Das Berliner Rote Rathaus: Von Milchmädchen- und anderen Rechnungen Die Geschichte des Baus und Nießbrauchs des 140 Jahre alten Roten Ratshauses einschließlich seines der Marienkirche zugewandten Vorplatzes füllte ein Buch voller Kuriosa.
Das Rote Rathaus in Berlin
Auf den ersten Blick scheinen die warm-roten Klinkerfronten ein adäquates Design der derzeit rot-roten Landesregierung zu sein - das ist natürlich Zufall. Der Grund aber für die nahezu quadratische Gestalt des Stadthauses ergibt sich aus dem professionellen Interesse, mit dem sein Erbauer, der Architekt Hermann Friedrich Waesemann (1813-1879), die Fühler zunächst nach Ost und nach West ausstreckte, bevor er den ersten Strich auf dem Reißbrett zog. Er war von dem einer Ordensburg ähnlichen, etwas trotzigen Rathaus im westpreußischen Thorn am rechten Weichselufer, dem heutigen polnischen Torun, so sehr beeindruckt, dass er sich als erstes für dessen Grundriss und für den dort verwendeten roten Backstein entschied. Für den auf die Südostecke gesetzten, etwas überdimensioniert wirkenden Turm entwickelte er keine Sympathie. Auf einer Studienreise durch Frankreich hatte er statt dessen vor der Kathedrale von Laon in der nordfranzösischen Provinz Picardie gestanden - mit dem Ergebnis, daß der schlanke Nordwestturm dieses Gotteshauses dem 97 Meter hohen Berliner Rathausturm äußerst ähnlich sieht.

Waesemann wurde als Deus ex Machina, als Nothelfer, ins Ausschreibungs-Verfahren gezogen:
Er hatte sich ursprünglich gar nicht beteiligt und versuchte erst nach Ablehnung der anderen Entwürfe sein Glück - und bekam den Zuschlag. An der Stelle des alten, wesentlich kleineren Berlinischen Rathauses, in dem es neben dem Ratskeller noch einen Tanzboden und ein Gefängnis gab, wurde der Neubau 1869 im Stile der Neo-Renaissance vollendet. Zu den sehenswerten Räumen zählt der Wappensaal, dessen Fußboden und Türumrahmungen aus rotem Thüringer Marmor gearbeitet sind, der Große Festsaal, der schönste, mit den hohen Bogenfenstern und der Säulensaal, eine neun Meter hohe vierschiffige Halle, in der Pfeiler und Säulen ein kunstvolles Kreuzgewölbe tragen. Die Historizität des Hausinneren setzt sich - unter welchem Vorzeichen auch immer - vor der Haustür fort auf.

10. April 1935: Der deutsche Ganoven-Pomp feierte hier seine Urständ: Hermann Göring, aufgedunsener zweiter Mann in der NS-Nomenklatur, durchschritt die Rathaustür nach der standesamtlichen Trauung mit der Trivial-Darstellerin Emmy Sonnemann, der ihr Gatte zum Zwecke seriösen Erscheinens ein Diadem mit 35 Brillanten angehängt hatte. Der britische Botschafter in Deutschland, Sir Eric Phipps, notierte: "Ich kann für ihn und seinen Größenwahn kein höheres Ziel erkennen, abgesehen vom Thron, es sei denn … den Galgen." - Wiederum Jahrzehnte später erlebte der Platz eine Sternenstunde des deutschen Opportunismus. Herbst 1989: Auf einer Bürger-Kundgebung vollzog sich die wundersame Wandlung des zungenfertigen SED-Funktionärs Günter Schabowski vom Saulus zum Paulus. Vehement wetterte er gegen Amtsmissbrauch und Korruption. Ja, er überraschte mit der Mitteilung: "Ich habe mich von Karl Marx zu Karl Popper bewegt." Eine der Grundannahmen des britischen Philosophen Sir Karl Raimund Popper (1902-1994) läuft darauf hinaus, dass die gesellschaftliche Entwicklung nicht voraussagbar ist. Weil der ehemals erste SED-Mann Berlins seinen Mantel so schnell nach dem neuen Wind hängte, zog er sich heftigste Missbilligungen seiner Mit-Dogmatiker zu, denen die deutsche Einheit noch heute als "konterrevolutionäre Rückwende" erscheint.

Vor 15 Jahren nun wurde auf dem Vorplatz vorgeführt, dass historische Abläufe peinlich enden können.
Während der legendäre Auftritt der 250 Sänger des sowjetischen Alexandrow-Ensembles am 18. August 1948 vor der Ruine des Schauspielhauses mit Katjuscha und Kalinka (Schneebällchen) noch den Nimbus eines Aufbruches verbreitete, entstand am 31. August 1994, dem letzten Tag der sowjetischen Besatzung in Ostdeutschland, ein anderer Eindruck. Nach dem Eintrag ins Goldene Buch versuchte sich der russische Präsident Boris Jelzin (1931-2007) an dem Lied Kalinka, das eine Kapelle während seines Erscheinens vor der Tür intonierte. Boris Nikolajewitsch griff schwankend und in aufgeräumter Stimmung nach dem Mikrofon, versuchte mit schwerer Zunge den Refrain des ersten Verses hervorzubringen, um anschließend sogar das ausholende Legato anzustimmen, mit dem sonst der Tenorsolist seine Stimme silberklar erhebt. Aus dem Mund des Präsidenten stieg ein rauchiger Ton wie der eines heiser gewordenen sibirischen Garten-Hahns in die Berliner Luft.

Zu den in Zahlen zu fassenden Rathaus-Episoden zählt eine als berüchtigt in Erinnerung bleibende Milchmädchenrechnung des ehemaligen SPD-Finanzsenators Thilo Sarrazin. Im Februar 2008 provozierte er die Öffentlichkeit mit einem frugalen Speiseplan für Hartz-IV-Empfänger. Er wollte nachweisen, dass man sich mit vier Euro am Tag gesund ernähren kann. Die überzeugendste Aufrechnung aber, die hier je zu den Akten genommen wurde, war die 1871 vorgelegte "Schlussrechnung betreffend den Neubau des Berliner Rathauses". Sie belief sich auf 2119546 Taler und ergab: 100000 Taler der genehmigten Summe waren nicht in Anspruch genommen worden. Solche günstigen Abrechnungen sind im Roten Rathaus späterhin nie mehr vorgekommen.

Wie man zum Roten Rathaus in Berlin kommt:
In unmittelbarer Nähe befindet sich der S- und U-Bahnhof Alexanderplatz
Adresse: Rathausstraße 15, 10173 Berlin
( Text: -wn-)

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