Das Blockhaus Nikolskoje an der Havel - Die Russophilie eines Zauderers

In den 217 Herrschaftsjahren der Hohenzollern-Könige in Preußen - gerechnet ab Friedrich I. (1657-1713) bis zum deutschen Kaiser Wilhelm II. (1859-1941), der 1918 "abgedankt wurde" - gibt es ein
Restaurant Nikolskoje
Das historische Gasthaus Nikolskoje am
Südufer der Havel nahe der Pfaueninsel im Spätwinter
Foto © -wn-
unauffälliges gastronomisches Kuriosum. Einer der neun Throninhaber trug durch Duldung aufkommender nichtroyaler Zustände zur Gründung eines Wirtshauses am Havelufer bei: Nikolskoje. Mit diesem Namen verbindet sich die schleichende Verwandlung eines ursprünglich russophil intendierten königlichen Lusthauses mit Teestube im ersten Stock hin zu einem Amüsierlokal, in dem man sich bald nicht mehr nur auf den Verkauf von Limonaden aus Zitrone oder verdünntem säuerlichen Landwein beschränkte, sondern zu Klaviermusik tanzte und den König einen guten Mann sein ließ. Es ist der mit der schönsten preußischen Königin, der couragierten Luise (1776-1810), liierte, kleinmütige und allseits gehemmte König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840). (Bekanntlich entstammt er schwierigen familiären Verhältnissen. Nicht ohne Grund geht sein Vater, Friedrich Wilhelm II. (1744-1797), als "Der dicke Lüderjan" in die preußische Geschichte ein.) Aber schon aus Gründen des Standes und erst recht aufgrund persönlicher Abneigung gegen plebejische Ausschweifungen hätte sich der Sohn eigentlich nicht mit dem gemeinen preußischen Schankwesens in Verbindung lassen dürfen. Immerhin war er Bauherr und Nutzer des idyllisch gelegenen und heute als Gaststätte genutzten Blockhauses Nikolskoje, in dem sich - mit seinem Wissen - so nach und nach die Sitten der eingelassenen Untertanen lockerten. Das geschah vor allem, wenn Besucher der Pfaueninsel anschließend im königlichen Domizil einkehrten - und das überraschenderweise auch durften! Ansonsten gab es in der preußischen Geschichte kaum eine solche intime Berührung von Thron und Theke.
War etwa einmal der (nicht in direkter Linie) Vorfahr Friedrich II. (1712-1786) in einem Gasthof gelandet, dann nicht zum Biertrinken, sondern um durch das Fenster ein naheliegendes Schlachtfeld in Augenschein zu nehmen.

Über Denken und Fühlen von Friedrich Wilhelm bleibt wohl einiges auf immer im Dunklen. Er galt als der "fast immer ernste, oft moreuse (grämliche), wortkarge, nicht selten sarkastische König", wie ihn der Potsdamer evangelische Kanzelredner Rulemann Friedrich Eylert (1770-1852) in einer Biografie beschreibt. Erklären kann dieser aber auch nicht, wie der so introvertierte Monarch zu seiner Affinität für russische Kirchen- und Militärmusik und slawische Gesänge kam, so dass ihm die Tränen rannen, wenn russische Bassisten und Tenöre elegisch-forsche Lieder intonierten. Bei einem Erntefest im Dorf Paretz, das der König schon als Kronprinz als Sommersitz gekauft hatte, weitete er den musikalischen Rahmen noch aus. Er ließ seelentiefe und emphatisch getrommelte türkische Musik aufspielen. "Nach eingenommenem Mittagsmahle, wobei die Garde-Hautboisten (Militärmusiker) Janitscharen-Musik vorgetragen hatten, begab sich der König mit seinen Gästen aus dem Speisesaal in's Palais", wird berichtet. Bestimmend blieb aber die russophile Neigung, die nicht nur aufs Musikalische zielte. Friedrich Wilhelm beeinflusste das Bild des Potsdamer Nordens aufs Schönste: in Gestalt der berühmten Sänger-Siedlung im russischen Stil, Alexandrowka genannt. 1999 wurde dem damals schon bestehenden Potsdamer Weltkulturerbe die Kolonie hinzugefügt. Das 1819/20 in sechs Wochen gebaute Haus Nikolskoje wirkt - wie die Blockhäuser der Kolonie - kompakt und trotzig mit seinen schweren runden Holzstämmen, die sich an den Ecken kreuzen und sogenannte Schwalbenschwänze bilden. Vom oberen Balkon bietet sich ein weiter Blick auf die jenseitigen Havelhänge und auf die Heilandskirche am Sacrower Ufer. Türen, Fenster, Balkon und das weit vorspringende Dach sind mit geschnitzten Verzierungen im späten Barockstil versehen. Dieses wärmebeständige, feuchtedichte und heimelige Haus sollte eine Überraschung für seine älteste Tochter Charlotte von Preußen (1798-1860) sein, die seit 1817 durch eine Heirat mit dem
Blockhaus Nikolskoje an der Havel
Nordgiebel der Gaststätte Nikolskoje
Foto © -wn-
russischen Zarewitsch Nikolaus Pawlowitsch (1796-1855) Alexandra Fjodorowna hieß und ab 1825 Kaiserin von Russland war. 1819 trifft sie mit dem Gatten besuchsweise in Preußen ein und wird zum Haus an der Havel geführt. Der Vater soll gesagt haben:" Siehe, ein russisches Bauernhaus! Es ist eine vollkommene Kopie des Blockhauses, das dir so gut gefiel und in welchem wir froh waren, als ich euch in Petersburg besuchte. Du wünschtest damals ein solches Haus und meintest, man könne darin ebenso vergnügt sein wie in einem kaiserlichen Palaste." Hier drängt sich der Gedanke auf, dass Friedrich Wilhelms Tochter Charlotte etwas von den russischen Passionen des Vaters abbekommen haben muss. Mutter Luise schrieb in einem Brief über sie: "Unsere Tochter macht mir immer mehr Freude; sie ist zwar verschlossen und in sich gekehrt, verbirgt aber, wie ihr Vater, hinter einer scheinbar kalten Hülle ein warmes, teilnehmendes Herz."

Das verwirklichte russische Einzelhausprojekt an der Havel erhielt 1819 unter dem Ausbringen mehrerer Dasdrawswujets (Lebehochs) den Namen des Kronprinzen Nikolaus,
Eingangstür zur Gaststätte Nikolskoje
Eingangstür zur Gaststätte Nikolskoje
Foto © -wn-
des späteren Zaren Nikolaus I. Ungewollt angeschoben hatte den Hausbau aber die Zarenmutter und Schwiegermutter Maria Fjodorowna von Russland (1759-1828). Nach dem Sieg im Vaterländischen Krieg gegen Napoleon war es in Russland geradezu schick geworden, Patriotismus hervorzukehren. Da wollte Maria Fjodorowna mithalten und ließ in der Sommerresidenz Pawlowsk 30 Kilometer südlich von Sankt Petersburg das von finnischen Siedlern gegründete Dorf Glasowo zu einem runden "typisch russischen Dorf" mit künstlerisch gestalteten Blockhütten umgestalten. Natürlich waren russische Blockhäuser in der Realität kaum so prachtvoll wie in Glasowo, das sich heute Tiarlevo nennt. In der frühen Erzählung "Der Morgen eines Gutsbesitzers" von Lew Nikolaijewitsch Tolstoi (1828-1910) wird ein russisches Blockhaus realistisch beschrieben: "Die Behausung (des leibeigenen Bauern) Tschurissjoniks bestand aus einem halb verfallenen, an den Ecken angefaulten Blockbau, der sich zur Seite geneigt hatte und so tief in die Erde eingesunken war, dass die Fenster unmittelbar über dem Düngerhaufen hervor sahen. Ein rohgezimmertes Vorhaus mit vermoderter Schwelle und niedriger Tür schlossen sich an das Hauptgebäude an." Nicht von solchen Blockhäusern waren Charlotte und Vater Friedrich Wilhelm begeistert, sondern von den Edel-Katen, die sie 1818 von der Zarenmutter in Glasowo vorgeführt bekamen. Dort war dem Preußenkönig die Idee gekommen, in der Nähe Berlins ein solches Haus bauen zu lassen und es dem jungen Paar zu widmen. Friedrich Wilhelms Russophilie löste diesen Entschluss aus, den man diesem Monarchen mit gebremstem Gefühlsleben gar nicht zugetraut hätte. Der ebenfalls an allem Russischen interessierte US-amerikanische
russisches Bauernhaus
Vorraum eines russischen Bauernhauses
(Werchnije Mandrogi im Gebiet Leningrad, dessen Name
beibehalten wurde) / Foto © -wn-
Autor Robert Alexander (geb. 1952) kann den König verstehen: "Ich liebe (ebenso) die Russen für ihr dramatisches, gefühlsbetontes Gemüt. Sie haben keine Angst, zu lieben, verletzt zu werden, zu übertreiben oder impulsiv zu handeln."

Doch lassen sich sowohl das Blockhaus Nikolskoje als auch die keine zehn Jahre später errichtete Sänger-Siedlung Alexandrowka, die der Preußenkönig nach dem verstorbenen Zar Alexander I. (1777-1825) nennen ließ, nicht nur aus Friedrich Wilhelms Seelenleben erklären. Denn zunächst hatte der zaudernde Monarch im Kampf gegen Napoleon einem politischen Bündnis zwischen Preußen und Russland gegen den Imperator auszuweichen versucht. Er hielt Preußen für nicht stark genug. Mehr noch: Er billigte einen Vertrag mit Frankreich (5. März 1812), in dem Preußen zustimmte, Aufmarschgebiet der "Großen Armee" vor dem Einmarsch nach Russland zu werden. Er erklärte sich sogar bereit, Napoleons Streitkräfte mit zwanzigtausend Mann zu verstärken. Nach dem Desaster der napoleonischen Armee im russischen Feldzug - aber eben erst danach - erklärte der König am 16. März 1813 Frankreich den Krieg. Friedrich Wilhelm war förmlich zum Jagen getragen worden. Darunter vom überaus mutigen preußischen General Johann David Ludwig Graf Yorck von Wartenburg (1759-1830), der in eigener Verantwortung am 30. Dezember 1812 in der Nähe der litauischen Stadt Tauroggen (heute Tauragė) mit dem russischen General Iwan Iwanowitsch Diebitsch (1785-1831) die berühmte Konvention von Tauroggen unterschrieb. Es war ein Wendepunkt in den Napoleonischen Kriegen. Das preußische Hilfskorps der französischen Großen Armee im Russischen Feldzug erklärte sich für neutral. So kam es unter zögernder Mithilfe eines russophilen Monarchen zum "Beginn einer wunderbaren Freundschaft" zwischen Preußen und Russland. Es spann sich eine feste Beziehung zum regierenden Zaren Alexander I. an, bei der der Zar der dominante Freund war. Russische Brudergefühle sind nach Einschätzung des Slawisten Fritz Mierau (geb.1934) meist intensiv und emotional.
evangelische Kirche Peter und Paul
Die evangelische Kirche Peter und Paul
in unmittelbarer Nähe der Gaststätte Nikolskoje
/ Foto © -wn-
Das führe nicht selten "zu beträchtlichen Schwierigkeiten im persönlichen Umgang. Bei den Russen muss man sich ergeben können" schreibt Mierau. Das tat der Preußenkönig; er war eindeutig der zweite Mann im erlauchten Bund der Majestäten.

Ab 1820 sind häufige Besuche Friedrich Wilhelms III. "zum Thee" in Nikolskoe im Tagebuch vermerkt. Gleichzeitig bildet sich die erwähnte Dualität in der Nutzung des Gebäudes heraus. Das Blockhaus - von vielen damals das "Russische Haus" genannt - wird immer mehr ein Ort von Turbulenzen. Der vom König eingesetzte Verwalter, sein ehemaliger Leibkutscher Iwan Bockow (1777-1857), zieht an den beiden Tagen, an denen die benachbarte Pfaueninsel für das Publikum geöffnet ist, ein fröhliches Pintenleben auf, das mit russischen Traditionen wenig zu tun hat. Da sitzt niemand da "eingepackt in einen rechtgläubigen Vollbart", die russischen Teesitten genießend so wie es der Rasende Reporter Egon Erwin Kisch (1885-1948) in seinem ergötzlichen Band "Zaren, Popen, Bolschewiken" beschreibt: "Ein Stück Zucker stecken sie in den Mund und behalten es darin, während sie aus dem großen Tschainik (Teekessel) heißes Wasser ins Glas schütten und aus dem kleinen Tschainik Tee (Konzentrat) dazu und dann das Ganze in die Untertasse, aus der sie es siedend schlürfen." Nicht bedächtig russisch, sondern deftig preußisch soll es hinter dem Rücken des Königs dort zugegangen sein. Der "schlaufreundliche ausländische Wirt" in der "moskowitischen Hütte" Iwan Bockow würde auf dem Klavier spielen, und das Publikum tanze dazu. Der Verkauf der "Erfrischungen" war, streng genommen, eine Verletzung des königlichen Schankverbotes.
Russisches Wohnhaus
Russisches Wohnhaus (Jaroslawl an der Wolga)
Foto © -wn-
Im Angebot waren ferner "Buterbrodui", belegte Brötchen und auch Kuchen. In den 1850er Jahren war Nikolskoje schon eine Gaststätte. Im Stadtführer "Berlin. Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebungen" heißt es: "In der Nähe der (Pfauen) Insel, auf einem Berge, liegt Nikolskoje, ein russisches Blockhaus; hier kann man bei dem Iwan Erfrischungen einnehmen; auch bietet die Anhöhe eine prächtige Aussicht, die indes vom Vorplatz der nahen Peter-Pauls-Kirche noch schöner ist." Und selbst die Geschichte eines Spitzels wurde aktenkundig. Als der im Haus mitwohnende Matrose Christian Schulz, der für das Übersetzen der Besucher zur Pfaueninsel zuständig war, dem zuständigen Hofgärtner Joachim Anton Ferdinand Fintelmannn (1774-1863) 1829 hinterbrachte, "Schwärme von Gästen würden die Gegend erheblich verunreinigen und die
Havel bei Berlin border=
Blick auf die Havel; in der Bildmitte das Schloss Pfaueninsel
Foto © -wn-
königlichen Räume als Tanzsalons missbrauchen", mahnte das zuständige Hofmarschallamt mit Wissen des Königs nicht Iwan Bockow ab, sondern entließ den Matrosen, dessen Lebensweg sich ab dann verliert.

Das Restaurant Nikolskoje in Berlin


Auch das Russische ist inzwischen aus dem Haus gewichen. Blockhaus Nikolskoje führt dennoch zu Recht den Untertitel "Das historische Gasthaus". Der beliebte Ausflugsort bietet heute gehobene Küche mit saisonaler und regionaler Ausrichtung an. So gibt es in der Herbstzeit Pilze und Wildgerichte. Wer aber der Gefühlswelt des Königs nahesteht und - was sonst - russisch essen möchte, kann dies im Haus Nr. 1 in der naheliegenden Siedlung Alexandrowka (Potsdamer Jägervorstadt) tun. Dort warten sie auf mit Sibirski Pelmeni auf den Gast, mit einem scharf gewürzten Kosakentopf, einem ukrainischen Hühnerkotelett Kiew, mit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Sankt Petersburg erstmals kreierten Buf Stroganoff aus Filetspitzen vom Rind, mit Lachsfilet nach "Zarenart" und einem Hexenkessel, benannt nach der alten Baba Jaga, der Hexe aus der russischen Märchenwelt. Wer sich durch diese Speisekarte aß, kam Russland ein Stück näher.

Wie man zum Blockhaus Nikolskoje kommt:
Aus der Innenstadt kommend benutzt man die Bundesstraße B1, fährt bis zum Düppeler Forst und biegt dort von der Königsstraße rechts in den Nikolskojer Weg ein. Von da sind es noch ca. zwei Kilometer bis zum Blockhaus. Ein Parkplatz ist vorhanden. Die Personen-Fähre zur kurzen Überfahrt auf die Pfaueninsel ist in unmittelbarer Nähe. ( Text: wn )


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Adresse:
Blockhaus Nikolskoe
Nikolskoer Weg 15
14109 Berlin
Telefon: 030 / 8052914

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