Oase im Trubel: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Mitten im geschäftigsten Ort des alten Westberlin - zwischen Bahnhof Zoo und den großen Einkaufsstraßen - liegt auf dem Breitscheidplatz, nur ein paar Schritte von den großen Kaufhäusern entfernt, eine Oase der Ruhe.

Durch eine sich automatisch öffnende Tür tritt der Besucher durch ein kleines Foyer in den achteckigen, von einer schwebenden Christusfigur beherrschten Raum des Kirchenneubaus. Hier kann man sich in den Stuhlreihen niederlassen und sich von der Stille und dem wohltuenden Blau der Fensterwaben einhüllen lassen. Wer genau hinschaut, entdeckt unter den Tausenden kleiner Fensterscheibchen auch solche mit paarigen Buchstaben, die zusammengesetzt den Namen des Architekten ergeben: Egon Eiermann.

Eiermanns Neubau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von 1961 stellt eines der berühmtesten Bauwerke der Nachkriegsmoderne in Deutschland dar. Die schallisolierende Wirkung im Gottesdienstraum wurde durch eine doppelwandige Konstruktion erreicht; für das strahlende Blau und die eingestreuten bunten Farbtupfer der Fensterwände wurden eigens im französischen Chartres alte Geheimnisse der mittelalterlichen Glaskunst wiederbelebt.

Der Bau des modernen Ensembles aus achteckigem Kirchenschiff, separatem Glockenturm, Foyer und Kapelle war dennoch nicht unumstritten. Lange war unklar, was aus der Ruine des 1943 völlig zerbombten einstigen Prachtbaus werden sollte. Schließlich entschied man sich für den Abriss und ließ nur die schwer beschädigte Turmruine stehen, die heute die nach eigener Aussage "berühmteste Ruine Deutschlands" darstellt und als Wahrzeichen der Berliner City West gilt.

Die restaurierte Eingangshalle der alten Gedächtniskirche, die heute als Gedenkhalle und Dokumentationszentrum dient, lässt die vergangene Pracht dieses Gotteshauses erahnen: Fußboden und Deckengewölbe sind mit Mosaiken überzogen, in Vitrinen ruhen Kleinodien, die vor der Zerstörung gerettet werden konnten. - In der Tat hatte es nach der Einweihung der Kirche 1895 noch volle zehn Jahre gedauert, bis die Innendekoration komplett fertig war. Die im neoromanischen Stil erbaute, bis zu 2000 Besucher fassende Kirche war der Stolz des deutschen Kaisers Wilhelm II., der sie seinem Großvater Wilhelm I. gewidmet hatte.

Nach dessen Abdankung 1918 verlor die Gedächtniskirche ihre ursprüngliche Bedeutung, blieb aber stets eines des wichtigsten Zentren kirchlichen Lebens in Berlin. Auch heute ist die Kirche nicht nur ganztägig für Besucher geöffnet, es finden auch wochentags dreimal täglich kurze Andachten, sonntags zwei Gottesdienste und regelmäßig Orgelkonzerte statt. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche beherbergt neben einer lebendigen Kirchengemeinde auch ein Seelsorge- und Beratungszentrum und eine Kircheneintrittsstelle.
Mehr Infos über die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
( Text: J.S. )

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