Der Nationalpark Unteres Odertal: Ein Hauch von Paradies

Der Entdecker des angeblich in uns allen wirkenden Weltgeistes, der idealistische Philosoph
Nationalpark Unteres Odertal
Mittleres Hochwasser an der Oder
Foto © -wn-
und Berliner Universitätsprofessor Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) war sich trotz seiner hochgesteckten Gedankenkonstruktionen nicht dafür zu schade, auch in die geografischen Niederungen der Welt hinabzusteigen - um zu bemerkenswerten Schlüssen über das verbindende Aneinandergrenzen von Städten, Ländern und Flüssen zu kommen. Zwar waren Hegel landschaftliche Schönheiten ziemlich schnuppe, aber in seiner Vorlesung "Geographische Grundlage der Weltgeschichte" vom Winter 1822/23 widerspricht der weltbekannte Gelehrte der damals geltenden These, "dass die Staaten notwendig durch Naturelemente getrennt sein müssten; dagegen (argumentiert er) ist wesentlich zu sagen, dass nichts so sehr vereinigt als das Wasser, denn die Länder sind nichts als Gebiete von Strömen".
Als Beweise führt er an, dass "Schlesien das (obere) Odertal, Böhmen und Sachsen das Elbtal, Ägypten das Niltal" seien. Recht hat er, schaut man heute auch auf das untere Tal der Oder, an deren Ufern die südöstliche Uckermark auf die Wojewodschaft Westpommern (województwo zachodniopomorskie) trifft. Denn die Oder schließt auf dieser Höhe den Nationalpark "Unteres Odertal" mit dem polnischen Landschaftspark Krajobrazowy Dolina Dolnej Odry zu einer Einheit zusammen. Ein Doppelpark entstand, in dem ein durchfließendes Wasser keine Grenze ist. Diesseits der Oder befindet sich Deutschlands erster Auen-Nationalpark mit eher sanften, vielerorts bewaldeten Hängen und blühendem Trockenrasen. Im Gedicht "Meine Gräber", in dem Theodor Fontane (1819-1898) liebevoll an die im Brandenburgischen
verstreuten Ruhestätten seiner Vorfahren erinnert, heißt es über das Vatergrab in Schiffmühle nördlich von Bad Freienwalde: "Und ein andrer Platz, dem verbunden ich bin: / Berglehnen, die Oder fließt dran hin, / zieht vorüber in trägem Lauf, / gelbe Mummeln (Teichrosen) schwimmen darauf."

Der deutsch-polnische Park ist 60 Kilometern lang, wobei der Bad Freienwalder Stadtteil Hohensaaten und das Vorfeld der Hafenstadt Szczecin der südlichste bzw. nördlichste Punkt ist. Die Oder ist hier deutsch-polnischer Grenzfluss, nachdem sie weiter südlich bei Guben nach Deutschland eingeflossen ist. Auf deutscher Seite befindet sich das Parkgebiet mit einer Größe von ca. 10500 Hektar hauptsächlich zwischen dem westlichen Oderufer und dem östlichen Ufer der Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße. Eine geografische Darstellung Preußens aus dem Jahre 1835 macht auf dieses flachhügelige Flusstal mit den Worten aufmerksam: "Hinter Frankfurt beginnen schon die merkwürdigen fruchtbaren Niederungen, größtentheils in schöne, tragbare Felder und Wiesen verwandelt. Die Ufer des Stroms sind hier mit großer Sorgfalt eingedeicht." Diese Umsicht hat Tradition; sie geht auf diverse Anordnungen des Vaters von Friedrich Zwei, Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) zurück. "Da auch die Rapidität (reisende Schnelligkeit) des Oderstroms von Jahr zu Jahr die Ufer weg frisst" befahl er 1717, gefährdete Uferstücke "mit Packwerken, Flügeln und andern dem Strom resistierenden Mitteln zu versehen".
Außerdem wies er Pflanzungen in Deichnähe an, "die in drei Jahren nicht mit Vieh behütet und betrieben werden" sollen. Obwohl Friedrich Wilhelm mit seinen bis ins Einzelne gehenden Befehlen zur Deich- und Ufersicherung ein hohes Maß an Vernunft obwalten ließ, war er doch auch "Soldatenkönig" genug, um bei
Frosch im Nationalpark Unteres Odertal
Tiere im Nationalpark Unteres Odertal
Foto © In-Berlin-Brandenburg.com
schwereren Verstößen gegen seine Befehle "unsere an der Oder und da herum stehenden Regimenter" einmarschieren zu lassen. Seinem Naturschutzregime - man mag es drastisch nennen - ist es mit zu verdanken, dass seit 1995 der Nationalpark Unteres Odertal überhaupt entstehen konnte. Durch Öffnen und Schließen der vorhandenen Polder in den Auen wird ein Wasserregime gewährleistet - mit Winterhochwasser, bei dem Wiesen, Weiden, Auenwälder und Moore planvoll meterhoch überflutet werden, und sommerlichen Trockenzuständen. Angestrebt wird auf deutscher Seite, dass die Sommerauen nach einem alle Interessen berücksichtigenden "Gewässerrandstreifenprogramm" zumindest zur Hälfte Totalreservat werden und nur der verbleibende Teil landwirtschaftlich genutzt wird. Eine solche natürliche Flußauenlandschaft sucht zumindest in Mitteleuropa ihresgleichen. Jenseits der Oder wurde das im Krieg zerstörte Poldersystem nicht wieder in Funktion gesetzt, so dass auch eine landwirtschaftliche Nutzung der Flächen unmöglich war. Was aus ökonomischer Sicht nachteilig erschien, kam dem Naturschutz zugute; es fand in den ehemaligen Poldern eine beispiellose Renaturierung statt. Die Eindeichungen auf deutscher Seite und die polderlosen Abflußräume auf polnischer Seite machen zum Beispiel in Szczecin ein Hochwasser sehr unwahrscheinlich.

Nimmt man die reiche Fauna und Flora des Parks in den Blick sowie die bunt wechselnden Kleinlandschaften, so glaubt man wahrlich einen Hauch von Paradies zu spüren, dessen Legende den wasserreichen altorientalischen Gärten entlehnt ist. Vielfalt auf engem Raum herrscht vor. Im Gartzer Bruch etwa trifft der Besucher auf seltene Vogelarten wie auf die Uferschnepfe, den Großen Brachvogel,
die Bekassinen oder den Wachtelkönig. Im Gellmersdorfer Forst wandert er durch die charaktervollen, stillen Buchenwälder. Das Tal der Liebe wartet mit seinen alten Eichen und Findlingen auf. Im polnischen Zwischenoderland, ein 6000 Hektar großes Moor, fällt die erdgeschichtliche Dimension ins Auge: Die bis zu neun Meter dicken Torfschichten sind fast 10000 Jahre alt. Nahezu unbeeinflußt von Menschenhand hat sich an den steileren Hängen zu den Oderaltwässern das Lunower Hölzchen herausgebildet. Hier tun sich aus dem Totholz herausgewachsene Rot- und Hainbuchenwälder hervor. Schließlich bestätigt sich aufs Schönste Georg Wilhelm Friedrich Hegels so theoretisch anmutende Feststellung über die integrierende Wirkung der Oder, wonach der Fluss die im Gebiet des Nationalparks angrenzenden deutschen und polnischen Erdstriche alles andere als trennt. Im Gegenteil: Auch in ihrem unteren Tal vereinigt die Oder eindrucksvoll Gemarkung und Gegend ringsum. Um mit Hegel zu sprechen: Am östlichen Rand der Barnimhochfläche haben sich die Uckermark und das westliche Pommern den überbrückenden Namen Untere Oder zugelegt.

Wie man in den Nationalpark Unteres Odertal kommt:
Bahn: Aus Richtung Berlin erreicht man Angermünde und Schwedt/Oder im Stundentakt. Auto: Mit dem PKW fährt man von Berlin über die Autobahn A11 bis zur Ausfahrt Joachimsthal, weiter auf der B2 über Angermünde und am Kreisverkehr hinter Dobberzin geradeaus auf der L 284 in Richtung Schwedt. ( Text: -wn- )

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