Der Gefängnis-Shop in Tegel: Kamine, Hosen, Fahrradständer

"Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei." Mit diesem eigentlich anfachenden Satz beginnt eines der aufsehenerregendsten epischen Werke des vorigen Jahrhunderts -
Gefängnis-Shop in Berlin Tegel
Der Eingang zum JVA-Shop - Foto © -wn-
der 1929 erschienene Großstadtroman "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin (1878-1957). Wegen des Mordes an der Geliebten saß Hauptakteur Franz Biberkopf taggenau vier Jahre ab. Vortags hatte er noch auf dem Anstaltsacker Kartoffel gehackt. Im Moment des Abschieds lässt Biberkopf die Erinnerung an dieses ergebnisorientierte Beschäftigtsein nachgerade sentimental werden. Nicht dass es ihn in die Zelle zurück zöge; aber - weiter im Text: "Drinnen saßen die anderen, tischlerten, lackierten, sortierten, klebten..." "Franze" fehlt das Hochgefühl wiedererlangter Freiheit. Nach ihm greift vielmehr die Angst davor, erneut zu scheitern. Deshalb ist die Entlassung ein "schrecklicher Augenblick". Döblin hatte Grund, die Verrichtungen hinter Mauern literarisch zu verwenden. Häftlingsarbeit war schon damals in Tegel nichts Neues, und inzwischen ist sie normal seit weit über hundert Jahren - als Wirtschaftsfaktor und resozialisierendes Element.

Der Gefängnis-Shop in Berlin Tegel


Nahe der Stelle, an der man - wenn man wollte - die Entlassungsszene des Romanes lokalisieren kann (Foto), an der Biberkopf sinniert: Steig ich nun ein in die
Einundvierzig (in die Innenstadt) oder steig ich nicht ein? - nicht weit von diesem Tor fällt die Pforte zu einem der roten Backsteinhäuser ins Auge, das im Schatten der über 1300 Meter langen "Verwahrungsmauer" steht, die den größten deutschen Männerknast (1660 Häftlinge, 960 Beamte) umschließt. Hier geht es zum unvergitterten Anstalts-Shop. Was ist da zu erwarten? Basteleien? Vogelhäuschen? Oder zu Mitgefühl herausfordernde Malversuche Inhaftierter, die vorgeben sich mit ihren Schandtaten auseinanderzusetzen? Mag das in mehreren Räumen untergebrachte Magazin vielleicht den Eindruck eines mecklenburgischen Landwarenhauses erwecken, in dem allerhand Praktisches in nicht erkennbarer Logik beisammen liegt - anders als ein Supermarkt die Ware nach den Tricks der Verkaufsförderung anbieten würde. Hier steht der Garten-Kamin aus Waschbeton neben der Jugendschrankwand, Latzhosen und Schlosserjacken muss man bei Waffen- und Schließfachschränken suchen, wo auch Fahrradständer auf den Abkauf warten. Spätestens das Glasmöbel für den HiFi-Bereich, die bleiverglasten Fenster- und Spiegelbilder lassen die sichere Vermutung aufkommen, dass man es hier nicht mit dilettantischen Produktionsversuchen zu tun hat. In 15 Betrieben arbeiten Inhaftierte des Tegeler Knasts, darunter Azubis, als Bäcker, Buchbinder oder Schlosser - jeweils unter "freien" Meistern. Sie produzieren für den Bedarf der Anstalt und für "draußen", für den JVA-Shop. Es gibt ferner einen Bauhof, eine Gärtnerei und Glaserei, einen Kfz-Betrieb. Die Buchbinderei ist mit ca. 70 beschäftigten Inhaftierten der größte Betrieb. 70 Prozent der Azubis verlassen die Anstalt mit einem Berufsabschluß. Das Ziel, den jüngeren Strafgefangenen durch berufliche Qualifizierung während des Vollzugs eine Perspektive für die Zeit nach der Haft zu geben, wird zumindest nicht selten erreicht.

Knast Shop - Gute Produkte aus dem Gefängnis


Trotz dieser Tatsachen sind sich die Rechtswissenschaftler über das Wirken von Strafe immer noch uneins: Soll sie Vergeltung sein? Abschreckung, Rache? Oder soll sie dazu dienen, das Ausmaß der Straftaten einzudämmen? Unabhängig von diesem Gelehrtenstreit vollzog sich auch in Tegel eine Entwicklung, die schon im 19. Jahrhundert durch eine Reform des Gefängniswesens angestoßen wurde. Nikolaus Heinrich Julius (1783-1862) heißt der Auslöser, ein Armenarzt, der noch heute als "Begründer der Gefängniswissenschaft" gilt. Der Herausgeber der damals neuartigen "Jahrbücher der Straf- und Besserungsanstalten" trat als einer der ersten für eine Reform der "Polizeyzuchtanstalten" ein, in welchen Beklagte und Verurteilte "in enger Verwahrung gehalten" wurden. Julius setzte sich für sinnvolle Arbeit der Häftlinge in der Anstalt und für eine soziale Betreuung nach ihrer Entlassung ein. Seine 1827 gehaltenen "Vorlesungen über Gefängnißkunde oder über Verbesserung der Gefängnisse und sittliche Besserung der Gefangenen und entlassenen Sträflinge" fanden Beachtung in ganz Europa. Ganz im Sinne von Nikolaus Heinrich Julius arbeitet heute die "Beratungsstelle für Straffällige, Haftentlassene und deren Angehörige" (mit Büro in der Brunnenstraße 28) auch in der Tegeler Anstalt. Schwerpunkte sind Entlassungsvorbereitung, Integration Entlassener, Beratung und Unterstützung bei Wohnraumerhalt und -beschaffung sowie die nicht minder wichtige Entschuldungshilfe.

Alfred Döblin zeichnete Franz Biberkopf als einen Mann, der begründete Angst hat vor dem Leben außerhalb des Gefängnisses, vor dem Kneipenmilieu am Alexanderplatz, in dem die Verbrecher und Dirnen verkehren, in der die Wehrlosen und Ausgestoßenen einen mörderische Existenzkampf ausfechten. Sein Held scheiterte - wie man liest - aufs schrecklichste. Zumindest bietet die heutige Gesellschaft eine größere Chance der Wiedereingliederung. Diesem viel zu oft nicht glückenden Versuch liegt auch ein Gedanke des lutherischen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) zugrunde. Bonhoeffer, der als Hitler-Gegner selbst in Tegel inhaftiert war und Verfasser menschlich anrührender Morgengebete für Mitgefangene ist, schrieb: "Schlimmer als die böse Tat ist (aber) das Böse-sein." Ein Tegel-Häftling unserer Zeit verfasste ein Gedicht, das die zerbrechliche Hoffnung auf ein "nicht-böses" Leben nach der Haft anschaulich macht:
"Tegelzeit
ist keine Lebenszeit.
Was ist hier Zeit?
Gegenwart?
Vergangenheit?
Warten auf die Zukunft,
oder ein Rückfall
in die Steinzeit?"


Wie man zum JVA-Shop in Berlin Tegel kommt:
Adresse: Seidelstr. 41 in 13507 Berlin
U-Bahn: U6, Holzhauser Straße oder Otissstraße
Bus: Linie 133
Öffnungszeiten:
Montag 13.00 - 16.00 Uhr
Donnerstag 10.00 - 19.00 Uhr
Freitag 9.00 - 12.00 Uhr
Text: -wn-
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