Der Call-Center Arbeitsmarkt in Berlin Call-Center Kollegin. Die Personaler entwickeln langsam wieder Fantasie. Richtig so, denn die Call-Center-Branche läut anscheindend gut, und gute Telefon-Jockeys sind gar nicht so leicht zu finden.
Sicher bewerben sich auf jede Anzeige viele Menschen, aber nicht jeder ist geeignet, und viele bleiben nicht lange. Die Call-Center-Arbeit ist oft recht anstrengend und erfordert einige Disziplin und Ausdauer. Daher denken sie nach, die Personaler. Einige Ergebnisse dieses Nachdenkens waren in der aktuellen Anzeigen-Presse zu finden: In Anzeigenblatt Nr. 1 findet sich eine eingerahmte Anzeige, in der eine "leichte" Telefonarbeit in einem modernen Büro versprochen wird, in dem sich "großflächige und warme" Arbeitsplätze finden. Wir unterdrücken unsere Ironie, und finden das erstmal gut. Die Anzeige richtet sich an Menschen, die ein wenig Erfahrung mit der teilweise etwas verwilderten Berliner Call-Center Szene haben, denn es wird darauf hingewiesen, dass es sich nicht um "SKL/NKL oder Lotto" handelt. Vielmehr habe man teils Kundenprojekte, teils auch interne Projekte. Wenn΄s denn stimmt, ist das ein Punkt, und zeigt unternehmerische Initiative. Damit das ganze noch glaubwürdiger wird, hat man zwei Mitarbeiter, einen 23jährigen Bürokaufmann und eine 54jährige Textilverkäuferin mit Foto präsentiert, die der Meinung sind, dass die Kollegen "cool" und das Verhältnis zur Geschäftsführung "unkompliziert" sei. Wir glauben das einfach mal. Aber warum, mag sich die geneigte Leserin, der geneigte Leser fragen, widmen wir einer Anzeige soviel Aufmerksamkeit. Es sei Ihnen verraten: es wird noch mehr versprochen, liebe Call-Center Kollegin. Versprochen werden kostenlose Kita-Plätze. Ist das ein Wort? Und schaut man in Anzeigenblatt Nr. 2, findet man eine Anzeige derselben Firma. Dort wird auch noch ein "Schlemmerbuffet" und eine "VIP-Lounge" in Aussicht gestellt.

Es gibt aber auch Alternativen. In Anzeigenblatt Nr. 1 sucht eine Firma "100 Call Center-Agenten/Telefonisten". Der Punkt "SKL/NKL oder Lotto" wird dort nicht angesprochen. Die Arbeitsverträge seien "moderat", und es gebe eine "monatliche" Stundenlohnerhöhung. Ihrem Reporter wurde zugetragen, dass man dort auf Anruf quasi sofort einen Vorstellungstermin bekommt. Thema sei aber im wesentlichen Lotto. Auch sei das Call-Center recht eng gepackt und laut. Ferner sucht die Axel Springer AG mittels einer Tochterfirma telefonische Anzeigenverkäufer. Geboten werden "ein modernes Arbeitsumfeld" - schön schön - "professionelle Einarbeitung, regelmäßige Coachings" sowie "Entwicklungsmöglichkeiten". Kitaplätze und Schlemmerbuffet fehlen. Positiv mit Bezug auf die Entwicklungmöglichkeiten ist der Fokus auf Geschäftskunden. Bei Privatkunden gibt es nicht viel zu entwickeln. Nach unseren, nicht ganz aktuellen, Informationen sind der Geräuschpegel und der Zuschnitt der Arbeitsplätze hier vernünftig. Eine weitere Firma, die ihren Namen in der Anzeige nicht nennt, behauptet: "wir starten international durch!". Es geht um TV-Shows, Kundenservice, Beratung und Bestellannahme.

Die Verdienstmöglichkeiten im Call-Center Bereich sind recht unterschiedlich.
Die Firma mit den Kitaplätzen bietet 8 € Stundenlohn. Auf der Internet-Homepage wird für "richtige Profis" 3000,- brutto in Aussicht gestellt. Die Firma, die immer wieder "100" Mitarbeiter sucht, bietet ebenfalls 8 € pro Stunde für den Anfang. Nach Einschätzung Ihres Reporters ist das ein akzeptabler Einstiegstarif. Es gibt in Berlin auch Telefon-Jobs für um die 6 €. Für Fortgeschrittene finden sich in Berlin Angebote bis zu 20 €. Neulich suchte eine Nachrichtenagentur in Berlin Telesales Mitarbeiter, und bot ein Fixum von 1500,- sowie 10% vom Umsatz Provision. Die uns bekannten Spitzentarife für Telesales Mitarbeiter im Raum Berlin liegen bei etwa 60.000 € pro Jahr. International kann man auch noch mehr verdienen, zum Beispiel in London. Die Anforderungen sind dann aber auch entsprechend hoch.

Zum Vergleich: Nach Zeitarbeitstarif verdient ein Mensch mit Hochschulabschluss etwa 14 € pro Stunde. Call-Center Agenturen sind nach unserer Einschätzung in etwa Zeitarbeitsfirmen vergleichbar. Der springende Punkt: es gibt einen Zwischenhändler, die Agentur, zwischen Mitarbeiter und Auftraggeber. Die Agentur behält in der Regel etwa 30% dessen, was der Auftraggeber bezahlt. Das heisst, die wirklich lukrativen Jobs gibt es nur als interner Mitarbeiter.

Der Call-Center Arbeitsmarkt in Berlin ist in mancher Beziehung speziell. Wenn jemand ein wenig Erfahrung vorweisen kann, ist es nicht ganz selten, dass er oder sie ohne große Interviews oder Zusendung von Unterlagen zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Unser Freund K., der arbeitsmässig eine zeitlang wie ein hoffnungsloser Fall wirkte, dann in ein IT-Support Call-Center hineinrutschte, meinte: wenn man mal drin ist im Club, findet man immer schnell was Neues. Das ist auch unser Eindruck. Ihr Reporter, der sich auch mal international umgesehen und hie und da seine Email-Adresse hinterlassen hatte, erhält über Vermittler wöchentlich durchaus anständige Angebote aus London oder Dublin, mitunter aus Amsterdam oder Barcelona. Wer entsprechend ungebunden und ein wenig abenteuerlustig ist, findet in Dublin oder Londen schnell Arbeit auf dem Niveau, das er oder sie mitbringt.

Da wir kostenlose Kitaplätze für eine lobenswerte Innovation auf dem Berliner Call-Center Markt halten, sei auch die Firma genannt, die dies anbietet: Sie nennt sich Creative Unternehmensgruppe, zu finden unter
www.creative-unternehmensgruppe.de. Falls ein Leser oder eine Leserin über persönliche Erfahrung mit dieser Firma verfügt, oder sich zum Beispiel dort vorstellt, würden wir uns über einen Erfahrungsbericht freuen!

Text: MM 21.2.07


Mehr Infos:
Adressen von Callcenter in Berlin
Callcenter in Potsdam
Callcenter in Cottbus



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