Dieter Hallervordens Schlossparktheater: "sowie meine Wenigkeit"

Es ist nur wegen Elsa. Die Kuh Elsa, infolge Balkensturzes in einem der Butlerstücke des Wortäquilibristen Dieter Hallervorden so plötzlich dahingegangen - dieses Rind aus der Herde derer von Seidewitz -
Schlossparktheater in Berlin
Das Schlossparktheater in Berlin
Foto © -wn-
welch wahrhaft würdiges Theater-Wappen gäbe es ab. Man könnte sich ein Elsa-Replikat oben auf dem klassizistischen Giebeldreieck über den vier dorischen Kleinsäulen der Schlossparktheater-Tür gut vorstellen - nicht damit es draußen schon mal lustig wird - nein, als Ankündigung dessen, was hier im Haus nun Sache ist. So auf die Denkart des neuen Schauspieldirektors eingestimmt durchschritte man das Entree, um hineinzugehen in den wieder einmal neu eröffneten, 440 Plätze großen Alt-Berliner Musentempel im ehemaligen Wirtschaftstrakt des Steglitzer Gutshauses. Im September 2009 eröffnete der deutsche Komiker der Premium-Klasse das im Jahr zuvor angemietete Haus, um es auf eigene Rechnung - hoffentlich recht lange! - zu betreiben. Es soll auch Musik erklingen, ließ der Meister hart erarbeiteter Pointen wissen, der sich auf der Liste berühmter Darsteller-Namen des Hauses mit "sowie meine Wenigkeit" einordnet. Wenn Musik, dann bitte nicht zu vergessen: Darius Milhauds "Der Ochse auf dem Dach" ("Le boeuf sur le toit"). Nur wegen Elsa; dabei soll sie nicht zum Ochsen werden. Dennoch wäre Milhauds draufgängerische, durch nichts und niemand aufzuhaltende Musik eine überfällige Hommage auf die Märtyrer-Kuh, weil eben auch die Stimmung, die den "Ochsen auf dem Dach" durchströmt, jener Atmosphäre nahe kommt, die man heute im Schlossparktheater zu erfühlen glaubt: entschlossener Froh- und Eigensinn, Tränendrüse und theatralische Ernst-Anmahnung sowie gepflegte Handwerklichkeit, die hineinleuchten soll in diese Welt des Seichten, Dummen und des Mittelmaßes draußen vor der Tür.

Das Schlossparktheater in Berlin


Hallervordens ureigener Intensivblick, zelebriert mit bübischer und mit leichtem Vorwurf versetzter Harmlos-Geste - verbunden mit seinem berühmten "öh" - welcher Bühnenkünstler kann schon von sich sagen,
durch ein "öh" berühmt zu sein! - sein Blick also kam auch in der ersten Inszenierung des Hauses mehrfach zum Tragen. "Die Socken Opus 124", Katharina Thalbachs Inszenierung des gleichnamigen Stückes des Franzosen Daniel Colas, ist ein der "Sonny Boy"-Geschichte des amerikanischen Dramatikers Neil Simon ähnelnde Story. Bremont, Hallervorden im Clown-Kostüm, und Verdier (gespielt von Ilja Richter) sind zwei Schauspieler ohne Engagement und Zukunft, die noch einmal einen gemeinsamen Auftritt probieren. Bremont, seiner beruflichen Abseitsstellung voll bewusst, stellt wenigstens wichtigtuerisch seine Abkunft aus der Schule theatralischer Akribie heraus. In diesem Präzisionswahn stören ihn sogar die Löcher in Verdiers Socken, auch wenn er sie nur kurz sieht. Natürlich wird aus dem Comeback nichts. Der erwartete Produzent bleibt aus. Das Stück endet mit dem x-ten Versuch, den Probedurchlauf zu beginnen. So wie manches Musikstück lange kein Ende findet, erschöpft sich Colas Opus lustvoll in einem sich beständig wiederholenden Anfang.

Das kleine unter Denkmalsschutz stehende Haus ohne festes Ensemble hat nach seinem Einzug ins Steglitzer Gut im Mai 1921 alle Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte miterlebt, sich mit außergewöhnlichen Zumutungen der Zuschauer über Wasser zu halten gewusst. Während der Inflationszeit 1922/23 verkaufte man die billigen Karten zum Preis von zwei Eiern, die teueren kosteten ein Pfund Butter. Nachdem das Haus bis 1945 unter dem Namen "Parklichtspiele" als Kino genutzt wird, eröffnet es der deutsche Regisseur Boleslaw Barlog am 1. November 1945 mit der Komödie "Hokuspokus" von Curt Goetz, eine Mordsache ohne Opfer. 27 Jahre ist Barlog Chef. Die dem Goetz-Stück folgende Inszenierung "Drei Mann auf einem Pferd" riss den RIAS-Theaterkritiker Friedrich Luft ("gleiche Zeit, gleiche Welle, gleiche Stelle") mit Blick auf die triviale Gaunergeschichte zu der begütigenden Bemerkung hin, dass das Schlossparktheater "kein Gedankenpalast" sei. Es fände auf seinen Brettern kein Versuch statt, "den Rätseln des Lebens dramatisch auf die Spur zu kommen" - sicher nicht falsch für den geschichtlichen Moment. Es hatte den Anschein, als sei es in diesen Nachkriegsjahren darum gegangen, nach "wüster Zeit das Publikum zu entwüsten" - so das "Berliner Tageblatt". Dass das Amüsement zum Kopf-frei-kriegen nie zu kurz kam, dafür sorgte eine Personage der großen Namen, an der es dem mit der deutschen Theatergeschichte eng verbundenen Haus nie fehlte. Zum Ensemble gehörten u.a. Hildegard Knef, die hier debütierte, Klaus Kinski und Martin Held. Der irische Schriftsteller Samuel Beckett inszenierte sein weltbekanntes Stück "Warten auf Godot", dem "Die Socken Opus 124" ein wenig ähneln. Die dramatisierte Fassung des unvollendet gebliebenen Kafka-Romanes "Das Schloss" erlebt hier seine Uraufführung.

In der begonnenen Hallervorden-Ära erheitert die skurrile Politsatire "König der Herzen" die Zuschauer. Der britische Thronfolger hat sich in ein muslimisches Mädchen verliebt und will zum Islam konvertieren - Didi herrlich als zynischer Premierminister. Dann steht er als Jürgen Zebralla auf der Bühne, als jener geschiedene alte Herr, der mit seinem Sohn in einer WG lebt. Der Kabarettist Frank Lüdecke, ein geistreicher Mann mit Sinn für prononciertes Formulieren, schrieb die Geschichte des jungen Vaters und des alten Sohnes. Der Tagesspiegel moniert an Hallervordens Spiel in aller Vorsicht: "Wirklich emanzipiert hat er sich von seiner Rolle als Komiker nicht." Will er das, muss er das? Warum darf man ihn - so wie er ist - sich nicht selbst als Tartuffe, Trygajos oder Faust vorstellen? Und verschwände plötzlich gar das "öh", dann wäre Elsa umsonst gestorben.

Der Weg zum Schlossparktheater in Berlin:
Das Theater befindet sich in der Schloßstrasse 48 in 12165 Berlin
S-Bahn: S1 in Richtung Wannsee - Haltestelle Rathaus Steglitz
U-Bahn: U9 in Richtung Rathaus Steglitz - Haltestelle Rathaus Steglitz
Bus: M48 in Richtung Zehlendorf/Busseallee - Haltestelle Schlossparktheater
M85 in Richtung Lichterfelde Süd/Rathaus Steglitz - Haltestelle Rathaus Steglitz
Text: -wn-


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