal nuhr das auge darauf haben, das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden!" Mit den preußischen Protestanten legt er sich sowieso nicht an. Die Katholiken hofiert er, weil viele Menschen dieses Glaubens im (bald) annektierten Schlesien wohnen. Juden braucht er aus wirtschaftlichen Gründen. Den jüdischen Bankier und Münzpächter Nathan Veitel Heine (Chaim) Ephraim (1703-1775) etwa benutzt er für strafwürdige Geldgeschäfte zur Finanzierung der Kriege. 1775 kommen sogar Migrationshintergründe ins Spiel: Im Edikt über die Ansiedlung muslimischer Tataren in Westpreußen diktiert er am 22. Juli: "Ihr werdet demnach Euch alle ersinnlich Mühe geben, gemeinschaftlich (…) zu bewürcken, wie diese Leute zu gewinnen und in's Land gezogen werden können. Ich will ihnen gerne erlauben, Moscheen zu bauen und sollen sie allen Schutz geniessen." Nur - Lessing und Nathan argumentieren aus dem Blickwinkel einer, so hoffen sie, fortschreitenden Humanität. Lessing verfolgt seine menschengefälligen Ziele mit Enthusiasmus und Uneigennützigkeit. Friedrich taktiert aus politischem Grund - und das gibt er sogar noch zu.

Lessings Leben


In Lessings Leben hat er einmal Schicksal gespielt. Als 1765 in Berlin der Direktor der Königlichen Bibliothek Gaultier de la Croze stirbt, empfiehlt der Militärschriftsteller Karl Theophil Guichard (1724-1775), der das Ohr des Königs hat, den von ihm geschätzten Lessing auf den vakanten Posten zu setzen. Friedrich lehnt brüsk ab; er erinnert sich eines bedeutungsarmen Konfliktes.
Sakralmuseums St. Annen
Das Gebäude der Kamenz-Information
und des Sakralmuseums St. Annen
Foto © wn
1751 war es zu einem unseligen Streit zwischen Lessing und dem ihm befreundeten François Marie Arouet Voltaire (1694-1778) gekommen, der ab 1749 vier Jahre lang in Potsdam lebt. Lessing hatte Voltairs Werk "Siècle de Louis XIV" ("Die Zeiten Ludwigs XIV.") Bekannten gezeigt, bevor es dem König vorgestellt werden konnte. So führt der Lebensweg des abgewiesenen Lessing nach Hamburg, später nach Wolfenbüttel. Die Berufung des hochtalentierten Dichters auf den Berliner Posten hätte möglicherweise auch zu einem besseren Verhältnis des Königs zur deutschen Literatur geführt. Es liegt der Gedanke nahe, dass Friedrichs mangelhafte Deutschkenntnisse diesen daran hinderten, den Wert der literarischen Aktivität Lessings und anderer Autoren zu erkennen. Schade, denn "die Poesie der damaligen Zeit (vor Lessing) war erlogen, ihre Anschauung dem Altertum entnommen, nicht einmal aus reiner Quelle, sondern durch Gallische Vermittelung. Mitten unter diese Surrogate der Poesie warfen (Johann Wilhelm Ludwig) Gleim und Lessing das Erlebnis des Tages hinein, Taten, die alle sahen, einen Enthusiasmus, den alle fühlten, und Zustände, die jeder mit seinen eigenen vergleichen konnte. So bekam plötzlich die Literatur eine frische und natürliche Farbe, ein individuelles dichterisches Gepräge", schrieb der Schriftsteller Karl Gutzkow (1811-1878). Eigentlich hatte Gotthold Ephraim Lessing sein Leben lang nicht viel anderes gemacht, als das, was er in jungen Jahren seiner Schwester Dorothea einmal geraten hatte: "Schreibe wie Du redest, so schreibst Du schön."

Die Öffnungszeiten vom Lessing-Museum in Kamenz:


Dienstag bis Freitag 9-17 Uhr
Samstag, Sonntag und feiertags 13-17 Uhr Montag geschlossen

Anschrift / Kontakt :
Lessing-Museum Kamenz
Lessingplatz 1-3
01917 Kamenz
Telefon: 03578/379111
Fax: 03578/379119
Email: kontakt@lessingmuseum.de

Anfahrt zum Lessing-Museum in Kamenz


Mit dem Auto benutzt man von Berlin aus die Autobahn A13 bis zur Abfahrt Ruhland. Dort biegt man in die Straße L56, später in die Straße S93 Richtung Kamenz ein. In der Stadt befindet sich die einzige aus Granit gebaute spätgotische Hallenkirche nördlich der Alpen. Das Lessing-Museum wurde in das Blaubuch der Bundesregierung als ein "Kultureller Gedächtnisort mit besonderer nationaler Bedeutung" aufgenommen.


Lessing-Museum Kamenz auf einer größeren Karte anzeigen

Über Veranstaltungen des Museums informiert die Internetseite www.lessingmuseum.de.
Text: -wn-

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