Die Wilsnacker Wallfahrt macht es wahr: Berlin liegt am Jakobsweg

Kommt die Rede auf das Pilgern, jene religiöse oder zumindest aufs Seelische zielende Sonderform des Fußwanderns, fällt einem schnell droben der Herrgott ein,
Wilsnacker Wallfahrt
Jakobsweg in Brandenburg, Foto © wn
bald aber auch der populäre Wallfahrer auf dem "Camino de Santiago" genannten Jakobsweg - Hape Kerkeling (geb. 1964) mitsamt seinem Buch "Ich bin dann mal weg", in dem sich Lebensernst und Situationswitz urwüchsig vereinen. Zum Glück missbraucht der Autor im Report über den Fußmarsch nach Santiago de Compostela im spanischen Galicien das Leserinteresse nicht mit erfundenen Gotteserscheinungen. Stattdessen berichtet er - nach einer gehörigen Anzahl teils bitter gewordener Pilgertage - von einem "riesigen Gong", den er auf einsamer Straße hörte und der ihn nach dem Ausklingen in einer entspannten "gelassenen Leere" zurückließ, die in anderen Fällen, wie er meint, "Gott dann komplett ausfüllen kann". Allein diese Erfahrung weist darauf hin, dass es auf den Pilgerwegen durchaus etwas auf sich hat mit religiöser Spiritualität wahlweise mit besonderer Welt- und Innenwahrnehmung, darunter dem Empfinden selten gespürter Konzentration aufs Eigentliche, dem Erleben von Ruhe und Freude und der erwachsenden Fähigkeit, Schmerzen namentlich in Fuß und Bein wegschalten zu können. Die spartanische Note der Realität des Jakobsweges bezeugt ein altes Pilgerlied von 1759: "Wir reisen abgeschieden, / Mit wenigem zufrieden, / Wir brauchens nur zur Noth." Der diese These stützende Kerkeling-Bericht zeigt andrerseits, wie unerheblich es ist, ob man beim Wallen dem missionarischen Gehet-hin-Befehl folgt, den der auferstandene Jesus auf einem galiläischen Berg seinen pilgerbereiten Jüngern gab (Matthäus 19,20) oder ob man es eine Nummer kleiner macht und beim Laufen eben einfach mal zu sich selber kommen will.

Jakobsweg in Brandenburg & Berlin

Eine weitere gute Nachricht: Das alles ist nun auch ab Berlin möglich.
Denn die vergessenen ostdeutschen Wege, die im Mittelalter zahlreiche Pilger benutzten, holte die Kremmener St. Jakobus-Gesellschaft aus dem Dunkel der Geschichte zurück. Ihren detaillierten Nachforschungen ist es zu verdanken, dass der in sieben eindrucksvolle Wandertage aufgeteilte historische Pilgerweg Berlin - (Bad) Wilsnack wieder entdeckt wurde, auf dem schon vor Jahrhunderten Jakobspilger unterwegs waren. Die an der Berliner Marienkirche beginnende Wilsnacker Wallfahrt verläuft auf alten Poststraßen und Apfelalleen, auf naturbelassenen Feld- und Waldwegen oder entlang verkehrsarmer Landstraßen. Pilgersymbole an Schnitzaltären, auf Fresken und sogar Glocken märkischer Feld- und Backsteinkirchen sowie altes Kartenmaterial gaben den Routenverlauf preis.

Wilsnacker Wallfahrt auf dem Jakobsweg in Brandenburg


Und nach den 21 Wanderkilometern des siebenten Tages sehen die Pilger jenen ein halbes Jahrtausend alten dreischiffigen und kreuzförmigen sowie turmlosen Kirchenbau am Horizont aufsteigen, die "Wunderblutkirche". In ihrer kreuzrippengewölbter gotischer Backsteinhalle trugen sich im Jahre 1383 Dinge zu, derentwegen Wilsnack im Mittelalter zum bevorzugten Wallfahrtsort mit märchenhaften Einnahmen aufstieg. Der plötzlich einsetzende Wohlstand des Dorfes hatte allerdings seine totale Brandschatzung durch den fehdelustigen Raubritter Heinrich von Bülow zur Voraussetzung. Die unverbrannt gebliebenen Reste dreier in der Kirche als Abendmahl-Hostien vorrätig gehaltener Oblaten lösten eine 170 Jahre lang anhaltende Wallfahrerbewegung aus, die dem Örtchen - bei nur 1000 Einwohnern! - jährlich 100 000 Segen heischende Besucher zulaufen ließ. Noch im 16. Jahrhundert bestand es weitgehend aus Pilgerherbergen und Gasthäusern. Weniger die Oblaten, sondern ihre für Blut gehaltenen roten Flecke - wahrscheinlich von Pilzbefall herrührend - hatten den Boom ausgelöst. Das heilig gewordene Hartgebäck wurde bis zur Reformation als Top-Relique in der neu erbauten Wilsnacker Kirche ausgestellt. Wer etwas zu beschwören hatte, tat dies nicht mehr bei Vater und Mutter, sondern "beim Blut von Wilsnack".

Nach der Strecke Berlin-Wilsnack wurde die Verbindung von Wilsnack nach Tangermünde ausfindig gemacht.
Ein Pilgergrabstein an der Tangermünder Stephanskirche zeigt die Magdeburger Richtung an, von wo ein gezeichneter Weg durch Frankreich nach Nordspanien verläuft. Nun muss dieser Revitalisierung des ostdeutschen Jakobspilgerwesens nur noch die entsprechende Wanderbewegung folgen. Wenn man nun zum Marsch entschlossen den Marktplatz von Bad Wilsnack rechts liegen lässt und über eine Gasse gegenüber dem großen Südportal der Wunderblutkirche den bald ins Grüne führenden Zernerweg nach Süden weitergeht - kommt man nach Santiago de Compostella, wo das Grab von Jakobus dem Älteren (gest. 44?) vermutet wird. Wer es bis ans Ende dieses bedeutenden Weges schafft, über den pendelt beim abschließenden Gottesdienst in der romanischen Kathedrale von Santiago de Compostella als letzte Segensgabe der über ein Meter hohe Weihrauchkessel aus silbernem Messing und verströmt beim Schwingen seine balsamisch-süßen Düfte so intensiv ins Kirchenschiff, so dass es einem überhaupt nicht unangenehm sein muß, wenn man an diesem Tag noch vom Wandern verschwitzt ist und den Deodorant in der Herberge liegen ließ.

Hinweis für Pilger:
Alle Routenbeschreibungen und andere Wanderhinweise sind auf der Internetseite www.jakobusgesellschaft-berlin-brandenburg.de zu finden.

Text: -wn-

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