Die Deserteurs-Denkzeichen im Schanzenwald der Murellenberge

Deserteure standen nie in gutem Ruf. Fahnenflucht wird auch heute mit Strafe bedroht. Dagegen erhebt sich kein Widerspruch; man kann ja den Kriegsdienst nach Recht und Gesetz verweigern.
Am Murellenberge
Die Spiegel zeigen den Weg zur Schlucht
Foto © -wn-
Johann Wolfgang von Goethe sieht in den Fahnenflüchtigen einsame und gehetzte Gesellen der Landstraße ähnlich den "Schleichhändlern und Tabakskrämern". Andere Töne schon bei Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Einen "ehrlosen Deserteur, der kein Herz und keine Ehre im Leibe hat!" nennt er 1730 den eigenen Sohn, den späteren Friedrich den Großen, nach dessen Versuch, sich dem strengen Vater durch Flucht zu entziehen. Dafür sitzt Friedrich Monate in der Festung Küstrin, sein Freund und Fluchthelfer Hans Hermann von Katte verwirkt sein Leben. 40 Jahre später wird Friedrich die Deserteure ähnlich schmähsüchtig vermaledeien. In seinen "Grundsätzen der Lagerkunst und Taktik" befiehlt er seinen Spähposten im Feld auf gute Deckung zu achten, "damit Ihr nicht von einem elenden Deserteur verraten werdet". Das schärfste Verdikt gegen die Verweigerer kriegerischer Dienste aber kommt von Adolf Hitler: "Der Soldat kann sterben. Der Deserteur muß sterben."

Murellenschlucht in Berlin


Zu diesen Todgeweihten gehörte vor über 65 Jahren der 34jährige katholische Sparkasseninspektor Raymund Biedenbach aus Fulda,
Vater zweier Kinder. Er hatte 1944 den Mut, Hitlers Krieg als verloren zu bezeichnen und Auslandssender zu hören. Sein Schicksalsgenosse ist der 27jährige Siegener Luftwaffenobergefreite Walter Brückmann, der nach Konflikten mit Vorgesetzten zum "Bewährungsbataillon" 500 kommt, während eines Urlaubes untertaucht und in Berlin aufgegriffen wird. Auch der 29jährige Metallarbeiter Johann Hammes aus Troisdorf bei Bonn, der seinen Kameraden Selbstverletzung anrät, um dem "Heldentod" zu entgehen, wird zum "Vaterlandsverräter". Sie sind drei von über 230 Wehrmachtsangehörigen, die zwischen dem August 1944 und dem April 1945 in Berlin-Westend wegen Fahnenflucht oder Kriegsdienstverweigerung in das Mündungsfeuer eines Erschießungspelotons blicken. In ihren letzten Lebensminuten sind sie an ein 70 bis 80 Zentimeter dickes übermannshohes, durch Einschüsse zerfleddertes Rundholz gebunden, das mehr Bohle denn ein Pfahl ist. Die Morde geschehen auf dem Gelände der ehemaligen Wehrmachtserschießungsstätte Ruhleben, nicht allzu weit entfernt von der rückwärtigen Seite der damals gerade neu gebauten Berliner Waldbühne. Hier in der Hügellandschaft des Spree-Havel-Gebietes erheben sich aus dem Murellenschlucht genannten Talkessel die bis zu 60 Meter hohen Murellenberge. Der Schanzenwald fasst die Hügel zu einem kleinen kompakten Forst mit unschuldig-märchenhaften Zügen zusammen - zu einem Waldwinkel, wie ihn Rumpelstilzchen oder der Zwerg aus "Schneeweißchen und Rosenrot" so lieben.

Es dauerte genau die Zeit, die ein Neugeborener braucht, um Rentner zu werden, bis diese 230 und Tausende weitere Opfer von dem juristischen Vorwurf der Fahnenflucht befreit wurden. In einer denkwürdigen Sitzung des Deutschen Bundestages am 17. Mai 2002 erhält in einer etwa 40minütigen Verhandlung der Entwurf eines "Gesetzes zur Änderung des NS-Unrechts-Aufhebungsgesetzes" rechtmäßige Wirkungskraft. Die Betroffenen erreicht dies nicht mehr. Dennoch haben sie in einem für die deutsche Gesellschaft wichtigen Selbstreinigungsakt ihre Ehre wiedererlangt. Im Jahre 2000 gewann die 1958 in Buenos Aires geborene und in Berlin lebenden Installations-Künstlerin Patricia Pisani einen von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ausgeschriebenen Wettbewerb. Ihr Projekt hält seit nunmehr acht Jahren das Andenken an die im Schanzenwald Ermordeten sichtbar aufrecht. Wer heute am Waldbühnen-Eingang vorbei geht und am Parkplatz Nr. 09 in der Glockenturmstraße rechts den Waldweg betritt, stößt bald und unerwartet auf die ersten von 104 Verkehrsspiegeln aus poliertem Stahlblech, die sich zwischen Baum- und Buschwerk ungewöhnlich ausnehmen (Foto). 16 von ihnen weisen mit aufgebrachten Texten darauf hin, dass im Zweiten Weltkrieg insgesamt 20 000 Todesurteile wegen Fahnenflucht oder Zersetzung der Wehrkraft vollstreckt wurden. Die Spiegel - jene Weg- und Gedanken weisenden Kernstücke der ungewöhnlichen Idee von Patricia Pisani - verändern den Eindruck der Umgebung kaum, aber sie signalisieren, dass diese Schlucht und diese Berge durchaus eine Landschaft geminderten Idylls bilden. In ihr muss man sich peitschende Schüsse und - wie im vorjährigen Waldbühnen-Konzert - die wie aus einem Kosmos hereinbrechenden Rhythmus- und Klang-Strukturen aus Igor Strawinskys Ballettmusik "Le Sacre du printemps" gemeinsam vorstellen können.

Den Wegweisungen der Spiegel folgend geht man nahe den linken Waldbühnenrängen in die Schlucht hinunter und steigt über eine Treppe wieder bergan. Die zunächst in großem Abstand stehenden Einzelspiegel verdichten sich schließlich zu einem Spiegelwald, der auf die Exekutionsstätte hin orientiert. Dieser Ort befindet sich jedoch in abgesperrtem Polizeigelände und ist überdies von den Historikern noch nicht vollends identifiziert. Er liegt nicht, wie bis angenommen, in der Murellenschlucht. Einiges spricht dafür, von zwei Orten auszugehen: von einem Areal nahe dem heutigen Munitionsdepot des Landeskriminalamtes und einer Sandgrube unweit davon. Die Frage ist aber zweitrangig. Das Nichtvergessen ist das Wichtigste. Der große Rest an Tragik bleibt sowieso.

Wie man zur Murellenschlucht kommt:
Mit dem Auto erreicht man den Weg zur Murellenschlucht über die Heerstraße (B2/B5). Auf der Höhe des Britischen Soldatenfriedhofes geht die Glockenturmstraße nordwärts ab. Nach den Eingängen von Olympia-Stadion und Waldbühne gibt es rechterhand einen Parkplatz. Auf einem Teil seiner Fläche entsteht zurzeit ein Eissport-Zentrum. Von der S-Bahnstation Pichelsberg (S75) erreicht man die Glockenturmstraße nach einem Fußweg von etwa 400 Metern Länge.
( Text: -wn- )




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