Club der polnischen Versager: Sonntags Kaffee-, Kuchen- & Hutverkauf

Der Name Chodowiecki ist seit 1906 aus Berlins Straßenverzeichnis bekannt. Von polnischer Zunge ausgesprochen,
Club der polnischen Versager
Der Club der polnischen Versager
Foto © -wn-
beginnt er mit einem aufsteigenden Rachenton wie ihn etwa ein Wisent in der Bialowiezer Heide in den Morgennebel stößt. Gleich einer rhythmisch punktierten Mazurka fließen nun die beiden o und das i dem e entgegen; dieses brandet zischend an das c und k, um schließlich derart melodisch erneut ins i zu wechseln - als hätte die Katowicer Jazz-Sängerin Lora Szafran die Vokalisation mit ihrer wunderbaren Stimme zwischen Jungmädchentimbre und Amazonengestus so tief fühlend gesungen, wie sie es beim Adaptieren des f-moll-Klavierkonzertes von Frederic Chopin tut. Die Musikalität dieses Straßennamens hielt die Berliner nie davon ab, den auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof begrabenen Maler und Zeichner Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726-1801) "Schodewiggi" zu nennen. Niemand hat Zweifel: Der Mann aus Danzig war ein Könner, schuf über 2000 Radierungen; berühmt sind die Illustrationen zu Lessings, Goethes und Schillers Erstausgaben. Vier Jahre lang leitete er die Akademie der Bildenden Künste in Berlin.

Club der polnischen Versager


Mit Blick auf diesen Erfolgsmenschen überrascht es, in einer Ladenwohnung mit unverglastem Kellerfenster in der Ackerstraße auf einen "CLUB der POLNISCHEN
VERSAGER" (Klub Polskich Nieudaczników) zu stoßen. Das Haus aus dem 18. Jahrhundert gehört zu den noch nicht restaurierten und erinnert an Kurt Tucholskys Befund, wonach in der Ackerstraße Geburt Fluch bedeutet. Wer die hier untergekommene Unternehmung von Berliner Polen begreifen will, muss um die nicht unwesentliche Bedeutungsschattierung wissen, die die Vokabel nieudacznik/Versager auf der geografischen West-Ost-Achse erfährt. Während der Versager in der deutschen Leistungsgesellschaft schlichtweg eine Niete ist und Hartz IV bezieht, reichert sich der Begriff nach Osten hin bedeutungsschwanger an, meint einen sich mühenden, nicht rundweg verachteten Sisyphos, dem es aufgegeben ist, aus der harten Lebensschule das Beste zu machen. Wir erkennen einen tätigen Versager und unentwegten Sucher, was an Chodowieckis zur Grandiosität führenden Umtriebigkeit erinnert. Der schrieb einmal: "Ich habe stehend, gehend, reitend gezeichnet."

Somit trifft die polnischen nieudaczniki mitnichten der Vorwurf, sie schielten wie der Fuchs auf die Trauben. Es findet sich bei ihnen vielmehr die Intention des polnischen Philosophen Leszek Kolakowskis (geb. 1927), einer heutzutage bis zur Manie getriebenen Ruhm- und Erfolgssucht eine Alternative entgegenzustellen und Scheitern als mögliche Bedingung für Kreativität zu erkennen. Der Club ist deshalb auf der Suche nach Möglichkeiten menschlicher Entfaltung jenseits der Kategorien der heutigen Erfolgs- und Konsumgesellschaft, in der - wie wir inzwischen wissen - der Mensch ähnlich unglücklich sein kann wie zu Zeiten des Mangels. Bei allem Versagen ist selbstredend ein genügend großer Schuss Ironie dabei. Mit einem so ungewöhnlichen Namen erregt man mehr Aufmerksamkeit als wenn man sich "polnische Glückssucher" genannt hätte. Der Schriftsteller polnisch-jüdischer Abstammung Alexander Moszkowski (1851-1934) erkannte früh den Wert von Illusionsworten, die uns "die Freude am Augenblick" erhalten, hier am Denkspaß daran zu ergründen, was diese angeblichen Versager denn nun eigentlich im Schilde führen.

Im Club gibt es u.a. dies: Neben den allsonntäglichen Kaffe-, Kuchen- und Hutverkäufen verweist das Programm auf die Aufführung des Dokumentarfilms von
Marcel Lozinski "Der Weg zum Erfolg". Der Film beleuchtet kritisch das Werden der polnischen Polit-Elite - ein Nachdenken über Politik, Zynismus, Macht, Geld und Popularität. In einer satirischen Late-Night-Show erfährt der Besucher alles zum Thema "Polen! Ein Urlaubsland voller Überraschungen! Die schönsten Horrortrips und -tipps" - in deutscher Sprache mit polnischem Humor, natürlich politisch unkorrekt. Andermal heißt es: "Die ganze Wahrheit über Polski Fiat!" Jeden dritten Montag im Monat präsentiert sich die thematisch offene Lesebühne FREIHAFEN, ein Abend mit Gedichten und Geschichten. Willkommen sind alle, die selber gern schreiben und lesen. Es laufen skurrile Filme wie "Tag eines Narren", in dem ein "Numeromane" alles siebenmal oder in sieben Zeiteinheiten macht: fluchen, bekreuzigen, Wasser schlucken, Kaffee umrühren, waschen - und der bestürzt ist, wenn andere es nicht so handhaben. Der Film "Mis" (Bärchen) ist eine spannende, mit bösem Witz gespickte Geschichte über den grauen Alltag im staatssozialistischen Polen. Seitens des Veranstalters wird ferner vorsorglich darauf hingewiesen, dass der Club weder polnische Würste verkauft noch billige Handwerker vermittelt und auch keinen Frauenhandel betreibt.

Desgleichen ist er kein Terrain für bemäntelnde Versager. Im Juli 1994 versuchte sich der DDR-Schriftsteller Stephan Hermlin (1915-1997) als deutscher Versager. Absichtsvoll rückte er die weihevolle Bemerkung ins "Neue Deutschland" ein: "Aber die Geschichte fragt nicht nur nach dem Erfolg eines Handelns. Es gibt eine Größe im Scheitern, die sich den Nachkommen, den Kindern mitteilt." Ein solches Heiligsprechen eines schmählichen Unterganges muss vom kreativen Versagen im polnischen Sinn deutlichst unterschieden bleiben.

Wie man zum "Club der polnischen Versager" kommt:
Er befindet sich in der Ackerstrasse 170, 300 Meter vom U-Bahnhof Rosenthaler Platz (U8) entfernt.
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag 20.00 bis 1.00 Uhr
Text: -wn-



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