Swiebodzin: Die weltgrößte Jesus-Statue und weitere polnische Mysterien

An Wundern mangelt es den Polen nicht. Drei Teilungen zwangen sie im 18. Jahrhundert nicht in die Knie, zumindest blieb ihnen die kulturelle Identität.
Die weltgrößte Jesus-Statue im polnischen Swiebodzin
Die weltgrößte Jesus-Statue im polnischen Swiebodzin
Foto © -wn-
1772, 1793 und 1795 hatte sich die russische Kaiserin Katharina II. (1729-1796) zwei Drittel des polnischen Territoriums einverleibt; Preußen und Österreich teilten sich den Rest. Mehr als ein Jahrhundert gab es keinen souveränen polnischen Staat. Zu dieser Zeit schreibt der Schriftsteller Józef Wybicki (1747-1822) einen Liedtext, der 1918 zur Nationalhymne wird: "Noch ist Polen nicht verloren!" - Hoffnung auf das rettende Wunder. Das westslawische Volk der Polacy überstand die russische Fremdherrschaft, und später - die mit Abstand schlimmste aller Prüfungen - die 1939 angezettelte deutsche Aggression mit dem singulären Holocaust. Ausgesprochen schäbig behandelte die Geschichte dieses Land, obwohl es schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Welt ein grandioses Geschenk gemacht hatte, in Gestalt jenes jungen Auswanderers, den Heinrich Heine in Paris den "Raffael des Fortepianos" nannte: Fryderyk Franciszek Chopin, Komponist und Pianist aus Zelazowa Wola bei Warschau (1810-1849). Der Schriftsteller Jaroslaw Iwaszkiewcz (1894-1980) schreibt, der Komponist habe mit seinen hochkultivierten Mazurken "zum ersten Mal die Poesie (seines) Volkes mit musikalischen Mitteln ‚sichtbar gemacht'". Mit der Verwendung dieses Nationaltanzes, der im polnischen Landleben mit derbem Fersenschlag und Fußaufstampfen daher kommt, bringt Chopin nationale Emotionalität zum Klingen; man hört es, obwohl es unerklärlich bleibt und in die Richtung eines Wunders geht.

Die weltgrößte Jesus-Statue in Swiebodzin (Polen)


Gegenwärtig tauchen im gesellschaftlichen Getriebe des an Mysterien reichen Landes weitere Wundertäter auf -
der eine Sprössling eines k.u.k. Unteroffiziers und Schneiders. Der Sohn heißt Karol Józef Wojtyła (1920-2005), Lolek unter Freunden. Er war erster slawischer Papst in Rom und versehen mit starkem Charisma - sein Name Johannes Paul II., die Deutschen kannten seinen leutseligen Festtagsgruß "Gesägnete Osstern". Zu den Nachfolgeereignissen seines 27 Jahre währenden Pontifikates zählte am 1. Mai 2011 die postmortale Seligsprechung, für die dem zu Beseligten die Befähigung zum Verursachen von Wundern abverlangt wird. Dazu wurde die Spontanheilung der an Parkinson leidenden französischen Ordensschwester Marie Simon-Pierre Normand ins Spiel gebracht. Nach wiederholten Stoßgebeten in Richtung des toten Wojtyła mit der Bitte um Heilung und nach dem - wie man glaubte zu sehen - jähen Abklingen des Leidens der Ordensschwester war Johannes Paul zum Wundertäter aufgestiegen. Für sein bereits vorhandenes landesweites Ansehen, das er sich als Haupt-Seelsorger der katholischen Welt-Kirche und in der Nachfolge des Apostels Paulus (gest. 60 oder 62 n.Chr.) erwarb, hat die Beseligung eher begrenzte Wirkung. Die Gläubigen liebten den Mann schon vorher, der einst den Koran küsste und an der Jerusalemer Klagemauer unterhalb des Tempelbergs ein Wunschzettelchen zwischen die Steine schob.

Der nächste Wundertäter heißt Jehoschua und ist nach eigener Aussage Sohn des christlichen Gottes. Er gelangte bekanntlich im Ergebnis der wunderhaltigen unbefleckten Empfängnis und unter erschwerten sozialen Sachlagen (Krippe, Stall, Flucht) ans Licht der Welt. Man nennt ihn später Jesus Christus (4 v. Chr.-30 oder 31 n.Chr.).
Mickiewicz-Denkmal im nordpolnischen Koszalin
Mickiewicz-Denkmal im nordpolnischen Koszalin;
sinngemäße Übersetzung: Gegrüßt sei die
Morgenröte der Freiheit / Foto © -wn-
Seine Bergpredigt (Matthäus 5‒7) mit ihren unverblassten Geboten des Gewaltverzichtes, der Nächstenliebe und der heutzutage immer noch kräftig ironisierten Feindesliebe umreißt den sozialethischen Kern der christlichen Botschaft. Auch wenn - oder gerade weil die erwartete Wiederkehr des später Gekreuzigten weiterhin ausbleibt, wurde er Anfang November 2010 am Südostrand der polnischen Kleinstadt Swiebodzin in der Wojewodschaft Lebus als ein schneeweißer Gigant aus Stahl, Leichtbeton und Polyester in die flachwellige Gegend gestellt. Man sieht ihn als 36 Meter hohe Skulptur, deren figürliche Wucht durch einen 16 Meter hohen Hügel aus lehmigem Erdreich und Findlingen noch verstärkt wird. Einen schönen Mann gibt er ab, angetan mit einer Art stilisiertem Efod, dem weitärmeligen gegürteten Unterkleid aus jüdischer Handwerker-Tradition sowie mit einem den Rücken bedeckenden Überwurf. Sein Gesicht trägt die Züge eines gut meinenden Jünglings. Die Miene verrät somit nichts von der liebenden Strenge des Meisters, mit der Jesus den Menschen belehrend und heilend gegenübertrat. Und schon gar nicht hat man den Eindruck, zu Füssen eines widerständigen Mannes zu stehen, dem die Pharisäer Gesetzesübertretungen vorhielten, wie zum Beispiel die Missachtung des Sabbatgebotes. Der polnische Christus-Riese ist rund sechs Meter höher als die weltbekannte Statue Cristo Redentor (Erlöser) auf dem Berg Corcovado am Rande Rio de Janeiros, von wo dieser Jesus mit großem Gestus seine Arme in Richtung der Guanabarabucht ausbreitet, an deren Westufer sich die Stadt hinstreckt. Es fragt sich, ob die sechs Höhenmeter, die der Jesus des polnischen Bildhauers Mirosław Kazimierz Patecki größer ist, einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde auslösen sollen. Für eher denkbar wird gehalten, dass der Spiritus Rector dieser Christus-König-Statue (Pomnik Chrystusa Króla), der umtriebige emeritierte Swiebodziner Pfarrer Sylwester Zawadzki, darauf gesonnen habe, mit dem an keiner kirchlichen Verkrustung und Entartung Schuld tragenden Jesus der Entfremdung zwischen der Amtskirche und den jungen polnischen Gläubigen entgegen zu wirken. Denn die Jungen lieben zwar Jesus und den toten Wojtyła, nicht aber durchweg die Kirche. Einen aufkommenden "Katholizismus des aufrechten Ganges" nahm kürzlich die Wochenzeitung DIE ZEIT im Nachbarlande wahr.

Doch kommt dieses neueste polnische Wunder von Swiebodzin tatsächlich dem Ansinnen einer Vermittlung zwischen Klerus und Jugend zustatten? Noch steht dieser Gottes Sohn allein auf den rund 7000 Quadratmetern Land, die zwischen der stadtauswärts führenden Straße Sulechowska ulica und der Europastraße 65 ein nach Süden hin zulaufendes Dreieck bilden.
Dem Youngster auf dem Hügel sind anscheinend noch weitere anlockende Aufgaben zugedacht als das klassische "Menschenfischen" unter Heiden. Unbekannt bleibende Investoren - genau so anonym wie die maßgeblichen Geldgeber für den Bau der Statue mit einem Materialwert von rund einer Million Euro - kauften bereits umliegende Feldmarken auf. Entstehen soll ein Jesus-Park, eine Pilgerstätte ähnlich dem Wallfahrtsort Częstochowa, wo im Kloster Jasna Gora die Schwạrze Madọnna, Polens Nationalheiligtum, verwahrt wird. In Swiebodzin soll eine Nachbildung der Jerusalemer Via Dolorosa, des Kreuzweges Jesu, installiert sowie an andere Lebensstationen des Bethlehemer Stallgeborenen erinnert werden. Es geht auch um wirtschaftlichen Auftrieb im Lebuser Land. Natürlich steht deshalb ein Pilgerhotel auf der Agenda; im Restaurant daneben wird mit Sicherheit jenes altpolnische Küchen-Mysterium verabreicht werden, als das das Topfgericht Bigos aus Schweinefleisch, Speck, Zwiebeln, Weißkraut und Pilzen eingestuft ist. Über das Unerklärliche seines opulenten Geschmackes schrieb der Dichter Adam Mickiewicz (1798-1855) verzückt: "In der Küche wärmen sie Bigos auf; unmöglich dieses Wunder zu beschreiben."

Wie man von Berlin nach Swiebodzin kommt:
Von Berlin aus bietet sich die Autobahn A12 Richtung Frankfurt/Oder an. Nach der Grenze führt die Europastraße E30 weiter nach Osten. Nördlich von Swiebodzin, das etwa 70 Kilometer von der Oder entfernt liegt, biegt man rechts in die von Norden kommende E65 ein. Nach vier Kilometers taucht rechterhand die weithin sichtbare Statue auf. Nun biegt man scharf rechts in die Sulechowska ulica ein und erkennt bereits wiederum rechts den Parkplatz in der Nähe der Skulptur. Text: -wn-

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