Das Berliner Jüdische Theater BIMAH: …und der Rebbe, der bist du!

In der ersten Reihe eines Theaterparketts zu sitzen oder einen Außenplatz zu belegen, das könnte für denjenigen Bedrängnis bedeuten,
Front des Jüdischen Theaters BIMAH
Die Vorderfront des Jüdischen Theaters BIMAH
linkerhand im Hof des Berliner Admiralspalastes
Foto © -wn-
der nur ungern zahlreiche Blicke auf sich gerichtet sieht - wozu es an diesen Örtlichkeiten unter Umständen kommen kann. Mit spaßigen, sogar peinlichen Situationen ist dabei zu rechnen. Eingetreten sind solche Lagen, als der moderierende Komiker Hape Kerkeling (geb. 1964) alias Horst Schlämmer ("Ich bin am Müffeln.") von der Bühne stieg und auf Kosten angesprochener Zuschauerinnen grenzwertige Witze machte wie "Schätzilein, Du bist ein scharfer Hase." Oder als andernorts ein sichtbar gereifter Herr mit einer um Dezennien jüngeren Begleiterin ins Visier der scharfzüngigen Entertainerin Désirée Nick (geb. 1956) geriet und er sich zum Ergötzen des Publikums anhören musste: "Aber hallo, euch beiden sieht man an, dass bei euch heute noch was Tolles ablaufen wird." Zumindest solchem zur Häme hinneigenden Spott entgeht, wer im Berliner Jüdischen Theater BIMAH gleichfalls auf einer vorderen Position zum Sitzen kam, etwa um das turbulente Bühnen-Programm "Drei Witwen suchen den tanzenden Rebbe" aus nächster Nähe anzusehen. Die singenden, teils freundlich pointiert teils zickig giftenden, insgesamt viel jüdischen Frohmut verbreitenden Witfrauen geben vor, auf dem Weg zum Rabbi zu sein. Und den finden sie am Schluss wo? Natürlich stets in der ersten Zuschauerreihe - nach dem Motto: "…und der Rebbe, der bist du!" Der jeweils Ausgewählte tanzt dann mit den drei Grazien ein paar normlose, raumgreifende Schritte, lässt sich meist zu diversen Drehungen hinreißen, und die Zuschauer sparen nicht mit zusagendem Beifall, denn alle wissen: Rebbe - das kann überhaupt nicht jeder. Dass hier im Jüdischen Theater im Berliner Admiralspalast der Rabbi, der Rabbiner, dann und wann liebevoll auf die Schippe genommen wird, ohne dessen Weisheit ernsthaft zu infrage zu stellen - das wirkt auf die der Synagoge Fernstehenden zunächst überraschend.

In der Literatur tauchen Rabbiner auf, die wegen Wohltätigkeit beliebt sind und wegen Lebensklugheit Ansehen genießen.
In ihnen personifiziert sich auch ein Grundzug jüdischen Wesens, der unbedingte, gegebenenfalls auch säkulare Drang nach Bildung. Der ukrainische Rabbiner und Schriftsteller Jakub Izaak Niemirower (1872-1939) weiß von dem einflussreichen Rabbi Mosche zu berichten, von dem es heißt, "wer mit ihm verwandt ist, kann auch eine hässliche Tochter leicht und gut verehelichen". Dieser mit allen Wassern gewaschene Würdenträger habe, sagen seine Schäfchen, mit dem Propheten Eliahu (Elias) in engem Kontakt gestanden; und es wird argumentiert, es dürften die Glaubenszeugnisse und Mahnungen eines Rabbis, der über eine solch exorbitante Beziehung verfügt, schwerlich aus der Luft gegriffen sein - ist doch logisch. Es gab freilich auch Rabbiner mit schlagenden Argumenten - worüber Franz Kafka (1883-1924) schreibt. Im Fragment gebliebenen Essay "Vom jüdischen Theater" beschreibt er einen "literarischen" Rebbe, der die heimlichen Theater-Versuche von Schülern in einer Warschauer jüdischen Chederschule mit Prügel ahndet. "War der Rebbe fort, dann war im Cheder regelmäßig Theater, ich war Direktor, Regisseur, kurz alles, auch die Prügel, die ich dann vom Rebbe bekam, waren die größten. Aber das störte uns nicht … wir haben doch jeden Tag andere Theaterspiele ausgedacht" - so heißt es in einem Oktavheft Franz Kafkas. Dem kräftig zulangenden Rebbe wird das Argument in den Mund gelegt: "…das Theater ist nur für die Gojim (Nichtjuden) und für die Sünder da".

Im Theater BIMAH ist er trotz dieser vom Leben längst korrigierten Aussage eine immer wieder gegenwärtige Person.
siebenarmige Menora
Die siebenarmige Menora. Der Leuchter ist
eines der häufigsten jüdischen Symbole,
darunter auch im israelischen Staatswappen.
Foto © -wn-
Auch in der Inszenierung "Shabat Shalom - ein Freitagabend in einer jüdischen Familie" geht es natürlich nicht ohne einen zumindest verbal ins Spiel gebrachten Rebbe ab. Lieder voller Witz und Traurigkeit erklingen in dieser Aufführung, und manchmal kommt zionistische Siedler-Romantik vom Beginn des 20. Jahrhunderts auf, deren heutige Auswüchse im Westjordanland auch die Freunde Israels nicht ohne Sorge verfolgen. Über die damals angekommenen jüdischen Emigranten schreibt der Schriftsteller Arthur Holitscher (1869-1941) in seinem Report "Reise durch das jüdische Palästina". 1922 berichtet er: "Viele lustige Lieder gibt es (in den Lagern der neuen Siedler), es sind ja zumeist lustige Lieder, die man singt, aus der Frohheit der Gemeinschaft, der Freude an dem Leben unter Brüdern. Aber es ist der jüdische Frohsinn, die schwere, geschlagene Seele (ist) bedrückt, (sie) verzerrt den Rhythmus, und durch den heitersten dieser Gesänge tönt der zum Sterben traurige Unterton der Klage gegen das übermächtige Schicksal hindurch, das das Volk seit Jahrtausenden bedrängt, - eben jene Klage Jesajas, das schaurige Warum." Am galiläischen See Genezareth notiert Holitscher den Text eines jiddischen Liedes. Es handelt von der alten Heimat in den Pripjet-Sümpfen im Nordwesten der Ukraine. "Auf dem Pripjetschick / Brennt a Feierl, / Un dos Herz is kalt - / Weil die Alten sennen / Toiten schon lang - Un die Jungen alt. - " "Oft hörte ich die melancholische Weise, an Freitagabenden, an Samstagabenden, in Zelten und Baracken singen. An vielen Orten, von jungen Arbeitern, jungen Mädchen, frischen Stimmen und auch müden", heißt es im Bericht.

Ein wenig von dieser Aufbruchsstimmung kann man getrost dem Ensemble um Prinzipal Dan Lahav (geb. 1946) zuerkennen - ist es doch selbst im Aufbruch begriffen:
Mit einer Theatralik, in der sich Heiteres, Lebensernst und Schicksalhaftes bewegend mischen. Das Theater übersiedelte erst im Herbst 2011 aus der ehemaligen Tanzschule des Komponisten und Verlagsgründers Will Meisel (1897-1967) in der Neuköllner Jonasstraße in sein neues, nun sehr prominentes Domizil - in den Admiralspalast. Auch sein Credo brachte das Ensemble mit: Nicht nur für Menschen jüdischer Herkunft spielen, sondern für jedermann. Die Bühne fühlt sich nach eigener Darstellung der Präsentation zeitgenössischer Stücke israelischer, englischsprachiger, US-amerikanischer und deutsch-jüdischer Autoren verpflichtet. In der Inszenierung "Eine unglaubliche Begegnung im Romanischen Café - bevor die Jeckes Jeckes (jüdische Emigranten) wurden" erklingen Chansons der 30iger Jahre aus den Werken von Friedrich Hollaender, Bertolt Brecht und Kurt Weill und anderen. In dem Stück "Das Geheimnis der Pianistin in der 5. Schublade" über die oft bestürzende Widersprüchlichkeit des Lebens öffnet die israelische Autorin Hannah nach der Beerdigung ihres Onkels Chaim eine über Jahrzehnte verschlossene Schublade seines Schreibtisches. Ihr Inhalt birgt Überraschendes... Die Handlung erinnert an den Dokumentarfilm des israelischen Regisseurs und Drehbuchautors Arnon Goldfinger (geb. 1963), der in der Wohnung seiner in Tel Aviv verstorbenen Großeltern ebenfalls außergewöhnliche Dokumente findet. Die Papiere belegen eine persönliche Verbindung seines zionistischen Großvaters Kurt Tuchler (1894-?) mit Leopold Itz Edler von Mildenstein (1902-1964?), einem SS-Offizier mit Sympathien für den Zionismus.

Auch im Stück "Das Zimmer" des britischen Theaterautors Harold Pinter (1930-2008) gewinnt ein Relikt aus der Vergangenheit Bedeutung; das Stück aus dem Jahr 1957 wurde mit weiteren Textpassagen und Gedichten Pinters ergänzt. Abende, an denen weitere bedeutende Autoren mit Texten zu Worte kommen, bereichern den Spielplan. Heinrich Heine (1797 od. 1799-1856) etwa, der in der "Rezension" einer Aufführung von "Romeo und Julia" in den Neuen Gedichten seinen ganzen Humor freisetzt: "Hol' der Teufel deine Mutter, / Hol' der Teufel deinen Vater, / Die so grausam mich verhindert, / Dich zu schauen im Theater. // Denn sie saßen da und gaben, / Breitgeputzt, nur seltne Lücken, / Dich im Hintergrund der Loge, / Süßes Liebchen, zu erblicken. // Und sie saßen da und schauten / Zweier Liebenden Verderben, / Und sie klatschten großen Beifall, / Als sie beide sahen sterben." Neben dem Abend "Sie und Er und mehr - eine szenische Lesung von und ohne Ephraim Kishon" (1924-2005) hat auch Kurt Tucholsky (1890-1935) ein eigenes Programm. Der Womanizer hinterließ im großen Werk auch sechs beredte Zeilen über die "Konjugation in deutscher Sprache // Ich persönlich liebe / du liebst irgendwie / er betätigt sich sexuell / wir sind erotisch eingestellt / ihr liebt mit am besten / sie leiten die Abteilung: Liebe" (1928). Das literarische Vorbild der Claire aus seinem weltberühmten Rheinsberger Sommermärchen, seine erste Frau Else Weil (1889-1942), beschrieb Tuchos "Konjugationen" mit den ätzenden Worten: "Als ich über die Damen wegsteigen musste, um in mein Bett zu kommen, ließ ich mich scheiden."

Man macht sich keiner Übertreibung schuldig, nennt man die "Darsteller-Genossenschaft" BIMAH ein Kleinod der Berliner Theaterlandschaft.
siebenarmige Menora
Das Bild zeigt nicht den Heiligen
Franz von Assisi (1181/82-1226),
der den Vögeln eine Predigt gehalten
haben soll. Abgebildet ist der jüdische
Tischlersohn Jeschua aus dem
galiläischen Nazareth, der spätere
Wanderprediger Jesus Christus
(4 v. Chr.-30/31 n.Chr.).
Die Skulptur mit Tauben steht vor
dem Eingang der evangelischen
Gethsemane-Kirche in Berlin
Prenzlauer Berg./ Foto © -wn-
Die Bühne befindet sich in der 1913 in Bialystok begründeten und 1916 in Moskau fortgeführten jüdischen Habimah-Theatertradition, in deren Geist das "Moskauer Akademische Künstlertheater" gegründet worden war. Bei einem Gastspiel in den USA teilte sich das Ensemble. Während Habimah-Chef Nahum Zemach (1887-1939) und weitere Akteure in den Vereinigten Staaten blieben, gingen andere nach Palästina. 1945 gründeten sie in Tel Aviv das heutige israelische Nationaltheater. In Berlin nahm der rührige Dan Lahav die Tradition 2001 wieder auf und kann inzwischen auf ein gutes Jahrzehnt zurückblicken. Es ist naheliegend, zur Begründung des künstlerischen Erfolges des Ensembles die Feststellung in Anschlag zu bringen, die der deutsche Zionist Fabius Schach (1869-1930) Anfang des vergangenen Jahrhunderts in der jüdischen Zeitschrift "Ost und West" traf: "Bei keinem Volk ist so sehr die Verstandes- und Gefühlswelt harmonisch miteinander verbunden wie bei den Juden. Der Jude denkt mit dem Herzen und fühlt mit der Vernunft." Doch der Blick in die deutsche Theatergeschichte vor dem Holocaust offenbart das "jüdische Element" auf noch umfassendere Weise. 1928 erklärte der Berliner Schauspieler und Regisseur an der hauptstädtischen Piscator-Bühne Erwin Kalser (1883-1958) in einen Vortrag: "Der Jude und das Theater ist eine Begriffsverbindung, die sich für uns aus der Praxis des Heutigen sozusagen von selbst versteht." Damit war auch das Wirken deutscher Theaterleute jüdischer Herkunft gemeint - Otto Brahm (1856-1912) etwa, der als Hauptbegründer des Bühnenrealismus und Wegbereiter des Naturalismus im deutschen Theater gilt. Unvergessen auch Max Reinhardt (1873-1943), den man den Begründer des modernen Regietheaters nennt. Er starb als Emigrant in New York. So wie man der Theatertruppe um Dan Lahav eine weiter steigende Besucherzahl wünscht, so möchte man erwarten, dass im deutschen Theaterwesen jene jüdisch intendierte Verbindung von Weisheit, Witz und - von keinem Rebbe gebremste - Bühnenlust noch vermehrt zum Tragen kommt.

Wie man zum Berliner Jüdischen Theater BIMAH kommt:
Das Theater befindet sich direkt am S- und U-Bahnhof Friedrichstraße. Seinen Eingang findet man linkerhand im Hof des Admiralspalastes.
Text: -wn- / 28.05.2012

Jüdisches Theater Berlin
Friedrichstr. 101
10117 Berlin

Öffnungszeiten:
Mo.-Fr. 10.00 - 18.00 Uhr
Kartenvorbestellung:
Tel. 030 / 251 10 96


Jüdischen Theater BIMAH auf einer größeren Karte anzeigen

Theater in Berlin :
  • Die Stachelschweine
  • Ackerstadtpalast
  • Admiralspalast
  • Atze Musiktheater
  • Ballhaus Naunynstraße
  • Ballhaus Ost
  • Bar jeder Vernunft
  • BAT Studiotheater
  • Berliner Ensemble
  • Berliner Kabarett Anstalt
  • Berliner Kriminaltheater
  • Bühnenrausch
  • Cafe Theater Schalotte
  • Deutsches Theater
  • Distel
  • Dungeon Berlin
  • English Theatre
  • Figurentheater Grashüpfer
  • Garn Theater
  • Grips Theater
  • Heimathafen Neukölln
  • Hexenkessel Hoftheater
  • Kleine Theater
  • Kookaburra Comedy Club
  • Lese-Theater in Berlin
  • LSD Lesebühne
  • Maxim Gorki Theater
  • Mehringhoftheater
  • Murkelbühne
  • Popelbühne
  • Prenzelkasper
  • Rroma Aether Klub Theater
  • Schlossparktheater
  • Stammzellformation
  • Tanztheater Dock 11
  • Tanztheater in den Sophiensælen
  • Theater und Komödie am Kurfürstendamm
  • Theater Aufbau Kreuzberg
  • Theater des Westens
  • Theaterdiscounter
  • Theaterhaus Berlin Mitte
  • Theater Hebbel am Ufer
  • Theater im Keller
  • Theater im Palais
  • Theater Mirakulum
  • Theater Hans Wurst Nachfahren
  • Theater ohne Namen
  • Theater O-Tonart
  • Theater RambaZamba
  • Theater unterm Dach
  • Theater zum Westlichen Stadthirschen
  • Tipi am Kanzleramt
  • Vaganten Bühne
  • Volksbühne
  • Wühlmäuse

  •  
    Locations in Berlin Restaurants Diskotheken Strandbars Biergärten Grillplätze Kneipen Clubs Einkaufen in Berlin Verkaufsoffene Sonntage Elektronikmärkte Einkaufscenter Möbelhäuser Trödelmärkte Baumärkte Mode Urlaub in Berlin Ferien & Feiertage Autovermietungen Hotels Sehenswürdigkeiten Gedenkstätten Museen Plätze Freizeit Veranstaltungen Ausflugstipps Nachtleben Bäder in Berlin Schwimmhallen Freibäder Berliner Bezirke Straßenverzeichnis Ämter & Behörden Berliner Firmenverzeichnis Rechtsanwälte Banken Ärzte Sonstiges Partnerschaft & Kontakte Wellness Wohnen Arbeit Forum Blog Datenschutz & AGB Urlaub in Brandenburg