Das Bundeskanzleramt: "Kohlosseum" im neuen Regierungsviertel Von hier aus wird regiert! Um so eine Botschaft architektonisch zu artikulieren, bedarf es einer imposanten Formensprache. Berlin braucht sich diesbezüglich keine Sorgen zu machen,
Das Bundeskanzleramt in Berlin
Foto © Bernd Kröger
denn dem Bundeskanzleramt als einem der größten Regierungshauptquartiere der Welt mangelt es nicht an Monumentalität. Mit einer Gesamtfläche von 12.000 m² und einer Höhe von 36 m übertrifft es nicht nur die Berliner Traufhöhe, sondern ist auch achtmal so groß wie das Weiße Haus in Washington D.C. Ein Prestigeobjekt, mit dem Helmut Kohl, der den Mega-Bau bei den Berliner Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank in Auftrag gab, als Einheitskanzler repräsentieren wollte. Die symbolische Strahlkraft der langgestreckten Gebäudezeilen auf dem Gelände der Spreebögen ist schließlich unübersehbar. Das Gebäude beeindruckt als "breites Band des Bundes", das die beiden Spreeufer verbindet und so städtebaulich für die Wiederveinigung steht.

Als das Kanzleramt nach nur vier Jahren Bauzeit eingeweiht werden konnte, war die Ära Kohl
allerdings nach unschönem Spendenaffären-Kapitel bereits seit drei Jahren passé und Gerhard Schröder war zu Beginn seiner Amtszeit sichtlich unwohl zumute, solch einen doch eher SPD-untypischen Prestigebau zu beziehen. So benutzte er die Räumlichkeiten der Dienstwohnung auch nur während seiner Arbeitswochen und pendelte ansonsten nach Hannover zu seiner Familie. Kanzlerin Angela Merkel fing erst gar nicht an, Umzugskartons zu packen, sondern zog es vor, weiter in ihrer privaten Wohnung gegenüber der Museumsinsel zu wohnen. In dieser Hinsicht legen die deutschen Kanzler(innen) bislang eine ganz andere Mentalität an den Tag als etwa die Regierungselite im Nachbarland Frankreich, wo Jacques Chirac beim Auszug aus seiner monarchenhaften Dienstwohnung im Champs-Elysée-Palast in eine riesige Altbauetage am Seine-Ufer beklagte, man müsse sich nun doch schon sehr verkleinern. Schröders Dienstwohnung hingegen schien eher dem Berliner Kleinwohnungsmilieu nachempfunden zu sein: zwei Zimmer, Küche, Bad plus kleiner, aber feiner Terrasse. Bekannt als Liebhaber moderner Kunst, versäumte es jedoch auch Alt-Kanzler Schröder nicht, dem Bau eine persönliche Note zu verpassen. Er engagierte den baskischen Bildhauer Eduardo Chillida, welcher daraufhin eine rostige Stahlskulptur kreierte, die aus ineinander verkrallten, sich aber nicht berührenden Fingern besteht. Sie trägt den Titel "Berlin - Spannung und Berührungsängste" und steht genauso wie das Kanzleramt als Gesamtbauwerk für die wiedervereinte Stadt, allerdings mit deutlich kritischerem Unterton.

Apropos Kritik: Auch seitens der Bevölkerung erntete das Kanzleramt bei seiner Einweihung
nicht nur erfurchtsvolle Bewunderung. Die Presse hatte sich schnell auf spöttische Spitznamen wie "Elefantenklo" oder "Kohlosseum" geeinigt. Auch der Berliner Volksmund nimmt bekanntlich kein Blatt vor den Mund und etikettierte den neuen Monumentalbau aufgrund seiner exotischen Architektur sogleich als "Kanzlerwaschmaschine". Wie auch immer - wenn schon das Äußere des Kanzleramtes von Weitem betrachtet die Assoziation einer Waschmaschine zulässt, so ist es doch immerhin eine mit bester Energieeffizienzklasse. Um das Gebäude im Notfall auch völlig autark versorgen zu können, verfügt es über ein hocheffizientes Energiesystem. So gibt es im Keller ein eigenes modernes Blockheizkraftwerk, das mit Biodiesel betrieben wird und über eine Kraft-Wärme-Kälte-Koppelung verfügt, so dass damit im Sommer auch klimatisiert werden kann. Konkret bedeutet das, dass das Kanzleramt über mehrere Schornsteine die Berliner Luft einatmet, die im Sommer kühlt und im Winter wärmt - ganz für lau und doch bares Geld wert. Denn das System hat einen Wirkungsgrad von fast 90 Prozent, was fast an ein Perpetuum Mobile grenzt. Und damit auch ja nichts verschwendet wird, wird die überschüssig produzierte Energie in einem Salzstock in 300 Metern Tiefe unterhalb des Reichstages zwischengespeichert. Strom bezieht das Kanzleramt über eine riesige Photovoltaikanlage mit 1.300 m² Solarmodulfläche, die auf dem Dach installiert ist.

Selbstverständlich kann das Kanzleramt auch besichtigt werden. Der Rundgang dauert etwa zwei Stunden und schließt eine Besichtigung des Informationssaales, des Internationalen Konferenzsaales, des Bankettsaales, der beiden Kabinettsäle und der Skylobby ein, ebenso des Gartens und des Ehrenhofes mit der Chillida-Skulptur. ( Text: A.K. )

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