Die Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg
Keinesfalls soll die Gethsemanekirche, eine der größten in Berlin, mit der Basilika Sacré-Cśur in Paris verglichen werden. Sicher lässt sich sagen,
dass über der Kirche mit ihrem imposanten Westturm und dem von ihr dominierten umliegenden Häuserkarree zumindest ein Hauch von Montmartre liegt. Wer hier wohnt, hat Bäcker und Antiquariat, Bierkneipe und Indien-Boutique, Zeitungsshop und Straßenkaffee, Eisen- und Kurzwaren, Kindertrubel und Touristenströme auf engem Raum. Zwischen 1899 und 1900 schuf hier der Architekt Alfred Messel (1853-1909), Verfechter eines funktionsbetonten Baustils, Arbeiterwohnungen, die heute noch genutzt werden. Gegenüber der Kirche schuf er eine Randbebauung um einen gärtnerisch gestalteten Hof, die die beengenden Verhältnisse der Mietskaserne überwinden sollte.
Auch ein paar Prominente sind ansässig. In einem der Messel-Häuser wohnt die Schauspielerin U.W. Schon ihr Vater war hier bekannt, ein frohsinniger Metallarbeiter, der abends gern ein Stündchen mit dem Spitz vor der Haustür stand und bekannte Vorbeigehende in Gespräche zog. Ab und zu sitzt Rundfunkmoderator E.G. im Biergarten gegenüber dem Kircheneingang. Zu seinen Lebzeiten kam Rudolf Bahro oft mit dem Fahrrad vorbei.
Der Kiez-Maler Dieter Raedel ist im Areal – sofern in der Kirche nicht ein Konzert stattfindet - der Mann für die Kunst. Wenn die Sonne scheint, bietet er am Kirchenzaun seine Arbeitsprodukte feil. Das Gotteshaus sowie Plätze und Straßen im Dreh sind Sujets seiner Bilder in Öl und Acryl auf Leinwand. Alle Käuferzielgruppen passieren seine Zaun-Galerie an der neugotischen Hallenkirche, die 1893 fertig gestellt wurde. Das Innere des lang gestreckten Klinkerbaues ist überraschenderweise ein großes Achteck mit romanisierenden und gotisierenden Elementen. Der Neubau, dessen Namen Wilhelm II. seinerzeit geruhte persönlich auszusuchen, ist nur 100 Meter von der Schönhauser Allee entfernt, ein kurzes Stück der Stargarder Straße, das im Herbst 1989 zum Aufmarschraum für Demonstranten und Polizei wurde.
Am Abend des 8. Oktober, einem Sonntag, hatten sich in der Kirche etwa 3000 Oppositionelle in einer von explosiver Endzeitstimmung geprägten Atmosphäre zur Andacht versammelt und kamen anschließend wieder heraus. Da baute sich im Trubel ein untersetzter ziviler „Ordner“ vor dem Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg Gottfried Forck (1923-1996) auf und schrie ihn bissig an: „Kümmert euch um euere Bibel und nicht um unseren Staat!“ Für einen Moment schaute der hochgewachsene Bischof dem Schreienden schweigend und fast mitfühlend in die Augen. Ahnte der Kirchenmann schon, dass diese zehn Worte die allerletzte öffentliche Verlautbarung der dogmatischen Hohenpriester auf dem Boden des Stadtbezirks sein würden? Allerdings schlug kurz danach die „Schar mit Schwertern und mit Stangen“, wie das Neue Testament die in den Garten Gethsemane eingefallene Tempelwachen-Einheit beschreibt, ein letztes Mal zu. Polizei-Sondereinheiten kesselten die Kirchenbesucher ein und trieben sie in alle Richtung.
Erst am 9. Oktober abends wurde die Belagerung der Gethsemanekirche plötzlich beendet. Viele Anwohner waren auf die Straße gekommen. Siegesstimmung und Erleichterung verbreiteten sich. Vor der Kirche erstrahlte ein Meer aus Lichtern. Dieter Raedel gab an die mit leeren Händen gekommenen Demonstranten Kerzen aus, die er in der Drogerie an der Ecke gekauft hatte. Sein damals neunjähriger Sohn unterstützte die revolutionäre Bewegung mit leeren Gurkengläsern - als Windschutz für die Kerzen. An diesem glücklichen Abend mit seinen hochgeschraubten Erwartungen an die Zukunft ging für die Gethsemanekirche ein stürmisches Kapitel zu Ende.
Erst Jahre später war sie wieder im Gespräch: Während des Ökumenischen Kirchentags 2003 fand hier eine gemeinsame Abendmahlsfeier evangelischer und katholischer Christen statt. Das Gedächtnismahl war eine Feier mit Folgen. Der teilnehmende katholische Priester Gotthold Hasenhüttl wurde bald darauf wegen Verstoßes gegen die katholische Kirchendisziplin suspendiert. Man fragt immer noch: Was würde Jesus dazu sagen?
Zur Gethsemanekirche kommt man mit der U-Bahn U2, S-Bahnhof Schönhauser Allee, hinterer Ausstieg.