Erstes Berliner Lese-Theater: Muntere Leseratten statt träger Fernsehgucker

Man kennt das: Das Neugeborene kann - außer die volle Windel oder andere Störungen des Wohlbefindens weinend zu beklagen - nichts weiter erklären.
Berliner Lese-Theater
Ein Plakat des Berliner Lese-Theater
Foto © - wn -
Sprachlos kommt es auf die Welt. Während des Heranwachsens erlernt das Kind aber recht schnell und ohne formale Unterweisung die Sprache seiner Umgebung und kann sich mit ihrer Hilfe bald ausreichend artikulieren. Erst spricht es Wörter, später Sätze, schließlich überblickt es ganze Texte. Zwar nennt es anfangs den Hund Wau-wau, das Huhn Putt-putt, und zur kleinen Hautwunde sagt es Weh-weh; solche Kennzeichnungen sind bald heitere Erinnerungen auf dem raschen Weg zum Verstehen der gehörten und zum Beherrschen der gesprochenen Sprache. Ganz anders verhält es sich beim Erkennen geschriebener und gedruckter Schriftzeichen. Das Lesen lernt man nicht so nebenher. Schriftzeichen sind stumm, sie sprechen und betonen nicht, noch heben sie die Stimme und machen keine Pausen - ihr Sinn erschließt sich erst nach intensivem Üben, eben dem Lesenlernen, einer intellektuellen Schwerstarbeit, die erst einmal verrichtet sein will.

Im Berliner Lese-Theater :


Wer in jungen Jahren eine Leseratte ist, macht sich diese Arbeit leicht und verknüpft die Notwendigkeit des Erlernens der Schriftsprache mit dem Schönen und Abenteuerlichen, das Bücher bieten, und wird in der Leistungsgesellschaft davon später seinen Vorteil haben. Dabei ist der Begriff Leseratte erst seit Jahrzehnten von einer anfänglich negativen Prägung entbürdet. Wurde doch tatsächlich die Fresslust
der Ratte auf die Lesegewohnheiten des Viellesers übertragen. Im berühmtesten Roman des französischen Schriftstellers Stendhal "Rot und Schwarz" ist die Wendung deshalb noch ein ausgesprochenes Schimpfwort. Mit ihm attackiert der Sägemüller Sorel aus dem mittelfranzösischen Verrières seinen lesehungrigen Sohn Julien und verbietet ihm, in den "verfluchten Büchern" zu lesen. Die Rolle des lesefeindlichen Sägemüllers übernahm später das Fernsehen. Es schimpft zwar nicht, aber es verführt nicht wenige zu blödem Glotzen. Statt geistig rege Leseratten wachsen oft denkträge Vielseher heran.

Hier setzt die zeitgemäße Idee der beiden Berliner Schauspielerinnen Elke Reuter-Hilger und Grit Riemer an, von der zu hoffen ist, dass sie sich auf Dauer auch als eine ebenso gute Geschäftsidee erweisen wird. Die beiden Absolventen der namhaften Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" wollen das Lesenlernen, wo noch nötig, vom Nimbus einer Schufterei befreien. Deshalb gründeten beide vor einiger Zeit in der Schönhauser Allee das Erste Berliner Lese-Theater. In seinen Räumen können Leseratten und solche Kinder, die es erst werden wollen oder sollten (!), sich auf andere Art als vielleicht zu Hause mit Buchstaben und Sätzen befassen. "Wir lesen für euch - Wir lesen gemeinsam - Ihr lest für uns und andere" - so lautet das einprägsame Motto dieser besonderen, die Schule unterstützenden Sprechbühne. Selbst wer daheim auf Bauch oder Rücken liegend zu schmökern gewohnt ist, wird staunen, auf welche Weise man noch lesen kann: Man liest wie üblich vorwärts, man liest im Lese-Theater aber auch rückwärts, was bekanntlich sehr spaßig ist. Gelesen wird ferner im Stehen, im Liegen und Sitzen, auch geschminkt, allein oder gemeinsam. Es werden Buchstaben auf den Kopf gestellt, es wird mit veränderter Stimme gelesen und überhaupt viel improvisiert. Elke Reuter-Hilger und Grit Riemer
Mädchen hat Spaß am Lesen
Ein Besuch im Lese-Theater weckt bei vielen Kindern die
Lust am Lesen - Foto © bilderstoeckchen
stellen vielfältige Lesungen zusammen, die in den Kursen spielerisch gestaltet werden. Dabei ist es nicht das Ziel des Theaters, die Kinder etwa mit klassischen Texten zu konfrontieren. Leseerlebnisse in der Kindheit und Jugend dürfen - bitte schön - ein bisschen verrückt und auch anarchisch sein. Wenn sich andrerseits Friedrich Fröbels etwas betuliche "Mutter- und Koselieder" besonders gut im Kopfstand lesen lassen sollten - dann sind diese Texte höchst geeignet, Lesemotivationen zu stärken. Im Ersten Berliner Lese-Theater wird dem jungen Publikum auf unkonventionelle Art nicht nur jegliche Angst vor Texten genommen, sondern der Vorgang des Lesens erlangt eine Wertigkeit, die altersgemäß mit fetzig, mega und cool nicht übertrieben beschrieben sein soll. Erst wenn es die Kinder tatsächlich so empfinden, können sie wichtige literarische Kontakte etwa mit Erich Kästners "Emil und die Detektive", Erwin Strittmatters Tinko oder Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn und mit vielen anderen aufbauen und das dabei Erlebte staunend genießen. Vor allem werden sie Bücher als wahre Freunde erkennen, die einen im Leben nie enttäuschen.

Den kulturellen Sinn dieser Form erlebnisbetonter Leseförderung in unserer von elektronischen Medien beherrschten Welt erkennen die Lese-Theater-Schüler erst, wenn sie sich später ihrer gesteigerten Lesekompetenz selbst bewusst werden, also ihrer gut ausgebildeten Fähigkeit, an allen Lebensschauplätzen Texte fließend lesen und umgehend verstehen zu können. Den Antrieb zum Lesen wollen die beiden Schauspielerinnen als bleibenden intellektuellen Anspruch wecken, damit - wie der französischer Schriftsteller Marcel Proust einmal schrieb - diese intensive Art der Weltwahrnehmung für die Kinder "das offene Tor zu allen Wegen (ist), die bis an das Ende der Welt reichen".

Wie man zum Lese-Theater in Berlin kommt:
Das Lese-Theater befindet sich in der Schönhauser Alle 71 A in 10437 Berlin, Tel. 411 98 056; direkt am U-Bahnhof Schönhauser Allee (U2); fast vor der Haustür hält die Tram M1 Richtung Rosenthal bzw. Schillerstraße; Auf der Internetseite www.wortschatzberlin.de können sich Eltern und Lehrer über die Kurs-Angebote informieren.
Text: -wn-



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