Der Große Tiergarten : An der Amazone spricht der Busch

"Sprechenden Busch" nennen sie Richard Z. auf dem Flughafen Tempelhof. Amüsant ist das nur zunächst.
Tiergarten in Berlin
Der Tiergarten ist ein Park in Berlin
Foto © -wn-
Seit vielen Sommern nächtigt der wohnungslose Mittvierziger ab und zu unter den tief hängenden Ästen einer Magnolie in den Grünanlagen des Airports nahe dem Columbiadamm. Ist ein Popkonzert in der Columbiahalle gegenüber oder das türkische Beschneidungsfest mal wieder unerträglich laut, weicht Z. in den fünf Kilometer entfernten Großen Tiergarten aus. Auf dem Weg zu seinem Busch muss er an der naturpatinierten Bronzeplastik "Amazone zu Pferde" (Foto) des Bildhauers Louis Tuaillon vorbei. Von ihr wähnt er sich ein wenig bewacht. Die sparsam bekleidete Dame, die in gelassener Haltung auf einer ungesattelten Stute mit nervös nach vorn gerichteten Ohrmuscheln sitzt, sieht allerdings über den Sommergast hinweg, wenn er abends mit seinem Krämchen an ihr vorbeitappt. Zum Spitznamen kam er, weil er in seinen Schlupfwinkeln Selbstgespräche führt. Er stellt Fragen und beantwortet sie. Man meint, im Buschwerk säßen zwei. Einmal geht es um erlebte unschöne Szenen im Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel, dann ruft er den Dalai Lama auf, seinen geistigen Vater; später hat er den Berliner Senat am Wickel, dessen Sozialisierungsversuchen er sich entzieht, weil er zumindest in der warmen Jahreszeit nicht ins Heim für Obdachlose will.

Im Berliner Tiergarten


Z. wagt es aber nicht, tiefer in den weitläufigen Tiergarten hineinzugehen, bleibt in Rufweite der ehemaligen Entlastungsstraße. Nach dem Münchener Englischen
Garten - dem größten deutschen Parkgelände - belegt Berlins "grüne Lunge" mit ihren 210 Hektar den zweiten Platz. In der Ost-West-Richtung zieht sich das von Straßen und Wegen durchzogene Gelände drei Kilometer hin, drückt im Norden in mehrere Spreebögen hinein und hat im Süden Landwehrkanal und Tiergartenstraße als Grenze. Das ehemals eingefriedete wildreiche Waldland wurde 1742 auf Befehl Friedrich II. in einen Lustgarten für die Berliner umgewandelt. Ein "Handbuch für Einheimische und Fremde" aus dem Jahre 1806 berichtet, "bey schönen Tagen wird man keinen Weg unbesucht finden". Heute befinden sich hier der Zoologische Garten, das Schloss Bellevue, die Philharmonie, die Siegessäule, das Haus der Kulturen der Welt, Statuen relevanter deutscher Geister sowie das Denkmal für die Ermordung der Führer des Spartakusbundes Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg an der Lichtensteiner Brücke nahe dem Zoo.

Den Publizisten Georg Friedrich Rebmann (1768-1824) beeindruckte die Völkerwanderung Anfang des 19. Jahrhunderts im Tiergarten: "Hier ist es nun unter der gehenden Welt beinah unmöglich, den Friseur vom Hofrat, den Kaufmannsdiener vom reichen Bankier, den Kammerdiener vom Kammerherrn und noch weniger die Geheimrätin von der Trödlerin zu unterscheiden." Heinrich Heine beobachtete 1822 gar den flanierenden Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. (1770-1840), der das Fortbewegen zu Fuß sehr liebte. Er habe "eine schöne, edle, ehrfurchtgebietende Gestalt, die allen äußeren Prunk verschmäht. Er trägt fast immer einen scheinlos grauen Mantel", weil offenbar, stichelt Heine, "sein Garderobemeister außer Landes wohnt". Man findet den Ausdruck des Einfachen bestätigt, steht man vor dem 6,50 Meter hohen Standbild des beliebten Monarchen, die der Bildhauer Friedrich Drake schuf, der auch der Vater von "Gold-Else" auf der Siegessäule ist.

Der Hauch des Hoheitlichen in dieser Domäne beschaulichen Flanierens bewog den Schriftsteller Heinrich Mann (1871-1950), eine Schlüsselszene seines Epochenromanes "Der Untertan" in den Tiergarten zu verlegen. Der kleine Mitläufer Diederich Heßling hetzt dem ausreitenden Kaiser Wilhelm II. hinterher, um zumindest für einen Moment mit seiner Lichtgestalt unter vier Augen zu sein. Heßling spurtet auf Umwegen durchs Gelände und kann schließlich dem Monarchen in devotester Haltung entgegeneilen. "Diederich riß den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam nicht. Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht in einen Tümpel, die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser… Der Kaiser wandte sich … um, schlug sich auf den Schenkel und lachte. Diederich aus seinem Tümpel sah ihm nach, den Mund noch offen", heißt es in Manns köstlicher Satire. Gelegentlich wurden im Tiergarten auch Gekrönte selbst in grandiose Schelmereien hineingezogen - wie am 25. April 1991. Vor das Schloss Bellevue fuhr die vermeintliche Beatrix Königin der Niederlande in schwarzer Limousine. Der Bundespräsident und Gattin warteten schon mit dem Essen. In der Rolle der leutseligen Majestät: Hape Kerkeling. Sicherheitsposten und Bedienste wurden aufs peinlichste gefoppt. Hape schaffte es bis an die Schlosstür. Bald darauf kam die echte Königin. Ganz Deutschland lachte.

Der Tiergarten - ein schöner Park in Berlin


Fazit: Wie im Leben überhaupt liegen auch im Berliner Tiergarten zwischen Komischem und Ernstem nur Minuten und zwischen Schönem und Beklagenswertem nur wenige Meter.
Beachten Sie auch die Skulpturen im Großen Tiergarten!

Wege in den Großen Tiergarten:
Über den S- und U-Bahnhof Zoologischer Garten (S3, S5, S7, S75, S9, U2, U9,
Bus 100, 200),
den S-Bahnhof Unter den Linden (S1, S2, S25, S26, Bus 100, 200),
den S-Bahnhof Tiergarten (S3, S5, S7, S75, S9, Bus 100).
Text: -wn-


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